Wie Eigentümer das Klima retten sollen

19. Juli 2021

Die EU macht Vorgaben für Gebäudeeffizienz. Experten sehen darin einen teuren Irrweg

von Michael Fabricius
Die Klimaschutzpläne der Europäischen Union haben nicht nur gravierende Folgen für Autofahrer und Industrie. Auch Gebäude sollen effizienter werden als heute. Sie sollen weniger CO2 bei der Wärmeerzeugung emittieren und möglichst viel Energie am besten selbst produzieren. Bei der Vorstellung des Gesetzespakets „Fit for 55“ am Mittwoch fiel es zunächt nicht sonderlich auf. Doch bei näherem Hinsehen kommen in den nächsten Jahren gewaltige Kosten auf Hauseigentümer und Mieter zu.

Manche Formulierungen in dem Klimaschutzpapier sind vage und lassen den Mitgliedsstaaten viel Spielraum bei der Umsetzung in nationales Recht. So ist allgemein die Rede davon, „Energieeffizienz und Kreislaufsysteme zu verbessern“. Alternative Energieträger sollten stärker genutzt werden, Wärmepumpen sollten Strom aus erneuerbaren Energiequellen in Wärme umwandeln, und generell möge mehr Wasserstoff zum Einsatz kommen. Anreize zur Nutzung von Abwärme in Gebäuden sollten geschaffen werden.

Dafür braucht es einen Anreiz. Deshalb soll in den nächsten Jahren ein EU-weiter Handel mit Emissionszertifikaten extra für Gebäude aufgebaut werden. Der Preis von Erdgas oder Öl würde dann mit der Verfügbarkeit dieser Zertifikate steigen oder fallen. Weil die Zertifikate künstlich verknappt werden, wird früher oder später eine Verteuerung eintreten, und zwar zusätzlich zur CO2-Abgabe, die die Bundesregierung bereits beschlossen hat und die von 25 Euro pro Tonne CO2-Emission in diesem Jahr auf 55 Euro im Jahr 2025 steigen soll. Bevor es zu teuer wird, so die Hoffnung, werden Eigentümer lieber ihre Häuser sanieren.

Aufhorchen sollten Hauseigentümer und Mieter bei den konkreten Zielvorgaben, die in Zahlen gefasst wurden. So fordert die EU-Kommission von ihren Mitgliedstaaten, dass Gebäude – gemeint sind Gewerbebauten, aber eben auch Wohnhäuser – in Zukunft fast die Hälfte der verbrauchten Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen sollen. Jedes Jahr soll die Menge dieser „Erneuerbaren“ um 1,1 Prozent steigen. Heizung und Kühlung solle in Bezug auf einzelne Wohnquartiere jedes Jahr um 2,1 Prozent „grüner“ werden. Besonders ehrgeizig sind die Vorgaben für die öffentliche Hand, und damit teuer für die Steuerzahler. So soll etwa bei Verwaltungsgebäuden und Schulen die jährliche Sanierungsrate auf drei Prozent steigen. Aktuell liegt sie deutlich unter einem Prozent.

Mit den Klimaschutzplänen für Gebäude folgt Brüssel damit einer ähnlichen Strategie wie bereits die Bundesrepublik: Primär geht es darum, die Effizienz des einzelnen Gebäudes zu erhöhen, koste es was es wolle. Der Verbrauch soll runter. Und das will man erreichen durch eine CO2-Sanktionierung einerseits und strengere Energie-Vorgaben andererseits. Der Eigentümerverband Haus&Grund warnt vor einer Überlastung: „Die Lenkungswirkung des Emissionshandels verpufft, wenn den Eigentümern zusätzliche energetische Pflichten auferlegt werden“, kritisiert Verbandspräsident Kai Warnecke. „Am Ende müsse der Eigentümer so womöglich beides bezahlen: CO2-Kosten und zusätzliche Anforderungen. Das wird viele Eigentümer finanziell überfordern.“

Experten haben außerdem Zweifel, dass sich die Effizienz der Häuser einfach so immer weiter steigern lässt – durch noch mehr Dämmung oder noch dickere Fenster. „Wenn seit zehn Jahren rund 340 Milliarden Euro in die Sanierung von Wohnungen investiert werden, aber der Raumwärmebedarf bei 130 Kilowattstunde je Quadratmeter und Jahr stagniert, dann stimmt etwas nicht“, gibt Lamia Messari-Becker zu bedenken (siehe Grafik). Die Ingenieurin und Inhaberin des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen kritisiert regelmäßig die Fixierung auf eine Effizienz-Verbesserung – die am Ende auf dem Papier gut aussieht, aber in der Praxis wenig bringt, außer hohen Kosten. Und Ressourcenverbrauch: „Häufig wird vollkommen ausgeblendet, dass die Unmengen an Material, die für eine Rundum-Sanierung benötigt werden, ebenfalls Emissionen verursachen, bei der Produktion und beim Transport“, so Messari-Becker.

Ohnehin sei fraglich, wie angesichts der Baukostenexplosion und der Knappheit im Bauhandwerk schneller saniert werden könne. „Bereits heute haben wir eine enorme Knappheit an Ressourcen und Fachkräften. Deshalb benötigen wir praktikable Lösungen. Ein Gebäude, das bereits in einem energetisch guten Zustand ist, mit hohem Aufwand noch einmal zu verbessern, um theoretisch bessere Effizienzwerte zu erreichen – das halte ich für ungeeignet“, sagt die Ingenieurin.

Sie plädiert dafür, die Energieerzeugung selbst in den Blick zu nehmen: „Wir brauchen Technologieoffenheit. Je nach Gebäude und je nach Quartier sind unterschiedliche Vorgehensweisen am besten geeignet – mal eine Wärmepumpe, oft aber auch ein Quartiers-Ansatz mit Energieerzeugung durch Blockheizkraftwerke oder Elektrolyseure für Wasserstoff, mit Abwärmenutzung vor Ort.“ Dieser technik-orientierte Ansatz werde jedoch in der Diskussion häufig beiseite geschoben. Stattdessen komme die Politik auf Ideen wie eine flächendeckende Vorschrift für Photovoltaikanlagen. Das sei kontraproduktiv: „Viele Dachflächen sind gar nicht geeignet, zudem müsste der Strom in gigantischem Umfang gespeichert werden“, sagt die Expertin.

Die Welt

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