Erneuerbare decken 6,6 Prozent des Energiebedarfs

18. August 2021

Viele Debatten um den Klimaschutz leiden unter Fehleinschätzungen über den Beitrag von Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft

Beim sonntäglichen „Presseclub“ der ARD war es nur eine Randbemerkung. Doch sie löste in den sozialen Medien Unglauben, Kritik und Diskussionen aus: Dass Wind- und Solarenergie „nach jahrzehntelangen Milliarden-Subventionen heute nur etwas mehr als vier Prozent des Primärenergieverbrauchs decken, finde ich erschreckend“, erklärte in der TV-Runde Axel Bojanowski, Chefreporter Wissenschaft der WELT.

Der Unglaube war zunächst groß: Hat Ökostrom nicht einen Anteil von über 45 Prozent? Andere hatten gehört, dass erneuerbare Energien einen Anteil von 16 Prozent Anteil am Gesamtbedarf haben. Unterschätzt die Bezugsgröße „Primärenergieverbrauch“ nicht den wahren Beitrag und die Leistungsfähigkeit erneuerbarer Energien?
Die Antwort ist: Ja und nein. Grundsätzlich hatte Bojanowski die Größenordnung korrekt wiedergegeben. In der letzten grafischen Darstellung der Bundesregierung zeigen die Energiedaten für das Jahr 2018, dass Windenergie einen Anteil von drei Prozent am Primärenergieverbrauch Deutschlands hatte. Solarstrom kam da auf 1,3 Prozent. Zusammen mit der Wasserkraft erreichten die „neuen Erneuerbaren“ einen Gesamtanteil von 4,8 Prozent. Für die Folgejahre liegen aktuellere Daten des Bundeswirtschaftsministerium vor. Aus denen geht hervor, dass die politisch präferierten Energieträger Wind- und Solarkraft noch immer nur einen mittleren einstelligen Prozentsatz des Primärenergiebedarfs decken: Im Corona-Jahr 2020 kamen Wind, Solar und Wasserkraft zusammen auf 6,6 Prozent.

Das liegt nicht weit von den sechs Prozent entfernt, die derzeit die restlichen sechs deutschen Atomkraftwerke beitragen. Hinzu kommen zwar noch weitere Erneuerbare aus Biomasse, Brennholz und Klärgas mit einem Anteil von 10,2 Prozent. Dies eingerechnet steigert den Gesamtanteil erneuerbarer Energien zwar auf 16,8 Prozent. Doch Bioenergien spielen im Energie- und Klimakonzept der Bundesregierung nur eine Nischenrolle, ihr Anteil soll nicht nennenswert steigen. Deutschland also auf der Basis von 6,6 Prozent Wind- und Solarkraft innerhalb von 25 Jahren komplett dekarbonisieren zu wollen, zeigt die Größe der Herausforderung. Doch wie aussagekräftig ist die Bezugsgröße „Primärenergieverbrauch“ dabei?

Der Primärenergie bezeichnet die Menge des Energiezuflusses in die Volkswirtschaft durch Öl, Kohle, Gas, Elektrizität und so weiter. Der gesamte Primärenergiebedarf soll für den Klimaschutz dekarbonisiert werden, weshalb auch Studien der Agora Energiewende mit dieser Bezugsgröße arbeiten. Irreführend ist es eher, wenn Energie- und Klima-Institute, deren Drittmittelbedarf meist stark von Auftragsstudien zur Förderung der Energiewende abhängt, die Zahl von 45 Prozent Ökostrom-Anteil ins Schaufenster stellen. Diese Zahl bezieht sich nur auf den Bruttostromverbrauch. Und der hat am Gesamtenergieverbrauch lediglich einen Anteil von 20 Prozent.

Energiewende-Fans halten statt des Primärenergieverbrauchs die Messgröße „Endenergieverbrauch“ für aussagekräftiger. Denn hier sind zum Beispiel die Umwandlungsverluste nicht enthalten, die bei der Verbrennung von Kohle oder Benzin entstehen. Sind erst einmal überall Elektromotoren eingeführt, „verschwendet“ die Volkswirtschaft deutlich weniger Primärenergie, etwa durch Wärmeverluste bei der Verbrennung im Motor. Der Endenergiebedarf ist daher geringer, die Ökostromziele entsprechend leichter zu erreichen.

Fast alle Studien, die die Machbarkeit der Energiewende behaupten, basieren auf der Prämisse, dass sich die Hälfte des Gesamtenergiebedarfs auch auf diese Weise wegsparen lässt. Allerdings koppeln viele fossile Kraftwerke die Strom- und Wärmeproduktion und erreichen so heute schon hohe Wirkungsgrade, sodass die Endenergie-Ersparnis durch Ökostrom auch begrenzt ist. Belastend kommt hinzu, dass auch Ökostrom hohe Umwandlungsverluste hat, wenn es um die Produktion von Wasserstoff in Elektrolyse-Anlagen geht.

Die Welt

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