Wie soll Wien bis 2040 klimaneutral werden?

9. November 2021

Die Stadt Wien möchte ihr Energiesystem dekarbonisieren. Wien-Energie-Chef Michael Strebl über die Chancen der Energiewende, den Ausstieg aus dem Gas und Black-out-Gefahr

Bei der Präsentation der Studie zur Dekarbonisierung des Wiener Energiesystems bis 2040 fiel verdächtig oft das Wort „ambitioniert“. Wie realistisch ist dieses Ziel wirklich?
Es ist natürlich ambitioniert, das wollen wir gar nicht kleinreden. Aber es kann gehen, wenn wir die Rahmenbedingungen bekommen, die wir brauchen. Und es ist ja auch alternativlos. Die Temperaturen steigen, auch in Wien. Es hat für mich mit Moral zu tun. Ich möchte mich von meinen Kindern nicht irgendwann fragen lassen: „Was hast du damals gemacht?“ Ich sehe in dieser Klimadiskussion zwei Pole. Die einen sagen, das bringt eh alles nichts, und die anderen behaupten, wenn wir nur alle fest daran glauben, wird das schon. Wir haben jetzt versucht, einen Pfad in der Mitte zu finden. Wir haben damit sozusagen eine Landkarte in der Hand und wissen, wo wir hinwollen.


Wenn Sie diesen Weg noch nie gegangen sind, wie wollen Sie dann wissen, dass Sie 2040 dort ankommen, wo Sie hinwollen?
Hand aufs Herz, ganz genau kann ich auch nicht sagen, im Jahr 2038 machen wir genau das und 2039 dieses. Und ich sage auch ganz ehrlich: Es sind noch nicht alle Innovationen und Technologien da. Aber wir wissen sehr genau, was wir tun wollen, und haben jetzt einen ganz konkreten Klimaschutzfahrplan für Wien. Ein Aspekt ist mir dabei wichtig: Wir machen das alles nicht, weil uns jemand zwingt, sondern weil wir das als Unternehmen wollen. Wir werden fossile Energie in ein paar Jahren nicht mehr verkaufen können. Es wächst eine Generation von Konsumenten heran, die andere Ansprüche hat. Ich glaube, dass da etwas in Rutschen kommt, und da wollen wir vorne mit dabei sein. Und wir sehen auch, dass sich viele gut ausgebildete junge Leute genau deswegen bei uns bewerben.


Ein großes Thema ist der Tausch von rund 400.000 Gasthermen in Wien. Wie sieht der genaue Zeitplan aus?
Wir möchten diese Gasthermen aufschließen, wenn möglich mit Fernwärme, alternativ mit Wärmepumpen. Da gibt es tolle Projekte, zum Beispiel die Idee, eine Luftwärmepumpe auf das Dach zu stellen und über den Kamin, den man dann ja nicht mehr braucht, mit den Warmwasserleitungen in die Wohnungen zu kommen.


Wann konkret sollen die Thermen weg, in den nächsten fünf, zehn Jahren?
Wir arbeiten gemeinsam mit Genossenschaften oder auch Wiener Wohnen an Umsetzungsplänen und konkreten Pilotprojekten. Es gibt aber Maßnahmen, die wir im großen Stil vorher angehen, weil sie wirksamer sind. Das ist etwa das Thema Geothermie.

Müsste man nicht schnell den Gasanteil senken, um die Abhängigkeit von den internationalen Märkten zu reduzieren?
Natürlich, man kann das ja derzeit gut beobachten, ohne diese Abhängigkeit wären wir nicht so von den Gaspreissteigerungen betroffen. Also, wir sehen uns das jetzt einmal an. Es gibt das Instrument der Energieraumplanung, das gewisse Gebiete in Wien definiert, in denen Gas nicht mehr im Neubau eingebaut werden darf. Dann werden wir uns Gebiet für Gebiet überlegen, wie die Umstellung aussehen kann. Wir beginnen mit der wirtschaftlichsten Maßnahme, nämlich damit, Fernwärme zu dekarbonisieren.


Als Privatkonsument muss ich mir noch nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie ich meine Gastherme loswerde?
Als Mieter in Wien würde ich abwarten und beobachten, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln. Da kann man als Einzelner nicht viel machen. Wenn Sie Mieterin sind, ist der Eigentümer zuständig, etwa die Wohnbaugenossenschaft. Da gibt es bereits intensive Gespräche und Projekte.


Die Gaspreise sind derzeit sehr hoch. Wann wird es die Wiener Gaskunden treffen?
Das wissen wir nicht. Wir analysieren die Situation am Markt und sehen da jeden Tag andere Preissignale. Eine Erhöhung ist ein wichtiger Schritt, den wir nicht hüftschussartig, sondern nach reiflicher Überlegung machen wollen.


Könnte es diesen Winter noch passieren?
Das kann ich nicht sagen. Auf Kaffeesudlesen möchte ich mich nicht einlassen.


Haben Sie Sorge, dass die geplante CO2-Steuer Haushalte, die mit Gas heizen müssen, zu stark belastet?
Grundsätzlich begrüßen wir eine Bepreisung des CO2, auch aus unternehmerischer Sicht. Nur wenn CO2 einen Preis hat, wird CO2-Einsparung zum Geschäft. Da bin ich durch und durch Marktwirtschaftler. Natürlich muss man es sozial ausgewogen umsetzen, aber das ist eine Frage der politischen Rahmenbedingungen. Eines muss ich ganz klar sagen, auch wenn das nicht alle gerne hören: Wir müssen raus aus Gas als Raumwärme. Da führt kein Weg daran vorbei. Wasserstoff oder grüne Gase, die doch teuer sind, sind für die Erzeugung von Raumwärme nicht notwendig. Wasserstoff ist der Champagner der Energiewende, den kann ich nicht jeden Tag trinken. Umgemünzt auf unsere Branche heißt das: Ich muss ihn da einsetzen, wo ich ihn durch nichts substituieren kann, in den KWK-Anlagen, in industriellen Prozessen oder im Schwerverkehr. Aber in der Raumwärme habe ich viele andere Möglichkeiten.


Beim Thema Dekarbonisierung von Fernwärme setzen Sie auf das Thema Geothermie, also Erdwärme. Momentan gibt es hier ein Forschungsprojekt. Wie realistisch ist die Umsetzung bis 2040?
Wien hat da Glück. Sie brauchen für die Nutzung von Geothermie zwei Voraussetzungen: erstens warme Quellen unterhalb, aber auch ein gut ausgebautes Fernwärmenetz an der Erdoberfläche, damit die Wärme auch genutzt werden kann. Diesen Glücksfall gibt es nur drei Mal in Europa, in Paris, in München und in Wien. In Wien ist es geologisch ein bisschen komplizierter als zum Beispiel in München, die Quellen zu finden. Darum haben wir das Forschungsprojekt gestartet, versuchen, damit ein 3D-Modell es Wiener Untergrunds herzustellen, und hoffen, so die Quellen zu finden.


Hoffen Sie -oder können Sie davon ausgehen, dass der Großteil der Fernwärme 2040 aus Geothermie stammt?
Wenn ich sage, ich kann davon ausgehen, hätte ich kein Forschungsprojekt machen müssen. Es gibt grundsätzlich warme Quellen unterhalb von Wien, denken Sie an Oberlaa oder Bad Vöslau. Wir hoffen sehr, dass wir sie finden, und sind guter Dinge, dass sie nutzbar sind. Aber den Beweis antreten können wir dann, wenn wir gebohrt haben und das warme Wasser finden. Die Forschungsergebnisse werden Ende dieses Jahres fertig sein. Der nächste Schritt wäre dann konkrete Projektplanung. Wenn alles gut geht, haben wir 2024,2025 die Geothermie.


Diese Bohrungen werden die Bezirke elf und 22 betreffen?
Dort vermutet man diese warmen Quellen, ja. Der zweite Pfeiler der Fernwärme, der wesentlich ausgereifter ist, ist das Thema Großwärmepumpen. Wir haben bereits die größte Großwärmepumpe Europas im Einsatz und viele Möglichkeiten, etwas wärmeres Wasser, zum Beispiel die Abwärme des Kraftwerks Simmering, mit erneuerbarer Energie auf ein höheres Energieniveau zu heben und in die Fernwärme einzuspeisen.
Was uns um Thema Stromverbrauch führt …
Genau. Und unsere Studie zeigt ganz klar, der Stromverbrauch wird in Wien steigen. Es kommt zu einer Senkung des Energieverbrauchs und innerhalb dieses geringeren Verbrauchs zu einer Erhöhung des Stromverbrauchs.

Zugleich kann Wien dann weniger Strom herstellen und Sie müssen mehr Strom importieren. Wo soll der Strom herkommen?
Das ist keine untypische Situation für eine Großstadt. Das Wiener Wasser kommt aus der Steiermark und das Fleisch, das Sie in Wien kaufen, kommt auch nicht von Wiener Rindern. Wir sind auch als Wien Energie in anderen Bundesländern aktiv und bauen da unsere Anlagen. Und wir werden wie in der klassischen Energiewirtschaft natürlich langfristige Verträge abschließen, um den Bedarf decken zu können.


Planen Sie Ähnliches wie die EVN, die im Weinviertel eine Art Flächenkraftwerk entwickeln will?
Wir haben etwas Ähnliches schon gemacht, mit der größten Photovoltaikanlage Österreichs am Schafflerhof, einer Deponiefläche in der Donaustadt. Was für uns wichtig ist: Die natürlich Ressource der Stadt sind die Dächer. Es gibt technische Einschränkungen, aber wir gehen davon aus, dass wir gut 15 Prozent der Wiener Dachflächen nutzen werden können.


Wird man über Atomenergie reden müssen, um die Energiewende schaffen zu können?
Nein. Das ist absolut keine Option. Atomenergie ist zu Recht ein Tabuthema. Es ist viel zu gefährlich, wie bewiesen wurde, denken Sie an Tschernobyl oder Fukushima. Und als Betriebswirt sage ich Ihnen auch, es ist nicht ökonomisch. In England wird jetzt ein Atomkraftwerk gebaut, das braucht Subventionen vom ersten Betriebstag bis zum letzten.


Mit regenerativen Energien ist es schwieriger, Bedarfsspitzen abzudecken. Wie bereitet man sich darauf vor?
Die kalorischen und fossilen Energien haben neben den vielen Nachteilen einen Vorteil: Sie sind steuerbar. Wenn die Mitarbeiter bei uns im Kraftwerk Simmering sehen, dass der Strombedarf steigt, drücken sie -überspitzt gesagt -auf einen Knopf, und die Turbine beginnt zu arbeiten. Aber ich habe leider niemanden, der auf den Knopf drückt, damit die Sonne zu scheinen beginnt. Energiewende heißt nicht, ich schalte die fossilen Energien ab und bringe die erneuerbaren ans Netz. Es ist ein Systemwechsel. Wir werden die Kunden viel stärker involvieren. Beim Thema Elektromobilität zum Beispiel. Ich muss mein Auto ja nicht dann laden, wenn der Strombedarf am höchsten ist.


Man muss als Konsument künftig mehr mitdenken?
Wir wollen keinen Komfortverzicht für den Kunden. Ich sage nur: Wenn ich am Abend heimkommen und mein Elektroauto anstecke, ist es mir eigentlich egal, ob es zwischen 22 und 24 Uhr oder von zwei bis vier Uhr in der Früh geladen wird. Für Notfälle laden wir 20 Prozent sofort auf, aber wann die restlichen 80 Prozent geladen werden, ist egal. Beim Thema Spitzenabdeckung wird sicher auch grünes Gas in Wien eine Rolle spielen.


Steigt die Black-out-Gefahr durch diesen steigenden Strombedarf?
Das Stromsystem wird sicher volatiler. Aber unserer Meinung nach ist diese Volatilität beherrschbar. Wir unternehmen alles, was möglich ist, um solche Situationen für Wien zu verhindern.


Für wie realistisch halten Sie so eine Situation?
Wie gesagt, wir bereiten uns auf diese Situation vor. Ich sehe das ein bisschen wie die Feuerwehr, die für den Ernstfall gerüstet sein muss. Man muss nur aufpassen: Ich habe das Gefühl, das ganze Thema Black-out wird auch dazu verwendet um das Thema Energiewende madig zu machen. Es ist aber wichtig, dass wir in die erneuerbaren Energien gehen. Ja, sie sind volatiler, wir brauchen Back-up-Kraftwerke, um diese Volatilität zu beherrschen und eine „Feuerwehr“ für Notfälle, aber wir dürfen von diesem erneuerbaren Weg nicht abweichen. Deswegen haben wir gesagt: Wir haben ein ganz konkretes Ziel und wir wissen, wo wir hinwollen. Ich erwarte mir schon, dass jetzt ein Ruck durch das Unternehmen geht, weil wir endlich nicht mehr über das Ob, sondern nur mehr über das Wie diskutieren.


China setzt wieder auf Kohle, um den hohen Energiebedarf decken zu können. Was kann Klein-Wien da ausrichten?
Es wäre erstens kein guter Zugang, zu sagen, die anderen tun eh, und wir lehnen uns zurück. Und zweitens, dieses ganze Energiewendethema ist für uns eine Riesenchance. Es ist eine Chance für die österreichische Wirtschaft, Technologieführer zu werden, und es ist auch eine Chance für die Stadt Wien, zu zeigen, dass man eine Millionenstadt dekarbonisieren kann. Wien hat immer ein sehr fortschrittliches Energiesystem gehabt. Besucher aus aller Herren Länder schauen sich in der Spittelau an, wie man eine Müllverbrennungsanlage mitten in der Stadt betreiben kann. Ich möchte, dass in 20 Jahren Techniker aus aller Welt kommen, um zu sehen, wie Wien die Dekarbonisierung geschafft hat.


Ganz global gesprochen, für wie realistisch halten Sie es, dass die Energiewende gelingt?
Wir haben viel zu viel Zeit verloren. Wenn man 1990, zur Zeit des Kyoto-Protokolls, schon etwas gemacht hätte, wären jetzt nicht so große Anstrengungen notwendig. Aber offenbar ist es menschlich, dass erst der Hut brennen muss. Zu China, ohne sie schützen zu wollen: China hat im vergangenen Jahr mehr erneuerbare Energie installiert, als in ganz Deutschland insgesamt installiert ist. Ja, sie gehen derzeit ein bisschen mehr in die Kohle, aber auch China setzt sehr stark auf erneuerbare Energien. Ich bin grundsätzlich ein Optimist. Ich glaube und hoffe, dass wir das hinkriegen. Es ist eine existenzielle Frage.


ZUR PERSON
Michael Strebl
Strebl trat 1994, nach Abschluss eines BWL-Studiums und eines Studiums der Technischen Physik, in die Salzburg AG ein und leitete dort zunächst die Geschäftsfelder Vertrieb/Marketing sowie Netze, später war er Geschäftsführer der Salzburg Netz GmbH. 2016 wurde Strebl Vorsitzender der Geschäftsführung der Wien Energie. Er ist dort für u. a. für Energiewirtschaft, Energiedienstleistungen, Kommunikationsmanagement und Finanzmanagement zuständig.

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