RHI Magnesita wappnet sich für Erdgas-Engpass

18. August 2022, Veitsch/Wien
Bundeskanzler Karl Nehammer besuchte RHI Magnesita
 - ST

Drohende Engpässe bei der Gasversorgung bereiten der energieintensiven österreichischen Industrie Sorgen. Die steirischen Industriebetriebe bereiten sich auf unterschiedliche Szenarien der Versorgung mit Gas vor. Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) hat sich am Donnerstag in der Veitsch angesehen, wie sich der Feuerfestkonzern RHI Magnesita dort auf die Energieknappheit und die Sicherstellung des Betriebs vorbereitet.

Feuerfestprodukte, die in Industrieöfen Hitze über 1.200 Grad Celsius meistern, kommen in industriellen Hochtemperaturverfahren weltweit zum Einsatz. Sie sind unverzichtbar für u.a. die Stahl-, Zement-, Glas- und Nichteisenmetall-Industrie. Hierzulande betreibt der börsennotierte österreichisch-brasilianische Feuerfestkonzern RHI Magnesita vier Werke – zwei in der Steiermark (Veitsch, Breitenau), eines in Kärnten (Radenthein) und eines in Tirol (Hochfilzen) sowie ein Recyclingwerk in Mitterdorf in der Steiermark. Energie spielt bei der Erzeugung der Feuerfestprodukte eine große Rolle.

In der Veitsch liegt der Gesamtenergieverbrauch beispielsweise bei 97 Millionen Kilowattstunden (kWh) jährlich. Dabei hat man zuletzt zu 80 Prozent auf Erdgas und zu 20 Prozent auf Strom zurückgegriffen. 85 Prozent des Erdgases wird laut Unternehmensangaben wiederum für den wohl weltweit effizientesten Tunnel- und Temperofen – das Herzstück der Feuerfestproduktion – genutzt.

„Ohne Energie können wir keine Feuerfestprodukte herstellen. Und ohne Feuerfestprodukte kann es keine Stahl-, Glas- oder andere Produktion geben. Das bedeutet auch keine Handys, Häuser oder E-Autos. Wir stehen an vorderster Front aller Industriebetriebe und haben daher eine besondere Verantwortung“, erklärte RHI-Magnesita-CEO Stefan Borgas die Situation des Konzernes.

Aktuell investiert das Unternehmen über 7 Mio. Euro in neue Anlagen, um sich von russischem Erdgas unabhängig zu machen. Für das Werk Veitsch allein fällt dabei knapp 1 Mio. Euro an. Damit hofft man insgesamt 30 bis 40 Prozent des Gasbedarfs durch andere fossile Brennstoffe zu ersetzen: In der Veitsch und in Radenthein wird dieser Gasanteil durch Petroleumgas, in der Breitenau durch Öl und in Hochfilzen durch Kohle ersetzt. „Damit werden wir über den Winter kommen und kurzfristig Versorgungssicherheit schaffen.“

Um den völligen Ausfall von der russischen Versorgung auszugleichen, baut man eigene Gasreserven im Gasspeicher Haidach auf. „Wir haben es schon geschafft, über 100 Gigawattstunden an Gas selbst einzulagern, die wir nun nicht mehr aus Russland importieren müssen“, so Borgas.

Mittelfristig will man auf nicht-fossile Brennstoffe umstellen. „In unserem Fall wird es der Wasserstoff sein“, wie Borgas weiter ausführte. „Dafür brauchen wir massive Unterstützung aus der Politik und dem Land in Bezug auf die Infrastruktur“, merkte der RHI-Chef allerdings auch an.

Energie sei grundsätzlich einer der großen Kostenfaktoren. Die hohen Energiekosten gingen laut Borgas eindeutig zulasten der Wettbewerbsfähigkeit: „Um wettbewerbsfähig zu sein, brauchen wir schnell viel grünen Strom, Netze und Pipelines für alternative Brennstoffe“, wurde betont. „Die Verfahren für zum Beispiel Windparks müssten viel schneller gehen. Wir haben keine Zeit mehr“, machte Borgas Druck.

„Die Industrie investiert viel in Forschung und Alternativen. All das ist zu begleiten, mit der Politik gemeinsam zu ermöglichen, das heißt die gesetzlichen Rahmenbedingung zu schaffen, finanzielle Anreize zur Verfügung zu stellen, damit die Transmission zu weniger Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen auch erreicht wird“, betonte Bundeskanzler Karl Nehammer nach der Führung durch das Veitscher Werk. Allerdings gehe das alles nicht kurzfristig: „Faktum ist, das ist ein mittelfristiger Plan“, so Nehammer.

Hinsichtlich der aktuellen Versorgungslage mit Gas in Österreich zeigte sich Nehammer optimistisch: „Die Speicher füllen sich konstant und regelmäßig. Wir haben 60 Prozent erreicht, 80 Prozent ist unser Ziel. Wir haben die Abhängigkeit von russischem Gas deutlich reduzieren können und wir werden, wenn wir die Speicherstände zu 80 Prozent füllen, die Abhängigkeit vom russischen Gas um 30 Prozent reduziert haben auf 50 Prozent“. Fragen zum Fall Tina aus der Zeit als Nehammer Innenminister war, wurden mit dem Verweis auf eine Stellungnahme des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) abgeblockt.

RHI Magnesita ist laut eigenen Angaben Weltmarktführer bei hochwertigen Feuerfestprodukten, -systemen und -serviceleistungen, die für industrielle Hochtemperaturprozesse über 1.200 Grad Celsius in einer Vielzahl von Industrien, darunter Stahl, Zement, Nichteisenmetalle und Glas, unverzichtbar sind. Das Unternehmen beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 28 Hauptproduktions- sowie mehr als 70 Vertriebsstandorten. Mit dem Werk in der Veitsch, dem Außenlager und der Bahn- und Containerverladestation in Wartberg, dem Werk in der Breitenau, dem neuen Recycling Center für gebrauchte Feuerfestmaterialien in St.Barbara im Mürztal/ Mitterdorf ist RHI Magnesita in der Steiermark seit Jahrzehnten ein wichtiger Arbeitgeber. In Wien ist die globale Firmenzentrale, und in Leoben gibt es einen großen Forschungsstandort.

APA

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