Wiener Appetitauf Risiko

12. Oktober 2022

Der Wiener-Stadtwerke-Konzern und seine Töchter, zu denen auch Wien Energie zählt, haben Verbesserungsbedarf bei ihrem Risikomanagement. Zu dem Ergebnis kam die Konzernrevision 2021 in einem kritischen Prüfbericht.

Neue Entwicklungen in der Causa Wien Energie: Die Rathaus-Oppositionsparteien ÖVP und FPÖ haben am Freitag ihren Antrag zur Einsetzung einer Untersuchungskommission des Gemeinderats eingebracht. Sie dürfte ihre Arbeit noch heuer beginnen. Das Gremium soll die politischen Entscheidungen rund um die Causa beleuchten.

Wirtschaftlich stehe die stadteigene Wien Energie auf festen Beinen – das erklärte das Unternehmen vorige Woche, als ihm der Wirtschaftsprüfer KPMG eine positive Fortbestehensprognose ausgestellt hat. Das war unter anderem nötig, weil der Energieversorger nach argen Finanzturbulenzen neben einem Darlehen von der Stadt Wien, der sie über die Wiener Stadtwerke gehört, auch zwei Milliarden Euro Kreditlinie vom Bund bekommen hatte. Wien Energie war zuvor mit ihren Handelsgeschäften an der Strombörse schwer unter Druck geraten, die Kreditlinie diene „als Sicherheit, um erneute Extremausreißer an der Strombörse abdecken zu können“, erklärte Wiens Finanzstadtrat Peter Hanke dazu. Zuvor schon hatten von der Stadt beauftragte Experten der Wien Energie einen Persilschein für die Termingeschäfte ausgestellt. Die Volumina seien „adäquat“, die Geschäftsstrategie „risikoarm“.

Luft nach oben

Wie man es mit dem Risikomanagement im Wiener-Stadtwerke-Konzern hält und hielt, das erschließt sich aus einem Bericht der Konzernrevision. Sie hat geprüft, wie Mutter Wiener Stadtwerke GmbH und all ihre Unternehmenstöchter bei Identifikation, Analyse, Quantifizierung, Bewertung, Kommunikation und letztlich Bewältigung von Risiken aufgestellt sind (all das ist in einem Risikomanagementsystem enthalten). Und – sie hat durchaus Verbesserungsbedarf gefunden.

Die Prüfung fand 2020 und 2021 statt, abgeliefert wurde der Bericht im Vorjahr. Summa summarum ortete die Revision beim „Reifegrad“ des für den Konzern geltenden Risikomanagementsystems „Verbesserungsbedarf”, seine Möglichkeiten und Potenzial seien nicht voll ausgeschöpft. Aus den „wesentlichen Feststellungen” erschließt sich, dass das Risikomanagement im Controlling angemessen sei, Aufbauorganisation und Zuständigkeiten seien „klar geregelt”.

Luft nach oben sieht die Revision dagegen im Konnex mit konzernübergreifenden Risiken: Die Weiterentwicklung von Standards zu deren Identifizierung, Behandlung und Beurteilung sei nicht vorhanden. Einen Risikoausschuss (im Aufsichtsrat) gebe es nicht. Und wie sieht es mit der Risikostrategie im Großkonzern Stadtwerke aus? Schwer zu sagen, denn: Risikopolitische Grundsätze seien „nur ansatzweise” ausformuliert, insbesondere Risikoappetit und -toleranz gar nicht festgelegt.

Situation unterschätzt

Auch nicht geregelt sei, wie übergeordnete Stellen die von den Konzerntöchtern (Wien Energie, Wiener Linien, Friedhöfe Wien, Wiener Netze, Wiener Lokalbahnen, Facilitycomfort, Garagenbetreiber Wipark, Wien IT und Bestattung Wien) gemeldeten Risiken auf ihre Vollständigkeit und Qualität hin zu prüfen haben. Zudem sind Kennzahlen zur Bewertung der Risikotragfähigkeit laut Bericht nur „rudimentär“ implementiert, auf Möglichkeiten für unternehmensübergreifende Risikosteuerung werde „aktuell verzichtet“. Ad-hoc-Risikoberichterstattung gab es zur Zeit der Prüfung nicht – die wurde inzwischen aber eingeführt. Dass es, sinngemäß gesagt, keine Vorgaben gibt, wie Risiken interpretiert werden müssen, birgt die Gefahr, dass die Risikosituation „systematisch unterschätzt wird“.

Die Revision gab der Konzernleitung entsprechende Empfehlungen für Verbesserungen mit auf den Weg. Ein Teil davon soll umgesetzt worden sein, andere Vorschläge seien verworfen worden, wieder andere noch in Umsetzung begriffen.

Von den Stadtwerken selbst ist zu alledem nichts zu erfahren. Nur so viel sagt Unternehmenssprecher David Millmann: Die von der Geschäftsführung beauftragte Revision erbringe unabhängige und objektive Prüfungs- und Beratungsdienstleistungen, die darauf ausgerichtet seien, Mehrwerte zu schaffen und Geschäftsprozesse zu verbessern.

Der Standard

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