Klimawende. Wirkliche Unabhängigkeit entsteht nur, wenn wir Energie selbst erzeugen.
Über Jahrzehnte hielten Europa und Österreich ihre Sicherheit für selbstverständlich. Tatsächlich haben wir sie mit gefährlichen Abhängigkeiten erkauft. Wie hoch dieser Preis ist, zeigt sich mindestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine und Chinas wachsendem geopolitischem Einfluss. Und spätestens seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, ist klar: Auf Verlässlichkeit von außen kann Europa nicht mehr bauen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach in Davos von einem „geopolitischen Schock“. Er zwingt Europa, seine Unabhängigkeit neu zu definieren. Und das ist gut so.
Am Montag legt das Bundesheer mit dem „Risikobild 2026“ eine umfassende Analyse der Sicherheitslage vor. Sie macht Jahr für Jahr deutlich, dass Sicherheit nicht an der Grenze des Militärischen endet. Auch die Energie- und Rohstoffversorgung entscheiden darüber, wie handlungsfähig Staaten im Krisenfall sind.
Verwundbarkeit
Im Energiebereich war diese Verwundbarkeit lange bekannt und wurde dennoch ignoriert. Zwischen 1991 und 2006 kam es laut der schwedischen Defence Research Agency zu 55 Fällen, in denen Russland Gaslieferungen aussetzte oder damit drohte. Meist waren diese Fälle mit wirtschaftlichen oder politischen Forderungen verbunden. Der Krieg gegen die Ukraine legte eine weitere Dimension offen. Explodierende Energiepreise trieben die Inflation, belasteten Haushalte und schwächten Unternehmen. Das traf nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Nach dem Ausstieg aus russischem Öl und Gas droht nun die nächste Schieflage. Statt echter Unabhängigkeit tauschen wir eine Abhängigkeit gegen eine andere und setzen zunehmend auf Flüssiggas (LNG) aus den USA. Diversifizierung mag Risiken kurzfristig dämpfen, sie löst das Problem aber nicht. Wirkliche Sicherheit und Unabhängigkeit entsteht nur, wenn wir Energie selbst erzeugen. Das gelingt nur mit erneuerbaren Quellen und mit der konsequenten Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Heizungen.
Auch bei Rohstoffen ist Europa empfindlich abhängig. Für viele elektronische Anwendungen benötigen wir Lithium, Kobalt oder seltene Erden, über die wir kaum verfügen. China hat im vergangenen Jahr demonstriert, wie schnell diese Abhängigkeit politisch genutzt werden kann. Exportbeschränkungen machten deutlich, wie fragil europäische Wertschöpfungsketten sind. Laut McKinsey stünden in Österreich im Ernstfall bis zu 50.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Der Ausweg ist klar, auch wenn er politischer Ambition bedarf. Erstens braucht Europa mehr technologische Souveränität. Europa muss zentrale Zukunftstechnologien künftig selbst produzieren. Am besten ganz ohne kritische Rohstoffe. Speicher, die etwa mit Salzen und Sanden funktionieren, existieren bereits. China investiert gezielt in Solarmodule, Batterien und andere Technologien. Nicht aus Idealismus, sondern aus strategischem Kalkül. Europa darf diesen Wettlauf nicht weiter verschlafen.
Sicherheitspolitisches Gebot
Zweitens müssen wir Rohstoffe besser nutzen. Wegwerfen ist eine Verschwendung, den wir uns nicht mehr leisten können. Kreislaufwirtschaft ist kein ökologisches Nischenprojekt, sondern ein sicherheitspolitisches Gebot. Kritische Materialien müssen recycelt, aufbereitet und innerhalb der EU genutzt werden, statt als Abfall exportiert zu werden.
Die Politik hat diese Zusammenhänge teilweise erkannt. Kreislaufwirtschaft und saubere Zukunftstechnologien nehmen in der neuen österreichischen Industriestrategie eine prominente Rolle ein. Gleichzeitig stockt der Ausbau erneuerbarer Energien, besonders der Windkraft. Auch bei der Elektrifizierung fehlt oft der Mut zu klaren Entscheidungen, wie sich bei der Diskussion um das Ende der Autoabgase 2035 gezeigt hat.
Europa und Österreich stehen vor einer entscheidenden Frage. Wollen wir an fossilen Abhängigkeiten festhalten und damit unsere Verwundbarkeit verlängern? Oder wollen wir mit sauberen Technologien unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen? Die Risikoanalyse ist eindeutig. Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und saubere Zukunftstechnologien sind die Grundlage für Unabhängigkeit, Stabilität und Sicherheit in einer unsicher gewordenen Welt.
Zur Autorin:
Katharina Rogenhofer ist Mitgründerin und Vorständin des Kontext Instituts, einer Stimme im österreichischen Klimadiskurs.
Kurier




