„Europa wird täglich 500 Mio. Dollar mehr zahlen“

3. März 2026, Wien

Erdöl. Die Eskalation rund um den Iran trifft die Lebensader der internationalen Öl- und Gasversorgung. Ein großer Preissprung steht ins Haus.


Dutzende Öl- und Gastanker stauten sich am Sonntag bereits vor der Straße von Hormus, über die ein Fünftel der globalen Öltransporte verläuft. Die iranischen Revolutionsgarden nämlich hatten nach Angaben der ihnen nahestehenden Nachrichtenagentur Tasnim den Schiffsverkehr in dieser Meerenge eingeschränkt. Aber auch wenn sie die Besatzungen nicht explizit mit Funkmeldungen zum Stoppen aufgefordert hätten, wären viele Schiffe nicht mehr in die Straße eingefahren. Die ausgebrochenen Kampfhandlungen zwischen der Allianz aus USA und Israel mit dem Iran sind per se zu riskant. Die Schiffsversicherer ziehen ihren Schutz zurück. Die US-Marine hat überhaupt vor Fahrten in der gesamten Region gewarnt. Und derweil bereitete sich am Sonntag die Welt auf den Montag vor, an dem die Ölpreise und mit ihnen die Treibstoffpreise nach menschlichem Ermessen hinaufschnalzen werden.


Preissprung zeichnet sich ab


Im außerbörslichen Handel am Sonntag stieg der Preis für die maßgebliche Nordseeölsorte Brent, der bis Freitag schon auf 72,48 Dollar je Fass (159 Liter) angezogen hatte, laut Ölhändlern um zehn Prozent auf etwa 80 Dollar – ein Niveau, das man zuletzt Anfang 2025 gesehen hatte. Experten diverser Analysehäuser prognostizierten am Wochenende, dass der Preis auf 100 Dollar oder auch darüber klettern könnte.


„Entscheidend sind die Einschätzungen der Marktteilnehmer, wie lange die Schließung der Straße von Hormus dauert“, sagt Johannes Benigni, internationaler Öl- und Energieberater, auf Anfrage der „Presse“. Ausgehend von der Tatsache, dass Europa täglich 14,5 Millionen Barrel Öl verbrauche, ergäbe ein Preisanstieg auf über 100 Dollar je Fass eine enorme Mehrbelastung: „Europa wird täglich 500 Millionen Dollar mehr zahlen“, so Benigni.


Neuralgischer Punkt


Die Straße von Hormus ist der neuralgische Punkt der globalen Ölversorgung. Über sie verläuft nicht nur ein Fünftel der etwa 100 Mio Fass, die die Welt pro Tag verbraucht. Über sie wird auch ein Drittel des verflüssigten Erdgases (LNG) transportiert – allen voran aus Katar, dem weltweit zweitgrößten LNG-Produzenten.


Um die Straße von Hormus zu umgehen, gibt es an und für sich zwei Pipelines. Allein, sie können die Kapazitäten des Meerweges nicht kompensieren. Die eine, genannt Ost-West-Pipeline (Abqaiq-Yanbu) vom saudischen Erdölfeld Abqaiq im Osten des Landes durch die Arabische Halbinsel zum Rotmeer-Hafen Yanbu im Westen ist 1200 km lang und schafft fünf Millionen Barrel pro Tag. Die andere, Abu Dhabi Crude Oil Pipeline, führt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Golf von Oman und hat eine Kapazität von 1,5 Mio. Barrel pro Tag.


Das Ölkartell Opec+ beschloss am Sonntag eine Anhebung der Fördermenge um 206.000 Barrel pro Tag ab April. Dies entspricht freilich weniger als 0,2 Prozent der weltweiten Nachfrage. Selbst nach der Umleitung einiger Ölmengen durch Pipelines würde die Schließung der Meerenge einen Verlust von acht bis zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag bedeuten, sagte der Rystad-Ökonom Jorge Leon gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.


Manche bleiben gelassen


Manche Beobachter bleiben auch gelassen. Ja, es könne zu gewissen Ölpreissteigerungen kommen, sagte Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts in München, gegenüber der deutschen Zeitung F.A.Z. Doch die Welt sei nicht mehr so abhängig vom Persischen Golf wie in den 1970er-Jahren. „Der Ölpreisanstieg wird nicht so gewaltig sein, dass er wie damals eine Rezession auslösen könnte“, sagte Fuest: „Es gibt einen gewissen Unsicherheitsschock, aber solange das regional begrenzt bleibt, werden die Auswirkungen regional begrenzt bleiben.“


Europa stark betroffen


Aber Europa sei dennoch stark betroffen, meint Tariq Dennison. „Angesichts der größeren Nähe zu Hormus-Öl und Hormus-Gas nach Russland (sprich dem Verzicht auf russisches Gas, Anm.) wird dies größere Auswirkungen auf Europa als auf die USA haben“, sagte der Vermögensberater bei GFM Asset Management mit Sitz in Zürich, zu Reuters.
Das sieht Ölberater Benigni ähnlich: „Wir Europäer werden Länge mal Breite zahlen. Die USA nämlich haben viel eigene Produktion und eigene Ölkonzerne, die am hohen Ölpreis verdienen“. Auch China ist laut Benigni gut vorbereitet, hätten sie doch die Lagerbestände gut aufgefüllt.


Und was den Gasmarkt betrifft, so erwarten Beobachter nun die größten Verwerfungen seit der Invasion Russlands in der Ukraine vor vier Jahren. Zwar sei Europa weniger abhängig von Gas aus dem Nahen Osten. „Aber Europa verfügt über geringere Lagerkapazitäten, schrieb Anne-Sophie Corbeau vom Global Energy Policy der Columbia University, in einem Beitrag auf LinkedIn. „Es hängt auch davon ab, wie viel nach Asien umgeleitet wird.“

von Eduard Steiner

Die Presse