Europa wird abhängiger von US-Energie

22. Jänner 2026

US-Flüssiggas ersetzt nicht nur das Gas aus russischen Pipelines, sondern verdrängt auch andere Lieferanten, zeigt eine aktuelle Analyse. Vor Konsequenzen wird gewarnt, der Umstieg auf LNG ist risikobehaftet.

Es hat sich schon länger abgezeichnet, doch inmitten der transatlantischen Spannungen häufen sich die Warnungen: Europa macht sich zunehmend abhängig von US-amerikanischer Energie. Während der Ausstieg aus russischem Gas bis 2027 besiegelt ist, macht sich die EU auf die Suche nach Alternativen. Denn noch fließen erhebliche Mengen an Erdgas, vor allem in verflüssigter Form (LNG), aus Russland.


Allzu oft werden die europäischen Abnehmer in den USA fündig. Dort setzt Präsident Donald Trump seit Beginn seiner Amtszeit wieder massiv auf fossile Industrien – und will das gewonnene Öl und Gas auch in andere Weltregionen exportieren. Wenn nötig, auch mit erpresserischen Mitteln. Die EU-Verhandler haben bekanntermaßen im letztjährigen Handelsdisput klein beigegeben, und Trump die unrealistische Abnahme von Energiegütern im Wert von 700 Milliarden Euro bis Ende 2028 zugesagt. Dieser Deal hängt zwar wegen des Konflikts um Grönland in der Schwebe, doch neue Abhängigkeiten sind längst geschaffen.


61 Prozent US-Anteil


„Die EU-Gesetzgebung behandelt Energie aus jedem anderen Land als Russland paradoxerweise als vollständig diversifiziert“, kritisieren Ökonomen mehrerer europäischer Institute in einem gemeinsamen Policy Brief. Die Analysten des Berliner Ecologic Institute, des niederländischen Clingendael-Instituts und des Norwegian Institute of International Affairs warnen Europa davor, Russland einfach nur durch die USA zu ersetzen.
In ihrer Analyse haben sie sich angesehen, welche Marktkonzentration zutage tritt, wenn man die norwegischen Gasimporte als Binnenlieferungen betrachtet. Schließlich ist Norwegen Teil des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und bestens in den EU-Energiemarkt integriert. Das Erdgas aus dem hohen Norden landet fast ausschließlich in der EU und dem Vereinigten Königreich.


Dabei zeigt sich: Rechnet man die norwegischen Lieferungen als Eigenversorgung, steigt der US-Anteil an sämtlichen Flüssiggas-Importen auf 61 Prozent. Seit 2019 haben sich die importierten Gasmengen aus den USA in den EWR versechsfacht, während die russischen Lieferungen um 81 Prozent zurückgingen.
Ein Blick auf die Energiepreiskrise der vergangenen Jahre reicht, um sich vor Augen zu halten, was derartige Abhängigkeiten bewirken können. Das vermeintlich billige russische Gas kam eben mit einem hohen Risikoaufschlag. Europa mache sich auch nunmehr erpressbar, setze sich Preisschwankungen und potenziell hohen Kosten aus, warnen die Energieanalysten – und fordern den raschen Ausbau von Erneuerbaren.


Windräder, PV-Felder und Wasserkraftwerke würden die eigene Wirtschaft stärken und zugleich Abhängigkeiten reduzieren. Gas hingegen muss auch künftig importiert werden – in Zeiten einer volatilen Weltlage eine zusätzliche Unsicherheit. Russland schlicht durch die USA zu ersetzen, sei zu kurz gedacht. Alternativen sind allerdings rar. Auch Katar setzt die Lieferungen als politisches Druckmittel ein, die Gewinnung in Norwegen läuft ohnehin an der Kapazitätsgrenze. Das macht die Gemengelage komplex.


Nicht zu bestreiten ist indes die zunehmende Abhängigkeit Europas von Flüssiggas. Mittlerweile werden zwei Drittel der Lieferungen in den EWR in verflüssigter Form abgewickelt. 2019 waren es noch 27 Prozent gewesen. Hintergrund ist der schrittweise Ausstieg aus russischem Gas, das vornehmlich per Pipeline abgewickelt wird. Pipeline-Lieferungen aus Algerien oder Aserbaidschan haben diesen Rückgang nicht kompensiert, dafür kam umso mehr Flüssiggas aus den USA.


Hoher Preis


Positiv an der Betrachtung inklusive Norwegen ist, dass der Anteil der Eigenversorgung von 16 auf 51 Prozent steigt. Zugleich treten aber eben auch die Abhängigkeiten von anderen Lieferanten zutage. Zwei Drittel der Importe entfallen dann auf LNG, wovon 61 Prozent aus den USA stammt. Würde der US-EU-Energiedeal erfüllt, könnte bis 2030 bis zu 80 Prozent des LNG in Europa aus den USA stammen, zeigen Modellrechnungen des Institute for Energy Economics and Financial Analysis.
Dabei gilt der Umstieg von Pipeline-Gas auf LNG grundsätzlich als risikobehaftet. Die Kontrakte sind meist kurzfristiger gestaltet, wodurch Preisschocks schneller durchschlagen. Der Treibhausgasausstoß ist zudem beim Flüssiggas wegen der chemischen Umwandlung und des maritimen Transports höher.

Der Standard