Wohnhäuser müssen noch massiv dekarbonisiert werden

16. April 2021, Wien
Beim Wohnbau verstärkt auf die Energie schauen
 - Graz, APA/WOHNEN GRAZ

Im Wohnhausbestand in Österreich müssen die Treibhausgasemissionen noch massiv gesenkt werden – vor allem bei Heizungen und hier speziell in Altbauten. Es geht neben der Gebäudesanierung um 600.000 Öl- und über 900.000 Gasheizungen, deren Umstellung teuer ist. Daher macht der Staat 2021/22 rund 650 Mio. für eine Sanierungsoffensive locker und sieht zudem 100 Mio. Euro für „Raus aus Öl und Gas“ vor, wobei das bei ärmeren Haushalten bis zur Vollkostenübernahme reichen kann.

Die ökologische Steuerreform werde mit ihrer CO2-Bepreisung dafür sorgen, dass Heizen mit den fossilen Energieträgern Öl und Gas teurer werde, um damit die Wirtschaftlichkeitsrechnung mehr in Richtung Erneuerbare zu bringen, sagte der Leiter der Sektion Klima im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt und Energie, Jürgen Schneider, bei einem Wohnbausymposium.

Im Jahr 2040 solle der heimische Gebäudesektor klimaneutral sein, also netto Nullemissionen aufweisen, so Schneider. Das werde nicht von allein geschehen. Deshalb solle das Erneuerbare Wärme Gesetz den Umstieg von fossilen Energieträgern auf Erneuerbare festschreiben. Die rund 600.000 Ölheizungen seien dabei die erste Stufe, kombiniert mit einem Verbot von Gasheizungen im Neubau ab dem Jahr 2025. Vor allem im Mehrgeschoßwohnbau und hier speziell bei dezentralen Systemen, also Einzelheizungen, werde das eine große Herausforderung darstellen. Jedoch, so der Leiter der Klimasektion: „Die Klimakrise macht keine Pause – dagegen gibt es keine Impfung. Sie wird nur vorbei gehen, wenn wir sie gemeinsam bekämpfen.“

Besonders die finanziell schlechter gestellten Haushalte könne die Umstellung der Heizungen vor Probleme stellen, rechnete der Obmann des Verbands der Gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV), Bernd Rießland, vor. Die 100 Mio. Euro für diese Zielgruppe würden wohl nicht reichen, denn wenn man davon ausgehe, dass im unteren Einkommensfünftel rund 350.000 Haushalte noch fossil beheizt würden, so blieben pro Umstellung 285 Euro, „das wird sich in einem Einfamilienhaus nicht ausgehen“, so Rießland, der auch auf ein Land-Stadt-Gefälle hinwies: Pro Haushalt würden im ländlichen Raum im Schnitt 2,5 Tonnen CO2 im Jahr durch Heizen und 3 t durch Autofahren anfallen, in Städten seien es im Schnitt pro Haushalt nur 1,5 t beim Heizen und 1,4 t durch den Pkw.

Wenigverdiener müssten zwar in absoluter Höhe weniger für wohnungsbezogene Energie ausgeben, gemessen an ihren Einkommen aber viel, erläuterte Michael Gehbauer, der Obmann des Vereins für Wohnbauförderung (vwbf), der das Symposium veranstaltet hat. Im Schnitt habe ein Haushalt 2019 dafür 133 Euro pro Monat zu tragen gehabt, davon bei GBV-Bewohnern im Schnitt 100 Euro und in Eigenheimen im Schnitt 180 Euro monatlich, 4 bis 6 Prozent der Haushaltseinkommen. Bei jenen, deren Einkommen unter 60 Prozent des Medians liegen, seien es monatlich 109 Euro, bzw. 15 Prozent der Einkünfte, bei den Medieneinkommen 135 Euro bzw. 4 Prozent, bei den Besserdienenden 153 Euro pro Monat bzw. nur 2 Prozent der Einkommen.

47,3 Prozent der österreichischen Treibhausgas-Emissionen hat zuletzt der Verkehr verursacht, 16 Prozent die Landwirtschaft und 15,6 Prozent der Gebäudesektor, sagte Gehbauer. Von den 47 Prozent vom Verkehr seien jedoch nur zehn Prozentpunkte den Privathaushalten zuzurechnen, betonte Rießland – und beim Gebäudebereich auch nur vier Fünftel Wohngebäuden, der Rest dem Gewerbe oder der Industrie. 11 Prozent der THG-Emissionen entfallen auf den Produktionssektor.

Der Gemeinnützigen-Sektor habe bereits relativ stark dekarbonisiert – 90 bis 95 Prozent der bis 1980 errichteten Objekte seien bereits thermisch saniert im Mietbereich, der Eigentumssektor müsse noch nachfolgen, so Rießland. Zu 68 Prozent werde in GBV-Häusern mit Fernwärme oder Erneuerbaren geheizt, zu 18 Prozent mit Gas – und nur zu drei Prozent mit Öl, was weniger als 30.000 Wohnungen entspreche, sagte vwbf-Obmann Gehbauer. Allerdings stecken in der Fernwärme in Österreich heute noch 50 Prozent Fossil-Anteil in Form von Gas, hatte Schneider erklärt. Es werde kein 1:1-Umstieg von Fossilen auf Erneuerbare möglich sein, etwa von Erdgas zu Wasserstoff oder Biogas: „Diese Mengen haben wir nicht“, so der Sektionschef, „daher müssen wir den Verbrauch senken und die Sanierungsraten erhöhen“ – wiewohl diese Sanierungsforderung seit 20 Jahren erhoben werde, mit geringem Erfolg.

Bei Gründerzeithäusern werde die Sanierung auf Basis der bestehenden Regelungen nicht funktionieren, warnte Donnerstagabend der Bauträgersprecher der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Hans Jörg Ulreich. Dafür werfe ein Gründerzeithaus zu wenig ab, mit normierten Mieten von 6 oder 7 Euro pro Quadratmeter und Monat könne man eine Sanierung für 3.500 Euro je m2 nicht stemmen. Ein Sanierungsboom könne hier nur ausgelöst werden, wenn als Anreiz marktübliche Mieten für Neuvermietungen ermöglicht würden, sagte Ulreich. Bei jener Hälfte der Wohnungen in Österreich, die im Eigentum der Bewohner stehen, könne als „Anreiz“ zur Sanierung nur die Bauordnung helfen, denn Förderungen würden hier nicht greifen, meinte Nadja Shah, Bundesgeschäftsführerin der Mietervereinigung. Auf Länderebene sei in Sachen Klima die Raumordnung gefordert, meine Ulreich: „Wir müssen dicht, hoch und zentral bauen – ‚Innenentwicklung statt Außenentwicklung‘ wird seit 40 Jahren an der TU gelehrt, aber nicht umgesetzt.“

APA

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