Wasserstoffrat warnt vor hohen Strompreisen

5. Juli 2021

Regierungsberater fordern rasches Handeln

Der nationale Wasserstoffrat mahnt zur Eile. Nur auf den ersten Blick hat Deutschland noch viel Zeit, bis die Klimaziele im Jahr 2030 erfüllt sein sollen und die geplante Klimaneutralität im Jahr 2045 erreicht sein soll. Dafür müssen schon in den nächsten ein bis zwei Jahren die Grundlagen gelegt werden, warnt das Beratungsgremium der Bundesregierung. Die 26 Fachleute aus Industrie, Umweltverbänden und Wissenschaft haben dafür am Freitag ihre Vorschläge präsentiert, um eine Wasserstoffwirtschaft bis ins Jahr 2030 aufzubauen. Die Vorsitzende des Gremiums, Katherina Reiche, drängt zum Handeln, auch da die verstärkten Klimaschutzziele den Druck erhöhen. „Jetzt ist Wasserstoff keine Option mehr, sondern ein Muss“, sagte sie der F.A.Z. Wasserstoff gilt als Hoffnungsträger für die Energiewende. „Die Politik ist schnell bei der Festlegung von Zielen, aber es gibt noch keinen Fahrplan, wie wir diese Ziele auch erreichen können.“
Als einen Nachteil sieht Reiche den hohen Strompreis an. Generell muss nach ihren Angaben die CO2-Bepreisung in allen Sektoren gestärkt, der Strompreis von der Ökostrom-Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) befreit und die Stromsteuer deutlich reduziert werden. Dadurch soll weitgehend klimaneutraler Strom für Mobilität, Wärmeerzeugung und Industrie mehr nachgefragt werden. „Der Strompreis muss erheblich sinken, am besten durch eine Abschaffung der EEG-Umlage“, sagt die frühere CDU-Abgeordnete, die nun im Hauptberuf die Eon-Tochtergesellschaft Westenergie leitet.


Der Wasserstoffrat überreichte den Aktionsplan fast ein Jahr nach seiner Gründung am Freitag an Kanzleramtschef Helge Braun. Der CDU-Politiker nennt Wasserstoff unverzichtbar für die ambitionierten Energie- und Klimaziele und lobte die Arbeit des Rates, zu denen Siemens-Manager Christian Bruch, die Nürnberger Ökonomin Veronika Grimm und Daimler-Truck-Vorstand Sven Ennerst gehören. Für den nationalen Markthochlauf einer Wasserstoffwirtschaft bis 2023 will die Bundesregierung sieben Milliarden Euro ausgeben sowie zwei Milliarden Euro für internationale Wasserstoffpartnerschaften.

In dem Aktionsplan fordern die Regierungsberater für Wasserstoff mehr staatliche Förderung, erleichterte Investitionsmöglichkeiten und den Ausgleich von Mehrkosten für Betriebe. Es brauche einheitliche Herkunftsnachweise, Standardisierung in der Europäischen Union und eine europaweite Tankstelleninfrastruktur. Erneuerbare Energie und der europäische Emissionshandel sollten ausgebaut werden. Überhaupt müsse ein Marktmodell für die Wasserstoffversorgung entwickelt werden, das demjenigen für Erdgas ähneln könne. Vorschläge sind auch die Integration der CO2-Emissionen in die nationale Mautberechnung und eine jährlich steigende CO2-Komponente zur Besteuerung von Kraftstoffen. Zudem wäre eine Klimaabgabe auf CO2-intensive Grundstoffe zu prüfen.
Der Wasserstoffrat plädiert für Technologieoffenheit, sieht aber deutliche Vorteile im Einsatz von Wasserstoff, der auf eine bestehende Infrastruktur aufsetzen und als Energiespeicher dienen könne. „Es ist keine Technologie erkennbar, die das ermöglichen würde, was Wasserstoff zur Dekarbonisierung leisten kann“, sagt Reiche.


Ganz einig sind sich die 26 Köpfe im Wasserstoffrat aber nicht: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Klima-Allianz Deutschland halten Wasserstoff aus fossilen Quellen nicht für förderwürdig und kritisieren das in einem Sondervotum. So sagt Verena Graichen, BUND-Vorstand und Ratsmitglied: „Blauer Wasserstoff aus fossilem Erdgas oder türkiser Wasserstoff aus Wärmeenergie sind nicht klimaneutral, deswegen können sie nicht auf einer Stufe mit grünem Wasserstoff stehen.“ Auch die Bundesregierung sieht in der nationalen Wasserstoffstrategie, die sie im Juni 2020 zusammen mit der Gründung des Wasserstoffrates verabschiedet hat, nur grünen Wasserstoff vor. Der Mehrheit im Rat reicht das nicht. „Wir brauchen zum Hochlauf einer globalen Wasserstoffwirtschaft auch blauen und türkisen Wasserstoff, um die prognostizierten Bedarfe decken zu können“, sagt Reiche. So steht im Aktionsplan, dass für den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft zunächst Erdgas eine zentrale Rolle spielen wird, um Kohle als Energieträger abzulösen. Hingegen befürchtet Ratsmitglied Christiane Averbeck von der Klima-Allianz, dass die Förderung fossilen Wasserstoffs den Ausbau der Erzeugung erneuerbaren Wasserstoffs verlangsamt: „Das kostet zu viel knappe Steuergelder und birgt das Risiko, weitere jahrzehntelange Abhängigkeit von fossilen Strukturen zu zementieren.“ Der Aktionsplan richtet sich vor allem an die künftige Regierung. Reiche spricht von einer Blaupause für ein Regierungsprogramm nach der Wahl im September. Für die Regierung schlagen die Berater dazu eine ressortübergreifende Wasserstoff-Koordination vor, die die Umsetzung gewährleisten soll.

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