Verbund profitiert von teurem Strom

29. Juli 2021, Wien
Verbund erhöht Jahresprognose für 2021
 - Wien, APA

Dem Verbund-Stromkonzern hat das unerwartet hohe Strompreisniveau im ersten Halbjahr trotz geringerer Eigenerzeugung und weniger Absatz mehr Gewinn beschert. Auch die kürzlich erfolgte Übernahme der Gas-Connect-Austria-Mehrheit wirkte sich positiv aus. Die Jahresziele 2021 wurden daher hinaufgesetzt. Für die Energiewende macht der Stromkonzern erhebliche Mittel aus seinem ausgeweiteten Investitionsplan locker. Auch bei Wasserstoff will man ein maßgeblicher Player sein.

Generaldirektor Michael Strugl sprach am Donnerstag von einem „sehr erfreulichen“ ersten Halbjahr. Man habe die Erzeugung gut vermarktet, dabei von höheren Spotmarktpreisen profitiert und Ergebnisse über Plan erzielt. In den nächsten drei Jahren werde man 2,3 Mrd. Euro investieren – für Netz, Wasserkraft, neue Erneuerbare. Der frühere 3-Jahres-Plan hatte ein Volumen von 1,8 Mrd. Euro, der jetzige könnte auch noch höher werden, sagte Strugl im Halbjahrespressegespräch.

Zu den 2,3 Mrd. Euro hinzu kämen noch Ausgaben für Flexibilitäts- und Speichermöglichkeiten. Bis 2025 investiere man über eine halbe Milliarde in Pumpspeicher zusätzlich, 480 Mio. Euro für Limberg III (Kaprun), 60 Mio. für Reißeck II+, um rasch Ausgleichs- und Regelenergie zur Verfügung zu haben. 280 Mio. Euro mache der Konzern in den nächsten sechs Jahren für Fischdurchgangshilfen locker.

Die Energiewende gebe es nicht zum Nulltarif. Man sehe sich als wesentlichen Treiber dabei, doch sei ein geeigneter Rahmen dafür nötig. Das gelte fürs Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), zu dem Strugl – auch Präsident des E-Wirtschaft-Verbandes Oesterreichs Energie – noch Kritikpunkte hat, wie auch für die künftige Wasserstoff-Wirtschaft. Bei H2 dürfe Österreich nicht den Anschluss verlieren. Das sei ein Schlüssel für die Dekarbonisierung, verwies Strugl etwa auf das bereits seit 2019 bei der voestalpine laufende H2-Future-Elektrolyse-Pilotprojekt für eine CO2-ärmere Stahlproduktion. „Verbund ist Pionier in Österreich und Europa mit Wasserstoff-Projekten“, dafür müsse man aber auch die Pipeline-Infrastruktur nutzen können. „Die Bedarfe an Wasserstoff werden wir in Österreich, in Europa, nicht erzeugen können, ein großer Teil wird zu wirtschaftlichen Kosten importiert werden müssen.“

Die Herausforderungen für die Energiewende seien immens. Wolle man das Ziel von zusätzlich 27 Terawattstunden (TWh) Strom für eine bilanziell 100-prozentige Erneuerbaren-Versorgung erreichen, bedeute dies bei Wasserkraft jährlich 100 Megawatt (MW) Vergabevolumen, bei Photovoltaik 700 MW Ausschreibungsmenge im Jahr und bei Windkraft 400 MW Vergabevolumen im Jahr. Bis 2030 müssten in Österreich 17.000 MW an Leistung zusätzlich gebaut werden, „zum Vergleich: Wir beim Verbund haben 8.300 MW“.

Das EAG sei ein guter Wurf, trotz einiger Wermutstropfen. Zu diesen zählte Strugl etwa zusätzliche Öko-Vorgaben für die Wasserkraft, Abschläge für Solar-Freiflächen oder das Fehlen einer Rechtsgrundlage für Preisklauseln bei Strom und Gas.

Da künftig wegen der vermehrt volatilen Erzeugung zusätzliche Flexibilitäten nötig sind, müssten diese Investments auch durch den Regulator bei der Verzinsung anerkannt werden, wie dies etwa in Italien bereits der Fall sei. Auch der Vorfall vom letzten Samstag, bei dem die Iberische Halbinsel zeitweise vom übrigen Europa getrennt war, zeige, dass das System vulnerabler geworden sei.

Im ersten Halbjahr profitierte Verbund von deutlich höheren CO2-Zertifikatpreisen und höheren Preisen für Primärenergieträger. Laut Finanzvorstand Peter Kollmann stieg der Kohlepreis seit Jahresbeginn um 40 Prozent, der Gaspreis um 50 und die CO2-Preise um 60 Prozent – ein günstiges Umfeld für den Wasserkraftkonzern mit 97 Prozent Erneuerbaren-Anteil. Auch der Kapitalmarkt reflektiere das, so Strugl und Kollmann. Der durchschnittliche Absatzpreis des Verbund aus der Wasserkraft-Eigenerzeugung, der wichtigste Faktors fürs Ergebnis, stieg von 44,5 Euro je Megawattstunde (MWh) ein Jahr davor auf nun 46,6 Euro. Jeder Euro mehr oder weniger beeinflusst das EBITDA aufs Jahr gesehen mit +/-25 Mio. Euro.

Bei Strom zeige die Vorschau, dass die Marktpreise in den nächsten Jahren zurückgehen würden, meinte Kollmann. Die CO2-Preise würden aber wohl sehr stabil bleiben – was zeige, dass die Klimapolitik der EU-Kommission sehr ernst genommen werde. Die kurzfristigen Strompreise seien sehr hoch. Und die Terminpreise seien noch immer höher als das, was in der ursprünglichen Verbund-Absicherung drinnen war. Für 2022 hat man bereits 47 Prozent des Volumens abgesichert, bei 56,3 Euro pro MWh. Hätte man zum heutigen Preis (market-to-market) bereits alles abgesichert, käme man auf 65,6 Euro, so Kollmann.

Bis Juni steigerte der Konzern das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) um 2,5 Prozent auf 655 Mio. Euro und das Konzernergebnis um 4,5 Prozent auf 325 Mio. Euro. Im Gesamtjahr 2021 sollen es 1,31 bis 1,41 Mrd. Euro beim EBITDA und 590 bis 660 Mio. Euro beim Nettogewinn sein.

Die Verbund-Eigenerzeugung ging um 5,9 Prozent auf 15.223 GWh zurück. Dabei sank sie aus Wasserkraft um 2,9 Prozent auf 14.561 GWh – der Erzeugungskoeffizient der Laufwasserkraftwerke mit 0,96 um 4 Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt von 1,0 und um einen Prozentpunkt über dem Vergleichswert des Vorjahres. Aus Windkraft wurde mit 444 GWh um 13,8 Prozent weniger produziert, aus Wärmekraft mit 217 GWh um 67,9 Prozent weniger.

Der gesamte Verbund-Stromabsatz war im Halbjahr mit 28.632 GWh um 7,5 Prozent geringer, jedoch wuchs er im Bereich der Endkunden um 4,3 Prozent auf 7.023 GWh an. Der Kundenstock betrug hier Ende Juni rund 523.000 Strom- und Gasabnehmer. Bei Weiterverteilern und Händlern sank der Absatz.

Zu Gute kam dem Konzern auch ein positiver Ergebnisbeitrag aus der erstmaligen Vollkonsolidierung des Leitungsbetreibers Gas Connect Austria (GCA), dessen 51-Prozent-Mehrheit der Stromkonzern dem Öl-, Gas- und Chemiekonzern OMV abgekauft hat; das Closing erfolgte per Ende Mai d.J. Mit diesem Zukauf sei man „optimal positioniert für die Sektorkopplung“, nämlich die Verbindung von Strom und Gas. Die GCA liefere von Anfang an gute Ergebnisbeiträge für das EBITDA.

Die Dividenden-Ausschüttungsquote für 2021 soll zwischen 45 und 55 Prozent des um Einmaleffekte bereinigten Konzernergebnisses liegen, das aktuell zwischen rund 580 Mio. und 650 Mio. Euro erwartet wird. Bis Juni betrug das bereinigte Konzernergebnis 315 Mio. Euro (+4,7 Prozent). Der Personalstand des mehrheitlich republikeigenen Verbund lag im Schnitt bei 3.011 (2.830), ein Plus von 6,4 Prozent.

APA

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