Alarmstufe Rot fürs Klima

11. August 2021

Quelle: Handelsblatt, 10.08.2021 (S. 001)

Der neue Bericht des Weltklimarats zeigt die dramatischen Folgen des Temperaturanstiegs. Etliche Entwicklungen gelten bereits jetzt als unumkehrbar.

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) warnt vor dramatischen Folgen des Klimawandels und mahnt zu einem radikalen Kurswechsel in der Klimaschutzpolitik. Dem am Montag vorgelegten jüngsten IPCC-Bericht zufolge steigt die Welttemperatur bereits in den nächsten 20 Jahren um mehr als 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit, wenn nicht sofort gehandelt wird. Schon jetzt habe sich so viel Treibhausgas in der Atmosphäre angesammelt, dass es schwerwiegende Klimaveränderungen mit entsprechenden Folgen geben werde.

„Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, und die Beweise sind unwiderlegbar“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei der Präsentation des Berichts am Montag. Es müsse das Ende von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen eingeläutet werden, „bevor diese unsere Erde zerstören“. Der Bericht des IPCC, der erste seit acht Jahren, fasst im Auftrag aller UN-Staaten 14.000 wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre zusammen und gilt als Leitlinie für die Weltklimakonferenz im November in Glasgow.

„Der Planet schwebt in Lebensgefahr“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zum IPCC-Bericht. Bei den Grünen hieß es, wenn nichts geschehe, werde dies „irreversible Auswirkungen auf Menschen und ökologische Systeme“ haben. Der Industrieverband BDI forderte, in Glasgow müssten sich „alle großen Emittenten auf weitere Schritte zum Klimaschutz einigen“. Ein Regelwerk zur Umsetzung der Beschlüsse des Pariser Klimaabkommens von 2015 sei „lange überfällig“.

Dass der UN-Weltklimarat (IPCC) keine Entwarnung geben würde, war schon lange vor der Veröffentlichung des jüngsten IPCC-Berichts am Montag klar. Dass die Autoren aber so unmissverständlich aufzeigen würden, welche katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels sich bereits jetzt abzeichnen, überraschte am Ende viele Beobachter. Denn die Arbeit des IPCC ist ein Politikum ersten Ranges und wird von den knapp 200 IPCC-Mitgliedstaaten eng begleitet. Der Bericht ist also nicht das Produkt einer einzelnen Behörde oder einer wissenschaftlichen Einrichtung mit klarer Agenda.

Gerade weil dem IPCC-Report eine ausgiebige Konsenssuche vorausgegangen ist, klingt das Ergebnis in seiner Eindeutigkeit umso erschreckender: Der IPCC macht deutlich, dass alle Alarmsignale auf „Rot“ stehen. So ist die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre aktuell höher als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten 800.000 Jahren. Die Oberflächentemperatur hat so schnell zugelegt wie nie zuvor in den vergangenen 2000 Jahren. Zugleich ist der Meeresspiegel dem Bericht zufolge im vergangenen Jahrhundert schneller angestiegen als in den 3000 Jahren zuvor.

Europa wird vom Klimawandel überdurchschnittlich betroffen sein Die Chancen, den globalen Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten und möglichst sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen, schwinden dem Bericht zufolge zusehends. Damit steht die Weltgemeinschaft vor dem Scheitern ihrer beim Klimagipfel in Paris 2015 gefassten Beschlüsse. Eine Erwärmung um 1,5 Grad gilt als gerade noch beherrschbar. Mittlerweile sind 1,1 Grad erreicht.

Der Bericht räumt außerdem mit dem Vorurteil auf, die Europäer seien vom Klimawandel und seinen zum Teil dramatischen Folgen weniger betroffen als andere Weltregionen. Dem Bericht zufolge werden die Temperaturen in Europa sogar stärker steigen als im weltweiten Durchschnitt. Häufigkeit und Intensität von Hitzeextremen haben demnach schon zugenommen und werden weiter zunehmen. Der Niederschlag wird im Winter in Nordeuropa stärker ausfallen, aber im Sommer in der Mittelmeerregion und nördlich davon abnehmen.

Nach Angaben von Astrid Kiendler-Scharr vom Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich liegt die mittlere Temperatur in Deutschland bereits jetzt bei 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Anzahl heißer Tage sei in Deutschland seit 1951 um fast 200 Prozent gestiegen, ebenso die Anzahl der Tage mit Starkregen. „Mit jedem zehntel Grad Erwärmung steigt das Risiko für Extreme, und die Häufigkeit und Intensität der Extreme nimmt zu“, sagte sie.

„Extremniederschläge und dadurch verursachte Überschwemmungen werden nach den Projektionen in allen Regionen außer dem Mittelmeer zunehmen, wenn die Erderwärmung über 1,5 Grad hinausgeht“, heißt es in dem IPCC-Bericht mit Blick auf Europa.

Unabhängig von allen künftigen Klimaschutzmaßnahmen werde der Meeresspiegel an den Küsten Europas mindestens so schnell ansteigen wie im globalen Mittel – auch über das Jahr 2100 hinaus. Eine Ausnahme gibt es lediglich für die Ostsee. Flutereignisse an den Küsten werden zunehmen, Sandstrände im 21. Jahrhundert zunehmend schwinden. Gletscher werden sich deutlich zurückziehen, bislang ganzjährig gefrorener Boden wird auftauen, die Ausdehnung der Schneedecke sinken. Die Schneefallsaison in höheren Lagen wird kürzer ausfallen.

Klimaschutzorganisationen in Deutschland werteten den Bericht als Weckruf für die Politik und forderten von den Parteien, sich im Bundestagswahlkampf klarer zu einem ambitionierten Klimaschutz zu bekennen. „Lauter als im neuen Bericht des Weltklimarats kann die Wissenschaft nicht mehr warnen. Wir müssen dringend handeln, ein weiteres Zögern werden wir uns selbst nicht mehr verzeihen können, ganz zu schweigen von unseren Kindern“, sagte Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim Umweltverband WWF Deutschland. Die Bundestagswahl im September müsse „eine Wahl für den Schutz unseres Klimas, der Biodiversität und somit letztlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen sein“, sagte Heinrich.

Schnelle Weichenstellungen der neuen Bundesregierung gefordert „Der Bericht zeigt so umfassend und klar wie nie zuvor, dass sich das Fenster zum Einhalten des 1,5-Grad-Limits schnell schließt“, sagte Rixa Schwarz, Leiterin des Teams Internationale Klimapolitik bei der Umweltorganisation Germanwatch. „Die Instrumente, um das 1,5-Grad-Limit noch einzuhalten, sind verfügbar. Wenn jedoch die globalen Emissionen nicht in den nächsten Jahren zügig und nachhaltig sinken, werden wir das Limit reißen. Es muss gelingen, die globalen Emissionen in den kommenden zehn Jahren nahezu um die Hälfte zu reduzieren“, sagte Schwarz. Dies sei – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Flutkatastrophen in Teilen Deutschlands und der verheerenden Waldbrände in großen Teilen der Mittelmeerregion – auch ein dringender Appell an die Parteien im laufenden Wahlkampf.

Nicht nur Ökoverbände, auch Wirtschaftslobbyisten mahnen zum Handeln. „Die dramatischen Ergebnisse des IPCC-Weltklimaberichts machen noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, bis spätestens 2050 weltweit Klimaneutralität zu erreichen“, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Hierfür brauchen wir in der Klimapolitik dringend mehr Tempo.“ Vor allen Dingen, so Andreae, müssten nun die Fesseln beim Ausbau der erneuerbaren Energien gelöst werden: „Ohne grüne Energie gibt es keine Klimaneutralität.“ Wichtig sei daher, dass die neue Bundesregierung zentrale Klimaentscheidungen bereits im ersten halben Jahr nach Amtsantritt umsetze, um die notwendige Dynamik auszulösen. Hierzu gehöre, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, Flächen bereitzustellen und den Artenschutz neu zu organisieren.

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN

Weltklimabericht: Sechs Erkenntnisse Der Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) ist der erste seit acht Jahren. Der IPCC forscht nicht selbst. Er fasst im Auftrag der knapp 200 UN-Staaten die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahre zusammen. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick: 1. Die Folgen des Klimawandels sind bereits weltweit spürbar Dem Bericht zufolge ist es eindeutig, dass Atmosphäre, Ozeane und Landflächen durch den Einfluss des Menschen erwärmt wurden. Es hätten „weitverbreitete und schnelle Veränderungen“ stattgefunden, heißt es. Das Ausmaß der jüngsten Veränderungen im Klimasystem sei „seit vielen Jahrhunderten bis Jahrtausenden beispiellos“. Der vom Menschen verursachte Klimawandel führe bereits zu vielen Wetter- und Klimaextremen in allen Regionen der Welt. Seit dem letzten Bericht von 2013 gebe es stärkere Belege für den Einfluss des Menschen auf die beobachteten Klimaveränderungen, etwa Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren und tropische Wirbelstürme. 2. Wetterextreme werden zunehmen Es wird häufiger zu bisher selten auftretenden Wetterextremen kommen. Dieser Trend lasse sich auch nicht brechen, wenn der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird. Hitzewellen, die bisher etwa alle 50 Jahre auftraten, wird es einmal pro Jahrzehnt geben. Tropenstürme werden stärker, Regen- und Schneefälle nehmen zu. Es wird 1,7-mal so oft zu Dürren kommen. Brände werden intensiver und dauern länger. 3. Es wird wärmer Die globale Oberflächentemperatur wird bei allen betrachteten Emissionsszenarien bis mindestens Mitte des Jahrhunderts weiter steigen. „Eine globale Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius und zwei Grad Celsius wird im Laufe des 21. Jahrhunderts überschritten werden, es sei denn, es erfolgen in den kommenden Jahrzehnten drastische Reduktionen der CO2 – und anderer Treibhausgasemissionen“, heißt es im Bericht. 4. Arktis wird im Sommer eisfrei sein Die Arktis ist die Region, die sich am schnellsten erwärmt – mindestens doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Eisschollen auf dem arktischen Ozean werden im Sommer selbst nach dem optimistischsten Szenario der Forscher bis 2050 verschwinden. Die Eisschmelze bewirkt eine Rückkopplung: Während das Eis das Sonnenlicht reflektiert, nimmt die dunklere Wasseroberfläche die Strahlung auf. Das verstärkt die Erderwärmung noch. 5. Anstieg des Meeresspiegels ist unumkehrbar „Viele Veränderungen aufgrund vergangener und künftiger Treibhausgasemissionen sind über Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar“, heißt es. Das betreffe besonders Veränderungen des globalen Meeresspiegels. Selbst wenn das 1,5-Grad-Limit eingehalten wird, wird der Meeresspiegel in Hunderten oder Tausenden Jahren um zwei bis drei Meter und womöglich noch mehr steigen. Der Prozess beschleunigt sich mit der Polareis-Schmelze und der Erwärmung der Ozeane. Überflutungen von Küsten in einem Ausmaß, das früher nur einmal im Jahrhundert vorkam, passieren bis 2100 jedes Jahr. Anstiege des Meeresspiegels von mehr als 15 Metern bis 2300 sind nicht auszuschließen, wenn Kipppunkte eintreten wie der Verlust der Arktis oder Waldsterben. „Je mehr wir das Klimasystem antreiben, umso wahrscheinlicher überschreiten wir Schwellen, die wir kaum prognostizieren können“, warnte Co-Autor Bob Kopp, Klimaforscher an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey. 6. Die Zeit drängt Soll das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden, darf nur noch ein bestimmtes Budget an CO2 in die Atmosphäre gelangen. Die Menschheit ist dabei, das in nur einem Jahrzehnt aufzubrauchen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die globale Durchschnittstemperatur durch den Ausstoß von 2,4 Billionen Tonnen CO2 um 1,1 Grad gestiegen. Es verbleiben 400 Milliarden Tonnen bis zur Erwärmung um 1,5 Grad. Derzeit belaufen sich die globalen Emissionen auf mehr als 40 Milliarden Tonnen im Jahr.
Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, und die Beweise sind unwiderlegbar.
António Guterres UN-Generalsekretär.
1,1 Grad Celsius höher als in der vorindustriellen Zeit liegen die Temperaturen schon heute. 1,5 Grad gelten als noch beherrschbar. Quelle: Weltklimabericht

Handelsblatt

Ähnliche Artikel weiterlesen

Covid-Effekt auf CO2-Ausstoß schon verpufft

24. September 2021, Wien
Jeder und jede Einzelne kann etwas beitragen - etwa durch weniger Autofahrten
 - Loosdorf, APA/HELMUT FOHRINGER

Gewessler legt Gutachten gegen Atomkraft in „Green Deal“ vor

23. September 2021, EU-weit
Archivbild eines deutschen AKW
 - Esensham, APA/dpa

Gaspreise – Gewessler will Ökostrom forcieren

22. September 2021, Brüssel/Kranj (Krainburg)
Gaspreis soll in den Griff bekommen werden
 - Würzburg, APA/dpa

Oö. CO2-Budget in nächster Legislaturperiode verbraucht

21. September 2021, Linz
OÖ emittiert zu viel CO2
 - Wien, APA/ROLAND SCHLAGER