Der Wintertourismus wird „grüner“

31. August 2021


Energie. Mit einem neuen System lernen Skigebiete in Österreich, Strom effizienter zu nutzen. Nicht nur Verbrauch und Kosten sinken, sondern auch die Kohlenstoffdioxid-Emissionen

Hunderte Millionen Liter Wasser werden jedes Jahr für die künstliche Beschneiung der Schmittenhöhe im Winter vom Zeller See auf den Berg zu den Schneekanonen hinaufbefördert. Die Wasserpumpen benötigen dafür naturgemäß viel Energie. Die Beschneiungsanlagen ebenfalls: Allein für die Grundbeschneiung mit Kunstschnee werden bis zu 15 Megawattstunden Strom pro Pistenhektar verbraucht. Zudem belasten auch Liftanlagen und die Gastronomie in den Skigebieten das Stromnetz enorm.


Das soll sich ändern. Im Rahmen des von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützten Projekts „Clean Energy For Tourism“ (CE4T) wird unter der Federführung der Salzburg AG untersucht, wie sich Stromverbrauch und -kosten sowie CO₂-Emissionen in Zukunft reduzieren lassen und der Wintertourismus generell „grüner“ werden kann.


Mehr Selbsterzeugung
Laut der Energiewirtschaftsexpertin Stefanie Kritzer von der Salzburg AG erzeugen die neun untersuchten Skigebiete dank Kleinwasserkraftwerken oder Photovoltaikanlagen bereits einen Teil der Energie selbst. Den Rest, der zu 100 Prozent erneuerbar ist, liefert die Salzburg AG. Um Energie künftig aber noch effizienter nutzen zu können, wurde vom Austrian Institute of Technology (AIT) und World Direct im Rahmen von CE4T ein neuartiges digitales Energiemanagementsystem entwickelt.


Unter anderem besteht es aus einem Energieüberwachungsinstrument. Dabei werden die energieintensiven Anlagen eines Skigebietes, etwa Lifte oder die Gastronomie, in ein sogenanntes Energiemonitoring aufgenommen. „Es ist trivial, aber wesentlich, den Istzustand aufzuzeigen und bewusst zu machen“, sagt Kritzer gegenüber dem KURIER. Die Netzbelastung kann in Echtzeit mitverfolgt werden – auf einen Blick wird ersichtlich, welche der Anlagen die größten Stromfresser sind.

Anlagen steuern
Mit den erhobenen Daten können in der Folge Einsparungsmaßnahmen ermittelt und die bestehenden Anlagen so gesteuert werden, dass Energieaufwand und -kosten gesenkt werden können.


Hier kommt ein für CE4T entwickelter Algorithmus zur Anwendung. Der berechnet, ob es beispielsweise effizienter ist, die Anlagen früher oder später einzuschalten beziehungsweise zwischendurch auszuschalten. Entsprechend dem bestmöglichen Resultat wird der Anlagenbetrieb angepasst. Berücksichtigt werden laut Kritzer neben Strommix auch CO₂-Emissionen sowie Strompreise.


Getestet wurde das Instrument vergangenen Sommer auf der Schmittenhöhe beim Befüllen des Speichersees. Dank Algorithmus laufen die Wasserpumpen dort vor allem dann, wenn günstiger Öko-Strom am Markt erhältlich ist. Nicht nur die Kosten im Skigebiet werden somit gesenkt, sondern auch das Netz wird entlastet. Und das könnte künftig noch relevanter sein als heute: Denn der frei werdende Strom könnte etwa für das Laden von Elektroautos genutzt werden.

Nachhaltigkeit
Neben dem Energiemonitoring und der Anlagensteuerung, die bereits operativ im Einsatz sind, besteht das System aus einem dritten Bestandteil. Laut Kritzer bringe der den wohl größten Beitrag im Sinne der Dekarbonisierung. Denn: „Erst wenn Skigebiete erneuerbare Energie- und Speichertechnologien hinzunehmen, werden sie wirklich nachhaltig“, sagt sie. Hier kommt ein vom K1-Kompetenzzentrum BEST (Bioenergy and Sustainable Technologies GmbH ) entwickeltes Planungstool ins Spiel. „Mithilfe eines mathematischen Modells wird ein bestehendes Skigebiet virtuell abgebildet, und neue Technologien werden hinzugefügt“, sagt sie. So lässt sich auf einfache Weise bewerten, wie sich diese Erweiterungen auf die CO₂- und Energiebilanz sowie auf die Kosten auswirken. Je nach Gegebenheiten einer Region ergeben sich unterschiedliche Optionen für einen „grüneren“ Wintertourismus – etwa durch den zusätzlichen Ausbau von Photovoltaikanlagen, Wasserkraftwerken oder durch die Nutzung von Wasserstoff.


Strom teilen
„Sinnvoll wäre außerdem, wenn ein Skigebiet seine gebaute Wasserkraftanlage nicht nur selbst verwendet, sondern der gesamten Region zur Verfügung stellt“, empfiehlt die Fachfrau. Mit dem Erneuerbare-Ausbau-Gesetzespaket (EAG-Paket), das vor wenigen Wochen beschlossen wurde (siehe rechts), dürfte dies bald auch realisierbar sein. So bieten die Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG) künftig die Möglichkeit, eigens erzeugten Strom mit der Region zu teilen.
Neben neuen Gesetzen hätten laut Kritzer auch politische Rahmenbedingungen und das Förderwesen einen starken Einfluss auf den Weg zu einer energieeffizienteren und „grüneren“ Zukunft. Der Wunsch der Skigebiete, dort hinzukommen, ist ihr zufolge jedenfalls groß.


Wie viel Energie, Kosten und CO₂ durch das innovative System in den jeweiligen Gebieten konkret eingespart werden können, wird sich am Ende des Projekts im Oktober 2022 zeigen. Danach soll das System auch auf andere energieintensive Branchen oder Gemeinden übertragbar gemacht werden.

Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft

Kurier

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