Energiewende auf dem Dach

13. September 2021

Nachhaltigkeit. Die Dachflächen vieler Gewerbeimmobilien sind wie geschaffen für die Gewinnung von Strom aus Fotovoltaik. Immer mehr Unternehmen erkennen darin ihre Chance.


von Michael Loibner
Einen Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ gibt’s dafür zwar nicht, aber trotzdem: Es ist die größte Fotovoltaikanlage auf dem Dach eines Einkaufszentrums in ganz Europa, die derzeit eine Etage über den Geschäften der Westfield Shopping City Süd in Vösendorf entsteht. Auf einer Fläche, die der Größe zweier Fußballfelder entspricht, werden 8000 Solarpaneele angebracht, die ab Mitte nächsten Jahres rund ein Viertel des Energiebedarfs des Einkaufstempels mit selbst produziertem Sonnenstrom abdecken sollen. Ein Teil der Anlage ist bereits in Betrieb.


Die Shopping City Süd steht mit der Idee, bislang ungenutzte Dachflächen zur Erzeugung solarer Energie zu nutzen, keineswegs allein da. Immer mehr Unternehmen investieren in die Errichtung von Fotovoltaik-Anlagen und werden damit zumindest teilweise energieautark – ein Trend, den man bei der Umweltschutzorganisation WWF mit Freude zur Kenntnis nimmt: „Sonnenstrom hat von allen erneuerbaren Energien in Österreich das größte Potenzial, und das muss rasch genutzt werden“, sagt Klimaschutzexperte Karl Schellmann. Ökologisch am sinnvollsten sei die Aufrüstung bereits versiegelter Areale.


Gewaltiges Potenzial
Welche Rolle dabei Dachflächen, insbesondere von Gewerbeimmobilien, spielen können, erläuterte Christian Mikovits vom Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien im Frühjahr bei der Konferenz der European Geosciences Union: „Mit Solarstrom auf allen größeren Gebäuden könnte Österreich das Klimaziel erreichen, ab 2030 sämtlichen Strom aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.“ Elf Terawattstunden Strom pro Jahr sollen im künftigen Energiemix durch Fotovoltaik beigesteuert werden, das ist etwa ein Drittel der Gesamtmenge. Der Rest kommt von Wind und Wasser. Dafür würde es schon reichen, alle Dächer mit mehr als 220 Quadratmetern Fläche, sofern sie nicht aufgrund ihrer Ausrichtung, wegen Aufbauten oder aus Denkmalschutzgründen wegfallen, mit Solaranlagen zu versehen. Besonders gut eignen sich laut Mikovits Dächer von Supermärkten oder Lagerhallen. Im Einkaufszentrum Auhof-Center in Wien Penzing beispielsweise hat man das bereits umgesetzt. Der erzeugte Strom wird für Beleuchtung, Belüftung und Klimatisierung des Gebäudes verwendet. Und Ikea beim Westbahnhof speichert Solarstrom aus eigener Erzeugung, um nicht nachhaltige Notstrom-Aggregate zu ersetzen.


Dass auch Logistiker auf den Zug aufgesprungen sind, zeigt unter anderem das Unternehmen Gebrüder Weiss, das an fünf Standorten Solarzellen auf den Dächern hat. Die jüngste Anlage in Pöchlarn deckt ein Viertel des Eigenbedarfs, bedient aber auch externe Nutzer: „Der Großteil der Fotovoltaik-Module wurde an Investoren aus dem Energiesektor vermietet“, sagt Niederlassungsleiter Bernhard Schartmüller. Der Logistiker Knapp AG in Hart bei Graz versorgt mit Sonnenenergie vom Headquarter sowohl den eigenen Betrieb als auch E-Ladestationen auf dem Firmengelände.


Vorzeigeprojekt am Flughafen
Die größte Fotovoltaik-Anlage Österreichs ist aber auf dem Vienna International Airport im Entstehen. Sie wird etwa 17-mal so groß wie jene auf der Shopping City Süd und im Endausbau zehnmal so viel Strom liefern. Ein Teil, installiert unter anderem auf den Dächern eines Hangars des Air Cargo Centers oder, seit wenigen Wochen, auf dem eines Parkhauses, läuft bereits. „Ab Mitte kommenden Jahres werden wir ein Drittel des Energieverbrauchs des Flughafens, den wir durch effizienzsteigernde Maßnahmen in den vergangenen acht Jahren um 40 Prozent reduzieren konnten, damit abdecken“, sagt Günther Ofner, Vorstand der Flughafen Wien AG. „Das entspricht dem Stromverbrauch einer Kleinstadt.“


Mit der Ankündigung, den gesamten Betrieb durch den selbst produzierten Solarstrom sowie durch andere emissionsreduzierende Strategien auf lange Sicht CO2-neutral stellen zu wollen, versucht der Airport angesichts der Kritik, die dem Flugverkehr in der Klimadebatte entgegenschlägt, in der Öffentlichkeit zu punkten. Andere betonen gleichfalls die positiven Auswirkungen auf den Schadstoffausstoß. Anton Cech, Manager der Westfield Shopping City Süd: „Dank des grünen Sonnenstroms sind wir in der Lage, jährlich bis zu 675 Tonnen Kohlendioxid einzusparen.“ Ikea rechnet mit 88 Tonnen CO2 weniger, Gebrüder Weiss in Pöchlarn mit 76 Tonnen.


Contracting-Modell
Auch Banken sind inzwischen auf diesen Trend aufmerksam geworden und haben ihr Portfolio durch spezielle Finanzierungsangebote erweitert. Die Kommunalkredit Austria AG und EWW Anlagentechnik GmbH etwa haben erst kürzlich ein Joint Venture gegründet, das sich der Entwicklung, dem Bau und dem Betrieb von Aufdachanlagen widmen wird. Den Kunden wird dabei ein sogenanntes Contracting-Modell angeboten, bei dem die neue Gesellschaft die Aufdachanlagen auf eigene Kosten errichtet und diese dann langfristig an den Kunden verpachtet. Das Angebot soll in einem ersten Schritt vor allem österreichische Industrie- und Gewerbekunden sowie Gemeinden ansprechen, angedacht ist aber auch eine Ausweitung auf angrenzende Länder. Der Fokus liegt dabei auf Fotovoltaik-Anlagen mit einer Kapazität von 100 kWp oder mehr.

Die Presse

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