Wiener Kraftwerke als Feuerwehr

5. Oktober 2021

Betätigen Wiener den Lichtschalter, dann geht mit 99,9-prozentiger Sicherheit das Licht an. Ein Luxus den nicht viele Länder oder Städte haben. Dennoch besteht auch immer die Gefahr für einen Blackout – und kürzlich sind wir haarscharf an einem solchen vorbeigeschrammt.

In unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk wird derzeit ein neues Umspannwerk von Wiener Netze gebaut. Wir durfen uns vor Ort umsehen.


Im April 1902 lieferte das Kraftwerk erstmals Strom für die Wiener Straßenbahnen, ab September 1902 wurden auch Haushalte mit Strom versorgt.


In der Zentrale wird die Stabilität des Netzes überwacht.
Zwei dieser gewaltigen Gas- und Dampfturbinen sorgen in Simmering für ausreichend Strom.
In Simmering wurde im Jahr 2013 der weltweit erste Hochdruck-Wärmespeicher installiert.
Es ist der 8. Jänner 2021. In einem großen Umspannwerk in Kroatien kommt es zu einem technischen Gebrechen. Die Stromversorgung nach Mittel- und Westeuropa bricht zusammen, und der Strom wird umgeleitet. Es ist der Auslöser für eine Kettenreaktion, die schließlich dazu führt, dass alle Verbindungen im Stromnetz zwischen Ost- und Westeuropa gekappt werden müssen, um schlimmere Schäden zu vermeiden. West- und Mitteleuropa droht der totale Blackout, denn zu dieser Zeit sind hier die Kraftwerke großteils nicht im Vollbetrieb. Der Notfallplan wird aktiviert: Zahlreiche Kraftwerke in ganz Österreich haben sofort Energie zur Netzstabilisierung nachgeliefert. „Wie die Feuerwehr stehen unsere Kraftwerke rund um die Uhr bereit und helfen aus, wenn es im heimischen Stromnetz brennt“, gab damals Wien Energie-Geschäftsführer Michael Strebl zu Protokoll. Und in der Tat: Der vermehrte Ausbau von erneuerbaren Energien und damit die oft unbeständige Erzeugung von Wind- und Sonnenstrom führt dazu, dass die Stromnetze immer stärkeren Schwankungen ausgesetzt sind. Denn kommt es zum Ernstfall, können diese Kraftwerke nicht so schnell einspringen. Als Sicherheitsnetz dient also das Kraftwerk in Simmering, das sehr schnell Strom liefern kann. Und es ist nötiger denn je: Die Anzahl der Not-Einsätze nimmt drastisch zu. Musste Wien Energie bis vor wenigen Jahren nur rund 15-mal die Stromerzeugung kurzfristig hochfahren, war dies in den vergangenen Jahren bis zu 240-mal pro Jahr für die Netzstabilisierung der Fall. Wir haben uns daher Österreichs größtes Kraftwerk sowie das zentrale Umspannwerk der Wiener Netze in Simmering einmal genauer angesehen. Das Rückgrat der Energieversorgung für Wien ist das Kraftwerk Simmering. Es ist der größte Standort in Österreich. 800.000 private Haushalte und 7000 Businesskunden werden vom 11. Bezirk aus versorgt. 370.000 Haushalte sind zudem noch an die Fernwärme angeschlossen.


Herzstück der Anlage sind die beiden gewaltigen mehrstöckigen Technikkomplexe mit Gas- und Dampfturbinen. Sie sind wahre Tausendsassas und bestechen vor allem mit Effizienz. Denn moderne Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke (GuD) erzeugen auf zweierlei Arten Strom. Der meiste Strom entsteht in der Gasturbine, die einen Generator antreibt. Die eigentlich ungeliebten Abgase aus der Gasturbine sind so heiß, dass damit Wasserdampf erzeugt werden kann. Dieser treibt wiederum eine Dampfturbine an, die zusätzlichen Strom erzeugt. Aus dieser wird zudem auch Dampf für Fernwärme entnommen. Das senkt zwar die elektrische Leistung, bringt aber das Fünffache an Fernwärme-Leistung.
Unterm Strich geht die Rechnung aber auf: Der Wirkungsgrad erhöht sich dadurch auf rund das Doppelte eines üblichen kalorischen Kraftwerkes. Die Gasturbine wird mit Erdgas als Brennstoff betrieben. Wird es verbrannt, entstehen nur wenige Schadstoffe. Im Dauerbetrieb sind die Anlagen übrigens nicht. „Wenn es Nachfrage am Strommarkt gibt, wird unser Angebot abgerufen“, erklärt Wien Energie-Kraftwerksleiter Christian Vettinger beim Rundgang. Etwas anders sieht es im Winter aus. „Im Hochwinter fahren wir schon alleine wegen der Fernwärme hoch. Aber natürlich müssen wir immer einsatzbereit sein.“ Daher ist zumindest immer eine Anlage im Warmhaltebetrieb. Das reduziert die Startzeit im Ernstfall um sechs bis sieben Stunden. Und die vergangenen Jahre haben gezeigt, solche Alarmsituationen kommen immer öfters vor. Die Anzahl der Not-Einsätze stieg drastisch. Bis zu 240 Mal pro Jahr muss das Kraftwerk derzeit in den Krisenmodus schalten. Netzsicherheit wird im Wiener Kraftwerk generell groß geschrieben. „In Wien haben wir die Möglichkeit, das Kraftwerk auch ohne Fremdenergie zu starten. So lässt sich nach einem flächendeckenden Blackout die Wiener Stromversorgung von Simmering aus wieder aufbauen.“ Ein absoluter Gamechanger, denn viele andere Kraftwerke benötigen quasi ein anderes Kraftwerk als Starthilfe.


Kraftwerk Wien kann bei Blackout alleine starten
Doch warum ist das so wichtig? Die Antwort auf diese Frage hat Carlo Obersteiner, Leiter der Energieleitstelle Strom/Gas bei der Wien Energie: „Am 8. Jänner wurden 14 Leitungen und Knotenpunkte überlastet, die sich dann bestimmungsgemäß abgeschaltet haben. Es kam zu einer sogenannten bedrohlichen Netzauftrennung, der zweiten überhaupt in der Geschichte des europäischen Verbundsystems. Zusammen mit anderen Kraftwerken in West- und Mitteleuropa konnte die Versorgung während dieser heiklen Phase sichergestellt werden.“ Im Prinzip geht es aber darum, im gesamten Netz jederzeit genug Kapazitäten für Unvorhergesehenes zu haben. In diesem Engpassmanagement spielen heimische Kraftwerke eine entscheidende Rolle. „Wir halten mit unseren Kraftwerken das Netz durch lokale Einspeisungen frei, damit es auf den großen Leitungen zu keinen Staus kommt.“ Die Berechnungen dafür erfolgen übrigens immer für den kommenden Tag. Wetterbedingungen für Solar- oder Windenergie und Aktivitäten an den Strombörsen sind hier entscheidend.


Damit es zu keinem Blackout kommt, sind die Mitarbeiter des Kraftwerks Wien zusammen mit jenen der Wiener Netze laufend bei Schulungen – zum Beispiel im Simulator in Deutschland. Denn nur wenn alle Räder perfekt ineinandergreifen, kann Wien vor einem gravierenden Stromausfall geschützt werden. Ideal, dass auch die Wiener Netze ihr Umspannwerk derzeit in Steinwurfnähe zum Kraftwerk erneuern. Nicht nur für die Versorgung an sich, sondern auch für die Balance des Stromnetzes in ganz Österreich, spielt das Kraftwerk Simmering eine wichtige Rolle. Genau wie der Herzschlag muss auch das Stromnetz immer im richtigen Takt sein. Gerät das System ins Schwanken, springt Wien Energie wie die Feuerwehr ein und liefert Energie, um wieder ein Gleichgewicht zwischen Energieerzeugung und Verbrauch herzustellen. Diese Sicherheitsmechanismen sind sehr gut eingespielt und die Versorgungssicherheit in Österreich sehr hoch. Dass das auch in Zukunft so bleibt, dafür sorgen die Wiener Netze. Vorausschauend plant und investiert der Wiener Energienetzbetreiber, der seine Zentrale wenige hundert Meter Luftlinie vom Kraftwerk entfernt hat, jährlich rund 300 Millionen Euro in die Instandhaltung und den Ausbau der Energienetze (Strom, Gas, Fernwärme und Telekommunikation).


Jährliche Investitionen in Millionenhöhe
Mit Gerald Schneider, dem Abteilungsleiter für Umspannwerke bei Wiener Netze, durften wir die aktuelle Großbaustelle ebenfalls besichtigen. „Mit einer Gesamtinvestition von 110 Millionen Euro in das Umspannwerk und die Verbindung Simmering-Südost schaffen wir die Grundlage für ein stabiles Stromnetz – auch in Zukunft“, so Schneider. Mit 99,99 Prozent Versorgungssicherheit haben die Wiener Netze eines der sichersten Stromnetze der Welt. Bis 2023 soll die Errichtung der neuen gasisolierten Schaltanlage in Simmering abgeschlossen sein. begonnen Das Gebäude für die Schaltanlage ist bereits im Rohbau fertiggestellt: 2025 soll die neue Schaltanlage die Bestandsanlage ablösen. Die Zusammenarbeit mit der Wien Energie und dem Kraftwerk bringt Schneider so auf den Punkt: „Dass sich das größte Umspannwerk Wiens direkt neben dem Kraftwerk befindet, ist kein Zufall: der produzierte Strom des Kraftwerks muss mit dicken Leitungen abtransportiert werden. Wie eine Autobahn kann man sich die 380 kV-Stromleitung, die in Wien meist unterirdisch verläuft, vorstellen. Wenn es dann eine Abfahrt braucht, steht da ein Umspannwerk – vergleichbar mit einem Verteilerkreis. Der Strom wird auf eine geringere Spannung umgewandelt und über 110 kV-Leitungen und schließlich 10 kV-Leitungen – also Straßen und Gassen – in ganz Wien verteilt.“ Daher wundert es auch nicht, dass beide Unternehmen einst zusammengehörten. Rund um die Jahrtausendwende wurden die Wien Energie und Wiener Netze getrennt. Schneider: „Die EU wollte damit einen Markt für Energieanbieter schaffen. Denn jeder Haushalt in Wien ist zwar Kunde von Wiener Netze, aber der Strom kann auch von anderen Anbietern bezogen werden.“ Eine Privatisierung des Netzes steht aber nicht zur Diskussion. Sonst bräuchte jedes Gebäude mehrere Netzanschlüsse, von jedem Anbieter mindestens einen. Das ist mehr als nur unpraktisch und logistisch kaum machbar. In Ländern, wo man diesen Weg gegangen ist, hat die Versorgungsqualität spürbar gelitten. Daher haben die Wiener Netze auch einen gewaltigen Auftrag.


Zwei Millionen Menschen als Kunden
Sie sind Österreichs größter Energienetzbetreiber und versorgen zwei Millionen Menschen sicher mit Strom, Gas, Fernwärme und Telekommunikation. Das Netz erstreckt sich über 30.000 Kilometer Länge. Aneinandergereiht reichen die verlegten Rohre und Kabel von Wien bis nach Sydney und retour. Das Stromnetz alleine ist über 20.000 Kilometer lang – ein Großteil davon verläuft unterirdisch. Längere Stromausfälle gibt es in Wien übrigens so gut wie nie. „Wenn einmal der Strom ausfällt, sind die Einsatzteams rasch zur Stelle und sorgen in Windeseile dafür, dass die Haushalte wieder Spannung haben. Durch Umschaltungen ist das ,leicht’ möglich. Denn fast alle Haushalte in unserem Versorgungsgebiet werden von zwei Seiten mit Strom versorgt“, so Schneider. Und somit wird Wien von einem fatalen Blackout hoffentlich weiterhin verschont bleiben.

Text: Philipp Stewart