Produzieren hat keinen Sinn mehr

12. Oktober 2021, Frankfurt

Strom- und Energiepreise markieren fast täglich neue Rekorde. Einige Unternehmen senken bereits die Produktion – auch in Österreich. „Es ist wirklich beängstigend“, sagt ein Industrieller.

Die Energiekrise in Europa verschärft sich von Tag zu Tag und drängt das verarbeitende Gewerbe an seine Belastungsgrenze. Weil die Strom- und Gaspreise fast täglich neue RekProorde erreichen, sahen sich einige energieintensive Unternehmen bereits gezwungen, die Produktion herunterzufahren. Eine Produktion im vollen Ausmaß würde sich schier nicht mehr lohnen.

Derweil naht der Winter und damit die Heizperiode. Das wird den Druck weiter verschärfen und mehr Manager in der Industrie zu schwierigen Entscheidungen zwingen.

Im Winter wird es dramatisch

Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in der deutschen Lutherstadt Wittenberg gehören zu denen, die drastische Maßnahmen ergreifen. Deutschlands nach eigenen Angaben größter Harnstoff- und Ammoniak-Hersteller verbraucht jedes Jahr 640 Gigawattstunden Erdgas – so viel wie etwa 50.000 Haushalte. Am Dienstag teilte er mit, seine Produktion um 20 Prozent zu reduzieren, um die steigenden Gaspreise auszugleichen.

„Es hat keinen Sinn, Ammoniak auf diesem Preisniveau herzustellen“, sagte Vorstandschef Petr Cingr. „Wenn die Regierung nicht handelt, droht ein kompletter Produktionsstopp.“

Seine Warnung wiederholte am selben Tag eine Gruppe energieintensiver Unternehmen in Großbritannien. Sie forderte die Regierung auf, Notfallmaßnahmen zu ergreifen, anderenfalls müssten manche Unternehmen im Winter dichtmachen.

Die Krise ist das Ergebnis von zu geringem Angebot, das auf starke Nachfrage traf, als sich die Konjunktur nach Beginn der Covid-19-Pandemie schneller erholte als erwartet. Nun droht sie, die Erholung zu bremsen: Die Produktionskosten steigen genauso wie die Energierechnungen der Konsumenten. Mit 4,1 Prozent ist die Inflation derzeit so hoch wie seit 30 Jahren nicht.

Staat könnte eingreifen

Viele Unternehmen versuchen, energieeffizienter zu produzieren, doch die Einsparungen daraus werden durch das schiere Ausmaß der Preissteigerungen zunichtegemacht. Der Schaden dürfte zunehmen, falls auf den Preisschock noch knapperes Angebot folgt. Dann müssten wohl noch mehr Industriebetriebe drastische Schritte ergreifen und auf Not-Aus drücken.

Es besteht sogar die Gefahr, dass die Regierungen direkt eingreifen, wie es gerade in China passiert. Das könnte Einschränkungen beim industriellen Verbrauch nach sich ziehen. Schließlich will niemand zu Weihnachten im Kalten sitzen. Zu Beginn der Woche wandten sich die Finanzminister fünf europäischer Regierungen mit der Forderung an die EU, die Preisanstiege zu untersuchen und den Einkauf innerhalb Europas zu bündeln, um eine bessere Verhandlungsposition zu erzielen. Letztendlich müsse die Region unabhängig von Importen werden, so eine der Forderungen.

„Es wird einem schwindelig“

„Es ist wirklich beängstigend“, sagte Carsten Rolle, Leiter der Energieabteilung beim Bundesverband BDI. „Bei den Preiserhöhungen wird einem schwindelig.“

Im vorigen Monat hat die US-Holding CF Industries, ein wichtiger Düngemittelhersteller, den Betrieb in zwei Werken in Großbritannien wegen der hohen Gaspreise eingestellt. Auch der österreichische Kunststoffhersteller Borealis und der norwegische Chemiekonzern Yara International ASA reduzieren ihren Ausstoß. Der deutsche Chemiekonzern BASF hatte seine Ammoniak-Produktion in zwei Werken bereits Ende September reduziert.

Möglicher Dominoeffekt

Diese Maßnahmen üben wiederum Druck auf Branchen wie die Landwirtschaft aus und könnten die Lebensmittelpreise nach oben treiben. Größere Stilllegungen würden das Wirtschaftswachstum insgesamt dämpfen und könnten sogar Arbeitsplätze gefährden.

Die Möglichkeiten, den starken Preisanstiegen entgegenzuwirken, scheinen begrenzt: Von den großen Erdgasproduzenten ist keine nennenswerte Entlastung zu erwarten. „Viel hängt von der Nachfrageseite der Gleichung ab“, so Andreas Löschel, Professor für Ressourcenökonomie an der Universität Bochum, mit Bezug auf das Risiko eines kalten Winters. „Eine Reihe unwahrscheinlicher Ereignisse summieren sich und ergeben eine Situation, die wir so noch nie zuvor gesehen haben.“

Die Presse

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