Komplexe Klima-Kennziffer

18. Oktober 2021

Viele Unternehmen kennen ihre CO₂ -Bilanz nicht. Der Nachweis wird aber immer wichtiger.

Der Erfolg eines Unternehmens wird an Umsatz- und Gewinnzahlen gemessen. Künftig wird aber ein anderer Wert mindestens ebenso wichtig für die Performance werden: der CO₂ -Ausstoß. Die Klimagas-Emission wird für jedes Unternehmen zur betriebswirtschaftlichen Kennziffer. Große Unternehmen veröffentlichen bereits jetzt, wie groß ihr Einfluss auf das Klima ist. In CO₂ -Bilanzen geben sie Auskunft darüber, wie viel Emissionen sie in einem gewissen Zeitraum emittiert haben. In Nachhaltigkeitsberichten verfassen sie eigene Klimaziele. Der Stahlhersteller Voestalpine etwa will in den kommenden neun Jahren ein Drittel seiner Emissionen einsparen. Der Ölkonzern OMV hat vor, zwischen 2020 und 2025 seine CO₂ -Äquivalent-Emissionen in den betriebenen Anlagen um mindestens 1 Million Tonnen reduzieren.


Doch wie wird eigentlich ermittelt, wie viel Klimagase jedes Jahr ausgestoßen werden?
Der Ausstoß von Österreich beträgt rund 80 Millionen Tonnen CO₂ -Äquivalente pro Jahr. Die Emissionen sind in Sektoren wie Verkehr, Energie, Industrie und Landwirtschaft geteilt. Die sogenannte nationalstaatliche Inventur erfolgt nach dem Regelwerk des Weltklimarates (IPCC). Wie viel Emissionen in einem Sektor verursacht werden, wird auf Basis von statistischen Daten berechnet. In der Landwirtschaft weiß man zum Beispiel, wie groß der Tierbestand ist, wie viel Düngemittel eingesetzt wurde und wie die Ernte ausfiel. Im Sektor Verkehr kann man anhand des Verbrauchs von Diesel und Benzin sehr gut berechnen, wie viel CO₂ ausgestoßen wurde. Österreich hat sich als Vertragsstaat der Klimarahmenkonvention verpflichtet, jährlich eine Treibhausgasbilanz zu erstellen.


Bei Unternehmen gestaltet es sich gänzlich anders. Sie müssen noch keine Rechenschaft ablegen, wie viel Treibhausgas sie emittieren. „Unternehmensbilanzen unterliegen derzeit noch keiner Verpflichtung wie die Nationalstaaten“, sagt Günther Lichtblau, Klimaexperte im Umweltbundesamt. Daher gibt es auch keine Zahlen dazu, wie viele Unternehmen in Österreich bereits eine CO₂ -Bilanz erstellen. Erfasst sind bisher nur jene Unternehmen, die dem EU-Emissionshandel (ETS) unterliegen. In Österreich sind rund 200 stationäre Anlagen vom ETS-System erfasst, dazu gehören etwa energieintensive Industrien wie Stahl- und Zementwerke.


Der CO₂ -Fußabdruck eines Unternehmens ist komplex. Er umfasst zunächst die direkten Emissionen, also etwa den Ausstoß der eigenen Fahrzeugflotte. Zu den indirekten Emissionen zählt zum Beispiel der Stromverbrauch. Ein dritter Bereich umfasst eine Vielzahl von indirekten Emissionen, die entlang der Wertschöpfungskette anfallen, wie etwa Rohstoffe, Logistik oder Abfallentsorgung. Der Druck auf Unternehmen nimmt allerdings zu. „Immer mehr Hersteller verlangen von ihren Zulieferern, dass Daten zum Carbon Footprint ausgewiesen werden“, sagt Lichtblau. In der Automobilbranche sei dies schon Standard, aber auch die US-Supermarktkette Walmart lässt nur Produkte mit CO₂ -Nachweis ins Regal.


CO₂ -Bilanz wird wichtiger
Oft erstellen externe Firmen die CO₂ -Bilanz von Unternehmen. Aber auch das Umweltbundesamt bietet diese Dienstleistung an. Unternehmen melden immer mehr Bedarf an, sagt der Klimaexperte. „Der Gesetzgeber wird verbindlichere Vorgaben setzen. Dadurch wird das Thema für immer mehr Unternehmen relevant“, sagt Lichtblau. Das Umweltbundesamt hat bisher für rund 100 Unternehmen Bilanzen erstellt, darunter etwa für die ÖBB und den Rewe-Konzern.


Wie wird der CO₂ -Ausstoß eines Unternehmens also gemessen? Gar nicht. Er wird nach einem komplexen Modell berechnet. Es gibt weltweit Emissionsdaten für Produkte und Dienstleistungen, die für die Berechnung herangezogen werden. „Wir adaptieren das mit spezifischen Werten für Österreich“, sagt Lichtblau. Transportdistanzen etwa spielen eine Rolle, ebenso wie der Energiemix im Land.


Wie eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt, haben viele Unternehmen Probleme, ihren CO₂ -Fußabdruck darzustellen. Nur neun Prozent aller Unternehmen können ihre Emissionen genau messen. Zwei Drittel wissen nicht, wie groß der CO₂ -Fußabdruck ihrer Produkte oder Dienstleistungen ist. „Klima und Nachhaltigkeit wird für CEOs immer wichtiger. Der CO₂ -Fußabdruck wird zum treibenden Faktor für ihr Geschäft“, sagt Rich Hutchinson, Managing Director und Senior Partner bei BCG. Befragt wurden weltweit 1300 Unternehmen aus neun Sparten wie etwa aus dem Energie- und dem Gesundheitssektor.


Der Autozulieferer Bosch – im Bild Vorstand Volkmar Denner – bezeichnet sich seit 2020 als klimaneutral.

Von Michael Ortner

Wiener Zeitung

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