Was die Gaspreise treibt

27. Oktober 2021

Teure Energie bereitet vor dem Winter ganz Europa Kopfzerbrechen. In Österreich ist einiges anders – und manches nicht.

Bisher hat nur ein kleiner Gasversorger in Österreich angekündigt, seine Preise ab November anzuheben. Die Arbeiterkammer fordert mit Blick auf den Winter aber schon ein Schutzpaket der Regierung, „das sicherstellt, dass alle Haushalte sich ihre Energiekosten leisten können“ – darunter höhere Heizkostenzuschüsse, Abschaltverbote im Winter und einen temporären Mehrwertsteuerverzicht.

Der steile Anstieg der Großhandelspreise für Erdgas beschäftigt auch die Staats- und Regierungschefs der EU bei ihrem Gipfel in Brüssel. Wegen des weltweit explodierenden Energiehungers infolge der Coronakrise klettern die Preise von Kohle, Öl und besonders Gas auf neue Rekordwerte. Für Industriebetriebe oder Versorger, die von den Preisen an Spotmärkten wie der Gashandelsplattform CEGH (Central European Gas Hub in Baumgarten bei Wien) abhängen und Mehrkosten nicht an ihre Kunden weiterreichen können, kann das fatal sein. Dazu kommen in Europa die schleppende Energiewende und Machtspiele des wichtigsten Gaslieferanten Russland.

Österreich zählt zu den EU-Ländern, die der Entwicklung bisher eher gelassen gegenüberstehen und die Preissprünge als vorübergehendes Phänomen betrachten. Auswirkungen haben sie aber auch hier.

Nach den Ankündigungen der Landesversorger wird sich zwar bis Jahresende für Bestandskunden nichts tun – bei Verträgen mit Preisgarantie noch länger. Wien Energie, Salzburg AG, Tiwag, Steweag & Co. profitieren noch davon, dass Gas im Coronajahr 2020 so billig war wie selten – und sie damals eingekauft haben. Johannes Mayer, Marktexperte bei der Regulierungsbehörde E-Control, geht aber davon aus, dass im kommenden Jahr ein großer Teil der heimischen Gaskunden von Preiserhöhungen zwischen 20 und 30 Prozent betroffen sein wird. Zwar werde sich die Situation ab dem zweiten Quartal entspannen. Die Preise bleiben aber weiterhin beim Doppelten von 2019. Parallel dazu sind auch die Strompreise kräftig gestiegen. Die Kilowattstunde für nächstes Jahr wird an den Börsen doppelt so teuer gehandelt wie vor der Krise. Hier schlagen teils die gestiegenen Kohle- und Ölpreise durch, teils die höheren CO2-Preise.

Zusammen könnte das je nach Vertrag die Energierechnung eines durchschnittlichen Haushalts um bis zu 400 bis 500 Euro verteuern, rechnet Mayer vor. Ein Anbieterwechsel könnte helfen, die Mehrkosten zu senken, ganz wettmachen wird er sie aber voraussichtlich nicht, weil sich ein neues Preisniveau abzeichnet. „2022 wird ein teures Energiejahr“, fürchtet Mayer.

Versorgungsengpässe, wie sie in anderen Ländern bereits befürchtet werden, erwartet die Regulierungsbehörde auch in einem kalten Winter nicht. Die heimischen Gasspeicher sind – abgesehen vom Gazprom-Speicher Haidach – gut gefüllt. „Was jetzt gespeichert ist, ist mehr als die gesamten Kapazitäten vor zehn Jahren“, sagt Mayer. Damals hatte ein Streit zwischen dem russischen Staatskonzern Gazprom und der Ukraine zu einer veritablen Krise in Europa geführt, besonders in östlichen EU-Ländern.

In den vergangenen Monaten ist erneut weniger Gas Richtung Europa geflossen – trotz gegenteiliger Beteuerungen in Moskau. Experten vermuten, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die Genehmigung des zweiten Strangs der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 beschleunigen will. Das würde die Gaspreise in der Sekunde senken, hatte Putin wiederholt gesagt.

von Monika Graf

Salzburger Nachrichten

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