Starker Gegenwind für Energiewende

29. Oktober 2021

Für den Umbau des Energiesystems ist mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz eine Hürde genommen. Bremsklötze auf dem Weg zu weniger CO2 gibt es aber zuhauf. Dazu gehört etwa die fehlende Akzeptanz von Windrädern und PV.
Kaum zu glauben, aber von Energiewende war schon vor gut 40 Jahren die Rede. Der Begriff, der den Übergang von der nicht nachhaltigen Nutzung fossiler Energieträger zu Erneuerbaren wie Wind, Sonne oder Biomasse beschreibt, geht auf das 1980 erschienene Buch Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran des Öko-Instituts Freiburg zurück. Kernenergie kommt darin, weil nicht nachhaltig, schlecht weg.

Österreich hat seit dem knappen Volksentscheid gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf (50,5 Prozent stimmten im Herbst 1978 dagegen) das Thema ad acta gelegt. Andere Länder wie Frankreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn und neuerdings verstärkt auch Polen sehen hingegen nur mit Atomkraft eine Möglichkeit, bei der Stromproduktion Kohle, Öl und Gas möglichst sauber zu ersetzen.

Hierzulande ist der Weg vorgezeichnet, wie das Ziel von 100 Prozent erneuerbare Energien beim Stromverbrauch bis 2030 erreicht werden soll, zumindest theoretisch. Dazugesagt werden muss, dass es sich dabei um eine bilanzielle Betrachtung handelt. Denn im Winter muss wohl oder übel auch in Zukunft Strom importiert werden, wenn die Sonne nur wenige Stunden scheint und Windräder sowie Wasserkraftwerke auch nicht die volle Leistung bringen. Mehrproduktion im Sommer soll dieses „Defizit“ im Jahresschnitt dann ausgleichen.

Hierzu sind diverse Szenarien berechnet, Potenziale erhoben und mit möglichen Einsparungen durch effizienteren Einsatz von Energie in Einklang gebracht worden. Das realistischste Szenario läuft auf eine Zahl hinaus: 27 Terawattstunden (TWh). So viel zusätzlicher Ökostrom wird nötig sein, um das Ziel von bilanziell 100 Prozent erneuerbarer Energie bis 2030 zu schaffen.

„Grob gesagt entspricht das einer Verdoppelung der Kapazität im erneuerbaren Bereich, ein sehr sportliches Ziel“, sagt Michael Strugl, Verbund-Chef und gleichzeitig Präsident von Österreichs Energie, im Gespräch mit dem STANDARD. „Nur ein Bruchteil davon ist bereits realisiert, und es sind keine neun Jahre mehr bis 2030.“ Wobei Strugl nichts von Festklammern an ein bestimmtes Datum hält.

Preisrallye bei Fossilen

„Es wird nicht darauf ankommen, ob wir bis 2030 die 100 Prozent schaffen oder erst 2032 so weit sind. Wichtig ist, dass wir jetzt tatsächlich große Schritte beim Ausbau machen und vor allem auch machen können“, sagt Strugl. Projekte gebe es genug, die Umsetzung sei aber alles andere als einfach.

Dafür sorgen aktuell auch die Preise für Öl und Gas, die seit Monaten nur eine Richtung zu kennen scheinen – die nach oben. Rohöl hat sich seit Jahresbeginn um fast 70 Prozent verteuert, Erdgas im Großhandel um mehr als das Vierfache. Das merken Autofahrer beim Tanken schon sehr stark, davon können aber auch Haushalte ein Lied singen, die neue Gaslieferverträge abschließen und deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen. Schon wird allenthalben die Forderung laut, steuernd in den Markt einzugreifen, ja sogar die Energiewende zu verschieben.

Experten raten davon ab. Wäre früher schon massiv in erneuerbare Energien investiert worden, wäre die Abhängigkeit von Öl und Gas geringer, und die saftigen Preiserhöhungen wären ein geringeres Problem, lautet das Argument. Dass die Preise nach der Talfahrt im Corona-Jahr 2020 so stark gestiegen sind, hat auch mit dem unerwartet starken Anspringen der Konjunktur zu tun, das auch von Öl- und Gasproduzenten unterschätzt worden ist.
Mit einem Anteil von etwa 75 Prozent erneuerbarer Energie liegt Österreich bei der CO2-freien, sauberen Stromproduktion schon jetzt deutlich über dem EU-Schnitt von 34 Prozent. Das ist aber zu einem Großteil der Wasserkraft geschuldet, über die andere Länder nicht oder in viel geringerem Ausmaß verfügen. Aktuell sind in Österreich über 700 Lauf- und rund 3100 Kleinwasserkraftwerke in Betrieb. Sie stehen für rund 60 Prozent des erzeugten Stroms.

Was sind nun die kritischen Faktoren, die einen raschen Ausbau der neuen Erneuerbaren abseits der Großwasserkraft bremsen könnten? Strugl führt drei Punkte an: nicht genügend Flächen, um die notwendige Zahl an PV-Anlagen und Windrädern errichten zu können. Dazu Genehmigungsverfahren, die Jahre dauern, und eine schwindende Akzeptanz seitens der Bevölkerung, wenn es um erneuerbare Energien vor ihrer Haustür geht.

Für die Flächenwidmung sind die Länder zuständig, dort entscheidet sich, ob gebaut werden kann oder nicht. Verfahrenskonzentration unter Berücksichtigung legitimer Parteienrechte könnte laut Strugl zu einer Beschleunigung der Abläufe und schnelleren Genehmigungen führen, insbesondere auch, wenn die personelle Ausstattung der Behörden verbessert werde. Ein Sachverständigenpool aus zivilen Gutachtern könnte dabei überlasteten Amtsgutachtern beispringen.

Die Wege von A nach B sollen aus Klimaschutzgründen künftig vorzugsweise elektrisch, im Idealfall zu Fuß oder per Rad zurückgelegt werden. Autos mit Benzin- oder Dieselmotor jedenfalls dürften kaum mehr eine Rolle spielen.
Mit dem Klimaticket, das in der Normalversion 1095 (bis Ende Oktober 949) Euro im Jahr kostet und seit dem Nationalfeiertag (26. Oktober) zur Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln in Österreich berechtigt, hofft die Politik noch mehr Menschen von der Straße in Busse und Bahnen zu bringen. Mehr als 75.000 Tickets sind inzwischen verkauft.

Wer dennoch auf einem eigenen Pkw besteht oder das Auto wegen unzureichender öffentlicher Anbindung schlicht braucht, soll – wenn schon, denn schon – auch elektrisch fahren – mit einem E-Auto. Wer sich dafür entscheidet, bekommt einige Tausend Euro Förderung, was die Mehrkosten eines E-Autos im Vergleich zu einem vergleichbar großen Diesel oder Benziner nur zum Teil abfedert. Mit größeren Stückzahlen würden die Preise aber schon in wenigen Jahren deutlich sinken, versichern auch die Autohersteller.

Die Herausforderung werde sein, genügend erneuerbare Energie zu produzieren, um alle Ladestationen mit sauberem Strom zu versorgen, sagen Experten.

Die Komplettausrichtung der Stromversorgung auf Wind, Sonne, Biomasse und in kleinerem Maßstab auch noch andere erneuerbare Energien bei gleichzeitiger Dekarbonisierung anderer Sektoren erfordert hohe Investitionen, nicht zuletzt in das Hochspannungsnetz. Die für das Höchstspannungsnetz zuständige Austrian Power Grid (APG), eine Tochter des Verbundes, hat erst unlängst ihre Schätzungen für den Investitionsbedarf nach oben geschraubt.
Demnach müssen für den Aus- und Umbau der Netzinfrastruktur allein von der APG bis zu 3,5 Milliarden Euro ausgegeben werden, um rund 400 Millionen Euro mehr, als noch im Vorjahr geplant gewesen ist. Ein erklecklicher Teil davon sei für neu zu errichtende Umspannwerke vorgesehen.

Die 3,5 Milliarden Euro machen rund 17 Prozent der etwa 18 Milliarden Euro aus, die die E-Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren insgesamt zur Ertüchtigung der Netzinfrastruktur wird ausgeben müssen, wenn die Energiewende gelingen soll. Zum Vergleich: Für die Aufstockung der Erzeugungskapazitäten (12,0 Gigawatt (GW) mehr bei PV, 9,0 GW mehr bei Wind, 6,0 GW mehr bei Kleinwasserkraft und 8,0 zusätzliche GW Speicher- und Pumpspeicher) sind in Summe rund 25 Milliarden Euro veranschlagt.

Mit zu den größten Herausforderungen bei der Energiewende gehört die Umstellung der Heizungssysteme in älteren Gebäuden. Für neu zu errichtende Wohneinheiten gibt es ein entsprechendes Regelwerk, das erstens eine entsprechende Dämmung mit daraus folgendem geringerem Heizenergiebedarf vorsieht und zum Beispiel den Einbau eines Ölkessels verbietet. Im Altbestand lässt sich das nicht so einfach und vor allem nicht so rasch umsetzen. Speziell in den Städten scheint die Herausforderung enorm zu sein.

In Wien etwa will man nach einem Stufenplan vorgehen. Wo derzeit mit Gas geheizt wird und eine Fernwärmeleitung in der Nähe ist, soll auf diese umgestellt werden. Ist diese außer Reichweite, will Wien Energie den Einsatz von Wärmepumpen forcieren, installiert auf dem Dach. Das so erhitzte Wasser soll über Rohre durch den Kamin geleitet werden zu exakt dem Punkt in der Wohnung, von wo aus die Wärme jetzt schon verteilt wird – nahe dem Kamin, wo im Regelfall die Gastherme hängt.

Sollten noch Wohnungen übrig bleiben, die weder auf Fernwärme noch auf Wärmepumpen umgerüstet werden können, soll als letzte Option grünes Gas, etwa aus landwirtschaftlichen Abfällen, zum Einsatz kommen. (stro)
Mit einer Genehmigungsdauer von fast 5,5 Jahren ist die 380-Kilovolt-Leitung in Salzburg eines der längstgeprüften Infrastrukturprojekte in Österreich. Mit der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs (VwGH) vom 20. Oktober 2020 sind alle rechtlichen Einspruchmöglichkeiten ausgeschöpft. Das 890 Millionen Euro schwere Projekt wird als zentrales Bindeglied für die Versorgungssicherheit Österreichs bezeichnet. Die Leitung verbindet die Windkraft-Hotspots in Ostösterreich mit den Pumpspeicherkraftwerken im Westen des Landes.

Zur Historie:
QJuni 2010 Präsentation des Trassenkorridors nach fünf Jahren Vorbereitung.
QSeptember 2012 Einreichung Umweltverträglichkeitserklärung (UVP)
QDezember 2014 UVP-Bescheid 1. Instanz für Vorhabensteil in Oberösterreich.
QDezember 2015 UVP-Bescheid 1. Instanz für den Salzburger Vorhabensteil
QFebruar 2016 Beginn des UVP-Verfahrens am Bundesverwaltungsgericht (BVwG) für den Salzburger Vorhabensteil
QJuli 2017 Mündliche Verhandlung UVP-Verfahren am BVwG
QMärz 2019 BVwG bestätigt positiven UVP-Bescheid
QOktober 2019 Start der Bauarbeiten
QOktober 2020 VwGH bestätigt Genehmigung für die 380-kV-Leitung (stro)

Der Standard

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