Klimagas zu Stein

4. November 2021, Vulkan Hengill

Treibhausgas in Stein verwandeln. Das verspricht eine neue Technologie, die in Island getestet wird. Während bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow über die Verringerung des globalen Treibhausgasausstoßes verhandelt wird, wird am Fuß des Vulkanmassivs Hengill das klimaschädliche CO2 aus der Luft gefiltert und unterirdisch im Basaltgestein eingeschlossen. Orca – „Energie“ auf Isländisch – heißt die Anlage – ein Stahlmonster verbunden mit einem Labyrinth von Rohren.

Das Pilotprojekt des Schweizer Start-ups Climeworks in Zusammenarbeit mit den isländischen Unternehmen CarbFix und ON Power ist seit September in Betrieb. Die Anlage 30 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavik entfernt ist die größte ihrer Art weltweit. Die meisten anderen Projekte zur Abscheidung von Kohlendioxid fangen das Gas nicht aus der Umgebungsluft, sondern direkt an den Schornsteinen umweltverschmutzender Industrien ein.

Am Hengill-Vulkan saugt ein großer Ventilator die Luft an. „In unseren Sammelbehältern befindet sich ein sehr selektiver Filter, der die CO2-Moleküle auffängt“, erklärt der Schweizer Ingenieur Lukas Kaufmann, Projektleiter bei Climeworks. „Sobald der Filter voll ist, erhitzen wir ihn auf etwa 100 Grad.“ Das so gewonnene reine Gas wird über eine mehr als drei Kilometer lange unterirdische Pipeline transportiert, in Wasser gelöst und unter hohem Druck in 800 bis 2.000 Metern Tiefe in das Gestein gepresst.

Das Wassergemisch dringt in den porösen Basalt ein. Dort reagiert das CO2 mit dem im Stein enthaltenen Kalzium, Magnesium und Eisen und verfestigt sich im Lauf von etwa zwei Jahren in den Hohlräumen zu weißen Kalkkristallen. Diese Methode ahmt den natürlichen Prozess der Mineralisierung nach, der normalerweise hunderttausende Jahre dauert.

Laut CarbFix handelt es sich um die sicherste Form der Kohlendioxidspeicherung, die es derzeit gibt. „Das CO2 könnte nur dann wieder in die Atmosphäre gelangen, wenn das Gestein auf hohe Temperaturen erhitzt wird“, zum Beispiel bei einem Vulkanausbruch, sagt Didier Dalmazzone, Professor für Chemieingenieurwesen an der Hochschule ENSTA in Paris.

Orca kann maximal 4.000 Tonnen pro Jahr einspeichern – lächerlich wenig angesichts der Milliarden Tonnen, die eingespart werden müssen, um die Erderwärmung wie im Pariser Klimaabkommen vorgesehen zu begrenzen. „Man muss erst gehen lernen, bevor man laufen kann“, entgegnet Marketingleiterin Julie Gosalvez darauf.

Der Weltklimarat IPCC befürwortet die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) als eine Methode, den Klimawandel zu bremsen. Die meisten Verfahren zielen darauf ab, das Kohlendioxid direkt bei der Entstehung abzufangen, bevor es in die Atmosphäre gelangt.

Ein großer Teil der CO2-Emissionen kann jedoch nicht unmittelbar an der Quelle erfasst werden, wie zum Beispiel bei Flugzeugen, Autos und Schiffen. Diese Emissionen aus der Luft zu filtern ist das Ziel des in Island verfolgten Ansatzes.

Mit 0,041 Prozent macht Kohlendioxid jedoch nur einen winzigen Teil der Luft aus. Orca muss zwei Millionen Kubikmeter Luft filtern, um eine einzige Tonne CO2 abzuscheiden. Das macht die Methode sehr kostspielig, da große Mengen Energie benötigt werden.

Wie teuer das Verfahren genau ist, sagt Climeworks nicht; der Bau der Anlage allein kostete umgerechnet zwischen neun und 13 Millionen Euro. In Island sind die Voraussetzungen jedoch günstig: Es gibt genügend Wasser, und Energie wird größtenteils aus Erdwärme gewonnen. Das Geothermiekraftwerk Hellisheidi steht gleich nebenan. Carbfix geht nun der Frage nach, ob die neue Methode auch andernorts anwendbar ist.

APA/ag

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