Grüner Sprit: Vollgas für den Klimaschutz?

10. November 2021, Wien

Verkehr. Bis alle 1,3 Milliarden Autos weltweit mit Strom fahren, vergehen Jahrzehnte. Aber auch bei Benzin- und Dieselautos könnten CO2-Emissionen reduziert werden, sagen Unternehmen.

Lauscht man den Reden der deutschen Autokonzerne, scheint die Sache gelaufen: Fahrzeuge mit Diesel- und Benzinmotoren sind Auslaufmodelle, der Elektroantrieb soll das Klima – und die Gewinne der Hersteller – retten. Ähnlich sieht es die Politik: Österreichs Umweltministerin fordert das Verbot für neue Verbrennungsmotoren ab 2030, die Europäische Kommission setzt das Ablaufdatum ein paar Jahre später an.

Doch trotz steigender Zulassungszahlen der Stromvehikel wird die Mehrheit aller Fahrzeuge immer noch mit Benzin und Diesel betrieben. Und daran dürfte sich auch in zehn, 15 Jahren nicht allzu viel ändern. Ist die notwendige radikale Senkung der Emissionen im Straßenverkehr damit also unerreichbar? Mitnichten, meint eine Gruppe heimischer Unternehmer, die sich zur E-Fuel-Alliance zusammengefunden haben. Auch die alten, fossil betriebenen Fahrzeuge könnten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sagen sie: mit grünem Treibstoff aus Österreich.

CO2-neutral, aber teuer

Die Vorteile der synthetischen Kraftstoffe sind rasch erklärt: Für die Herstellung des grünen Sprits braucht es nicht viel mehr als Wasser, Kohlendioxid – und jede Menge Ökostrom. Erst wird aus Wasser mittels Elektrolyse Wasserstoff, zusammen mit CO2 entsteht daraus Gas oder flüssiger Treibstoff, den Autos, Lkw, Flugzeuge und Schiffe tanken können wie bisher. Klimaneutral sind sie, weil bei der Verbrennung nur so viel CO2 ausgestoßen wird, wie bei der Produktion verbraucht wurde. Die Industrie wittert ein gewaltiges Potenzial. Siemens, Porsche, Uniper, BP, Shell und Lufthansa treiben allesamt Pilotprojekte voran.

Doch E-Fuels leiden noch an Kinderkrankheiten. Die Produktion ist teuer, wenig effizient und verbraucht gewaltige Mengen an Ökostrom, die viele lieber andernorts eingesetzt sähen. Dazu kommt ein magerer Wirkungsgrad: Bei einem Elektroauto können etwa zwei Drittel der Energie am Ende für den Antrieb genutzt werden, bei E-Fuels weniger als ein Fünftel. Manche sehen E-Fuels daher eher als klimafreundlichere Alternative für Spezialanwendungen wie Flugzeuge und Schiffe, nicht für Autos.

„Dass E-Fuels heute noch teurer als herkömmliche Treibstoffe sind, spricht nicht gegen sie, denn sie stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung“, sagt hingegen E-Fuel-Allliance Geschäftsführer Stephan Schwarzer. Und bei der Effizienz wollen heimische Unternehmer entscheidende Fortschritte gemacht haben. Bis 2022 will AVL List in Graz die modernste Power-to-Liquid-Anlage Europas errichten. Die Herstellung grüner Treibstoffe in der Steiermark soll im Vergleich zu bisher bekannten Verfahren um bis zu 20 Prozent effizienter sein, unter anderem durch den Einsatz einer Hochtemperatur-Elektrolyse. Andere Anlagen, wie jene von Porsche und Siemens in Chile, arbeiten mit Niedrigtemperatur, die nur einen geringeren Wirkungsgrad ermöglicht. AVL-Chef Helmut List träumt bereits vom neuen Exportschlager made in Austria: „Wir entwickeln die Technologien zum Ausstieg aus der fossilen Welt.“

Keine gesetzliche Grundlage

Ob sich dieser Traum erfüllen wird, ist offen. Aber einen Beitrag zur Emissionsreduktion könnten E-Fuels durchaus leisten. Weltweit gibt es 1,3 Milliarden Fahrzeuge, fast alle fahren mit Benzin oder Diesel. Nur fünf Prozent der Fahrzeugflotte werden im Schnitt im Jahr ersetzt. Bis alle 1,3 Milliarden mit Strom fahren, vergehen Jahrzehnte.
Die Frage ist, welche Rolle synthetische Kraftstoffe bis dahin spielen können und dürfen. Die EU-Kommission ist bei dem Thema eher skeptisch, im Autoland Deutschland wird in der kommenden Ampelkoalition zumindest offen darüber diskutiert. In Österreich fehlt bisher jede gesetzliche Grundlage dafür. Alle Fahrzeuge, die CO2 ausstoßen, gelten derzeit als nicht klimaneutral. Ganz egal, ob sie fossile oder grüne Treibstoffe tanken. Elektroautos gelten immer als klimafreundlich – auch wenn sie mit Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken geladen sind. Diese Situation sei auch aus klimapolitischer Sicht nicht länger tragbar, sagt Jürgen Roth, Mineralölhändler und Gründer der E-Fuel-Alliance. „Möchte Österreich, wie vom europäischen Klimagesetz angeordnet, bis 2030 seine CO2-Emissionen um 48 Prozent reduzieren, kommt es an der raschen Markteinführung von E-Fuels nicht vorbei.“

Die Presse

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