Grünes Gas aus der grünen Mark

16. November 2021

Während Industriekonzerne wie die Voest noch daran arbeiten, auf WASSERSTOFF umzustellen, setzen Energie Steiermark und der kleine steirische Stahlhersteller Wolfram die Idee bereits um.

Er gilt als Wunderwuzzi der Energiewende, egal, ob als Zwischenspeicher für die stark schwankende Ökostromproduktion oder als Ersatz für Erdgas-und Kohleanwendungen in der Industrie: klimaneutraler Wasserstoff (H 2). Der Haken daran: Herstellung und Anwendungsfälle liegen meist in ferner Zukunft.
Aber nicht immer. Für manche Unternehmen scheint die Zukunft bereits begonnen zu haben, etwa für die Wolfram Bergbau-und Hütten AG (WBH), einen kleinen steirischen Hersteller von Spezialstahl. Während etwa der große Branchenbruder und Linzer Stahlriese Voest alle Hände voll zu tun hat, das Wasserstoffprojekt H2Future über das Versuchsstadium hinauszubringen, stehen die Steirer schon knapp vor einem regulären Einsatz im Tagesgeschäft. Hergestellt mit erneuerbarem Strom aus einer großen PV-Anlage wird sogenannter grüner Wasserstoff das bislang genutzte, aus fossilem Erdgas produzierte Pendant ersetzen, erklärt Wolfram-Vorstand Andreas Bock: „Natürlich gibt es auch den Druck der Kunden nach grünen Stahlprodukten, aber hinter dem Projekt jetzt steht die grundsätzliche Strategie unseres Eigentümers Sandvik, durch zunehmende Dekarbonisierung unserer Prozesse schlicht den CO2-Footprint zu reduzieren.“


EINZIGARTIGES PROJEKT. Man produziert mit Wolfram das härteste Metall der Welt, härter als Diamant, schwer wie Gold und extrem hitzebeständig, der Schmelzpunkt liegt bei weit über 3.500 Grad, wenn Eisen bereits verdampft. Der komplexe Herstellungsprozess für das in Luftfahrt, Autobau und Medizintechnik eingesetzte Produkt erforderte immer schon den Einsatz von Wasserstoff als Reduktionsmittel. Das Problem: woher klimaneutralen Wasserstoff nehmen, wenn man das wenig klimafreundliche Erdgas als Ausgangsmaterial ersetzen will?

An dieser Stelle kommt die Energie Steiermark ins Spiel. Denn der steirische Landesstromerzeuger hatte seinerseits die Idee, ins grüne Wasserstoffbusiness einzusteigen.
Technisch funktioniert das über eine sogenannte Elektrolyse, bei der Wasser in seine Bestandteile zerlegt wird -einer davon ist Wasserstoff (H 2). Der Strom dafür stammt aus Wasserkraftwerken, Windrädern und einer neuen Photovoltaikanlage. Zehn Millionen Euro wird die Energie Steiermark investieren, um jährlich rund 170 Tonnen Wasserstoff produzieren zu können.


Immerhin ein Drittel davon wird die Wolfram Hütte für ihren Herstellungsprozess abnehmen. Wieder ein anderer Teil kommt den Grazer Stadtwerken zugute, dort sollen Wasserstoffbusse im Nahverkehr betrieben werden. Der Rest wird mit Methan versetzt und fließt ins Gasnetz. In Summe können 5.200 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Dementsprechend stolz ist Energie- Steiermark-Vorstand Martin Graf auf sein Vorhaben: „Es ist ein einzigartiges Projekt in Österreich, eines der ersten angewandten Modelle für das Zukunftsthema Wasserstoff, das bisher eher theoretisch diskutiert wurde.“


NEUES SPEICHERMEDIUM. Tatsächlich begeben sich da beide Unternehmen auf neue Wege, erzwungen durch die politisch immer drängenderen Vorgaben, fossile Rohstoffe in Stromerzeugung und industriellen Produktionsprozessen gegen erneuerbare Varianten zu ersetzen. Wolfram-Chef Bock: „Wir haben uns das angeschaut und gesehen, welche Chancen für uns da drinnen stecken. Es geht nicht nur um das Produkt selbst, sondern auch darum, die Technologie einmal kennenzulernen. Mit der Energie Steiermark haben wir dabei einen Partner vor Ort, wo wir wirklich hinschauen und alles nachvollziehen können. Wir müssen uns nicht nur darauf verlassen, dass irgendwelche Zertifikate stimmen, die wir bekommen.“


Dass der Energie-Steiermark-Boss Graf unter Hochspannung steht, ist auch kein Wunder -er schlägt damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Nicht nur, dass man als Rohstofflieferant für die Industrie in eine neue Branche expandiert. Aus Sicht der Elektrizitätsexperten ist Wasserstoff auch ein denkbares Medium, um überschüssige Strommengen aus Wind und Sonnenkraftwerken zu speichern. Davon könnte man in Zukunft jede Menge brauchen, denn die Politik forciert eben den Ausbau der erneuerbaren Energien. Je mehr Windräder oder Photovoltaikkraftwerke aber errichtet werden, umso mehr Zwischenspeicher müssen zur Glättung der schwankenden Stromproduktion in den Netzen eingesetzt werden.

Klappt der erste Schritt, wird das Projekt größere Dimensionen annehmen. Die vorläufig nur ein Megawatt (MW) große PV-Anlage, die zu Teilversorgung der Elektrolyse eingesetzt wird, könnte auf zehn MW vergrößert werden. Ist der Herstellungsprozess stabil genug, würde die Wolfram Hütte durchaus auch mehr an Wasserstoff abnehmen. Bislang geht es lediglich um zehn Prozent des Bedarfs, die mit dem grünen Produkt der Energie Steiermark abgedeckt werden.
„Letztlich ist es auch eine Preisfrage“, gibt Bock zu bedenken. Zwar seien Kunden bereit, für klima neutralen Stahl mehr zu bezahlen. Nicht aber so viel, dass die Preisunterschiede zwischen Wasserstoff aus Erdgas und solchen aus erneuerbarem Strom abgedeckt wären. Die grüne, klimaneutrale Variante ist doppelt so teuer – und das wird sich auch nicht so schnell ändern, solange Ökostrom Mangelware ist. Ein Dilemma, das sich sogar noch verschärfen wird. Demnächst kommen noch weitere Bereiche wie Mobilität oder Raumwärme dazu, die grün elektrifiziert werden wollen.

FACTS & FIGURES
WOLFRAM BERGBAU UND HÜTTEN AG
Mitarbeiter: 322, drei Standorte in der Steiermark und in Salzburg
Umsatz (2019): 246 Millionen Euro
Eigentümer: Sandvik Group, Schweden, 9,2 Milliarden Euro Umsatz (2019)
Produkt: u. a. 13 Prozent des Weltmarktbedarfs des Spezialstahls Wolfram, u. a. für Autoindustrie, Luftfahrt.
Wasserstoff wird als Prozessmittel eingesetzt.
Wolframerz (Scheelit) wird teils in Österreich gefördert, teils zugekauft.

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