„Das Netz ist an der Leistungsgrenze“

25. November 2021


Der Chef des Energiekonzerns Eon kündigt ein 27 Milliarden Euro schweres Investitionspaket an, sieht im Stromnetz keine „Reserven“ mehr und warnt vor Cyberattacken

Im April löste Leonhard Birnbaum den langjährigen Eon-Chef Johannes Teyssen ab. Am Dienstag nun nutzte der 54-jährige Birnbaum den Capital Markets Day des Konzern, um seine Strategie zu präsentieren: Eine Rekordsumme von 27 Milliarden Euro will Eon bis 2026 investieren. 80 Prozent des Geldes fließen ins Netz. Im Interview mit dem Handelsblatt erläuterte Birnbaum, warum die Investitionen nötig sind, um Stromausfälle zu vermeiden – und was er im Gegenzug von der Politik erwartet.


Herr Birnbaum, Eon will bis zum Jahr 2026 rund 27 Milliarden Euro investieren. RWE hat vor einer Woche angekündigt, 50 Milliarden Euro bis 2030 auszugeben. Da hat Sie der alte Konkurrent aber deutlich abgehängt, oder?
Nein, im Gegenteil: Wenn Sie sich die Zahlen genau anschauen, investieren wir deutlich mehr als RWE. Unser Planungszeitraum ist ja kürzer. Auf vergleichbarer Basis investieren wir brutto in der gleichen Größenordnung, aber netto eben deutlich mehr. RWE verkauft einen wesentlichen Teil der neuen Projekte wieder, unsere Investitionen bleiben weitgehend im Unternehmen. Aber ganz ehrlich: Es sind nicht solche Vergleiche, die mich treiben.


Was konkret haben Sie mit dem vielen Geld vor?
80 Prozent werden wir in unsere Netze investieren, 22 Milliarden bis 2026 – das ist deutlich mehr als bisher geplant. Wir müssen aber auch immer mehr Solardächer und Windräder anschließen. Dazu kommt eine stark wachsende Nachfrage aus der Industrie, zum Beispiel durch Batterie- oder Chipfabriken und Rechenzentren. Wir müssen unsere Netze verstärken, modernisieren, aber vor allem auch massiv digitalisieren, damit wir sie auch künftig noch steuern können. Denn es gibt praktisch keine Reserven mehr im Netz.


Ist die Lage so ernst?
In den vergangenen zehn Jahren konnte das Netz den Zuwachs von Erneuerbaren noch verkraften. Aber jetzt sind wir einfach an der Leistungsgrenze. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind aktuell sechs Gigawatt Windenergie installiert. Aber schon jetzt liegen uns Anträge vor, um 30 Gigawatt zu bauen. Wenn nur die Hälfte davon gebaut wird, gibt das heutige Netz das einfach nicht her.
Der Netzausbau stößt überall auf Widerstände. Bekommen Sie die geplanten Investitionen überhaupt verbaut?
Das ist ein sehr großes Problem. Wir können unser Netz digitalisieren und große Fabriken anschließen. Aber wenn wir das Netz nicht verstärken können, dann bleibt der grüne Strom halt in der Uckermark und kann nicht abtransportiert werden. Dann können Sie mit den Erneuerbaren dort den Acker heizen. So wie aktuell die Genehmigungen laufen, werden wir das Netz, aber auch die Erneuerbaren jedenfalls nicht schnell genug ausbauen können.


Hat die Politik das erkannt?
Der gute Wille ist da, aber die Maßnahmen reichen nicht. Wir brauchen andere Regeln: Die Dauer von Genehmigungen muss mindestens halbiert werden.

Und dabei geht es nur um den Netzausbau. Wie steht es nach Ihrer Einschätzung um die Energiewende in Deutschland insgesamt?
Wir werden die Energiewende hinbekommen. Die Frage ist nur, zu welchen Preis. Es ist existenziell für die deutsche Wirtschaft, dass Energie auch künftig noch zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar ist. Wir dürfen die Industrie nicht mit hohen Energiepreisen aus dem Land jagen.


Wie kann die Politik dabei helfen?
Wie erwähnt brauchen wir kürzere Genehmigungszeiten. Das ist übrigens nicht nur schneller, sondern auch günstiger. Wir müssen aber auch technologieoffen bleiben – das gilt besonders für Erdgas. Wer investiert denn in neue Gaskraftwerke und Gasinfrastruktur, wenn Gas nicht von der Politik unterstützt wird?
Wenn die neue Bundesregierung nach dem Atomausstieg 2030 auch aus der Kohle aussteigen will, dürften zahlreiche neue Erdgaskraftwerke nötig werden.
Ja, zu Gaskraftwerken sehe ich kurzfristig keine Alternative. In der vorletzten Woche hatte Deutschland beispielsweise 27 Prozent erneuerbaren Strom im Netz und 72 Prozent konventionell erzeugten. Selbst wenn in unserem Land dreimal mehr Windkraft installiert wäre, wüsste ich nicht, wie wir in einer solchen Woche ohne Kohle, Kernenergie und Erdgas auskommen würden. Wenn Kohle- und Atomenergie komplett vom Netz gehen, entsteht eine gigantische Lücke, die gefüllt werden muss. Und zwar aus einer Quelle, die zuverlässig liefert. Wir brauchen nicht nur im Durchschnitt eines Jahres genug Strom, sondern an jedem einzelnen Tag. Das ist die große Herausforderung, die von vielen unterschätzt wird.


Es ist klar, dass Deutschland nach dem Atomausstieg dauerhaft zu einem Stromimportland wird. Wird es in Europa künftig überhaupt genug Strom geben, um die Lücke zu schließen?
Ja – aber eben nicht, wenn wir gleichzeitig aus Atom und allen fossilen Energien aussteigen.


Deutschland wird den Bedarf dann auch mit Atomstrom aus Frankreich und noch mehr Kohlestrom aus Polen decken.
Auch die Polen werden keine neuen Kohlekraftwerke bauen. Das macht ökonomisch einfach keinen Sinn mehr. Die Polen werden eher massenhaft Offshore-Windanlagen in die Ostsee bauen. Die Marokkaner wiederum werden wie wild Windanlagen errichten, und Saudi-Arabien wird die Wüste mit Solarkraftwerken vollstellen, aus denen es dann den grünen Wasserstoff exportiert. Es wird in Zukunft ausreichend Energie geben, da mache ich mir keine Sorgen. Die entscheidende Frage ist, ob Deutschland genügend saubere Energie zu akzeptablen Preisen haben wird.


Wie sieht dann die richtige Strategie aus? Kooperationen bei möglichst geringer Abhängigkeit?
Ja. Ein wichtiges Element der künftigen Energielandschaft sind Erneuerbare – da sind sich alle einig. Und wir müssen kurzfristig Back-up-Leistung sicherstellen. Gleichzeitig müssen wir die Netze auf die Energiewelt der Zukunft vorbereiten. Die Infrastruktur muss jetzt schon so ausgelegt werden, als wären in Deutschland zehn Millionen Elektroautos auf den Straßen. Wenn wir die Investitionen erst in fünf oder zehn Jahre tätigen, wird es viel komplizierter und vor allem teurer. Schon jetzt würden wir eine Milliarde Euro pro Jahr sparen, wenn wir nicht ständig Engpässe im Netz auffangen müssten.


Muss sich Deutschland bei den zunehmenden Engpässen auf flächendeckende Stromausfälle einstellen?
Blackouts durch Engpässe sehe ich nicht. Wir werden unser Netz auch künftig stabil fahren. Sollte es zu wenig Strom geben, sind wir gezwungen, Verbraucher vom Netz zu trennen: Bevor die Lichter überall ausgehen, schalten wir sie nur in einer Stadt aus. Das wäre natürlich auch ein völlig inakzeptabler Zustand, aber beherrschbar. Die Gefahr für Blackouts durch Cyberattacken ist aus meiner Sicht dagegen höher.


Hacker könnten unsere Stromversorgung lahmlegen?
Ja. Die Gefahr durch Cyberattacken sollten wir sehr ernst nehmen. Infrastruktursysteme anzugreifen ist ein Kriegsakt, aber diese Gefahr besteht immer. In den vergangenen Monaten sind andere Versorger Opfer von sogenannten Ransomware-Attacken geworden. Das ist also eine reale Gefahr, um die wir uns gemeinsam permanent und intensiv kümmern müssen.


Ihre Investitionen in die Netze werden die Stromverbraucher über die Netzentgelte finanzieren. Die machen schon jetzt mehr als ein Fünftel des Strompreises aus. Wohin soll das noch führen?
Wenn wir die Netzinfrastruktur vorausschauend bauen und vor die Welle kommen, dann ist es für den Verbraucher auch langfristig günstiger.

Aber ist den Bürgern bei den hohen Energiepreisen überhaupt noch etwas zuzumuten? Aktuell sind vor allem die Gaspreise auf Rekordkurs. Wie lange hält die Preisrally noch an?
Das kommt auf den Winter an. Im Moment geht man davon aus, dass die Preise nach dem Winter wieder sinken werden. Wenn der Winter aber sehr kalt wird und im Frühjahr die Gasvorräte sehr niedrig sind, dann kann dieses Rekordniveau auch noch zwei Jahre andauern. Es wäre schon gut, wenn der Winter warm wird.


Müssen wir uns auf ein dauerhaft höheres Niveau bei den ohnehin schon hohen Energiepreisen in Deutschland einstellen?
Wir müssen uns auf eine höhere Volatilität einstellen. Und diese höheren Volatilitäten werden sich auch in den Preisen widerspiegeln.

Das heißt höhere Durchschnittspreise?
Natürlich. Höhere Volatilität heißt höheres Risiko, und das heißt: höhere Preise. Und je mehr Erneuerbare wir bauen, desto mehr wird das der Fall sein.

Bei all diesen Problemen: Ist der Atomausstieg ein Fehler?
Wenn CO2 bei der Entscheidung die einzige Zielgröße gewesen wäre, dann klar: ja. Aber wir hatten 2011 ein anderes Ziel. Damals wollte die Politik die Gefahr einer Katastrophe, wie wir sie in Fukushima gesehen haben, in Deutschland zweifelsfrei ausschließen. Dabei wurde akzeptiert, dass eine CO2 – freie Energiequelle vom Netz geht. Aus meiner Sicht ist das Thema durch. Eon ist der größte Kernkraftbetreiber Deutschlands, Ende des Jahres schließen wir die nächsten beiden Anlagen. Und in dem Moment, in dem alle Kernkraftwerke geschlossen sind, haben wir keine Betriebsgenehmigung mehr. Selbst wenn wir wollten, dürfen wir dann keine Kernkraftwerke mehr betreiben.


So schwierig die Lage für die Energiewende in Deutschland ist, Eon profitiert von der Entwicklung. Stehen Ihren Aktionären goldene Jahre bevor?
Für Eon bedeutet die Energiewende, dass wir mehr investieren können. Wir stehen vor einer Dekade des Wachstums. Denn damit die Energiewende gelingen kann, braucht es digitalere und größere Netze und viel mehr Kundenlösungen zur Dekarbonisierung – und das sind genau die beiden Dinge, auf die wir uns in unserer neuen Aufstellung konzentrieren. Wir können also in stark wachsende Märkte investieren. Deswegen können wir nicht nur physisches, sondern auch finanzielles Wachstum versprechen. Wir versprechen bis 2026 einen Anstieg des Ergebnisses im Kerngeschäft um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr auf rund 7,8 Milliarden Euro – und ein Plus bei der Dividende von bis zu fünf Prozent pro Jahr bis 2026.


Ihr Vorgänger Johannes Teyssen hat Eon auf die Säulen Netzgeschäft und Kundenlösungen konzentriert. Wird es dabei auch langfristig bleiben – oder wird Eon irgendwann wieder in die Erzeugung einsteigen?
Aus der kundennahen Erzeugung sind wir nie ausgestiegen: Wir produzieren Wärme und betreiben kleine Kraftwerke und Solaranlagen für Großkunden. Hier bleiben wir nicht nur drin, sondern den Bereich werden wir sogar verstärken. Dass wir in große Windparks investieren, schließe ich aber aus. Das passt nicht mehr zu uns. Bei den zwei Säulen Netze und Kundenlösungen bleibt es. Denn sie adressieren genau die stark wachsende Nachfrage, die durch die grüne Energiewende in Europa entstanden ist Warum sollten wir daran etwas ändern?

Das heißt, in zehn Jahren sieht Eon genauso aus wie heute? Das klingt fast etwas langweilig.
Nein, in zehn Jahren werden wir ein komplett anderes Unternehmen sein. Ja, wir werden immer noch ein Netzbetreiber sein, aber der Netzbetreiber von heute hat mit dem Netzbetreiber in zehn Jahren nichts mehr zu tun. Die Art und Weise, wie das Netz geplant, gesteuert und bewirtschaftet wird, wird sich komplett ändern. Das Gleiche gilt für unser Kundenlösungsgeschäft. Eon 2030 wird größer und grüner, diverser und viel digitaler sein.


Herr Birnbaum, vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellten Jürgen Flauger , Sebastian Matthes und Kathrin Witsch.

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN
Vita Der Manager Leonhard Birnbaum steht seit April an der Spitze von Eon. Den radikalen Wandel des Konzerns unter der Ägide von Johannes Teyssen hat der 54-Jährige aber schon seit 2013 im Vorstand maßgeblich mitbegleitet. Zuvor hatte er fünf Jahre im Vorstand des Konkurrenten RWE gearbeitet. Das Unternehmen Eon hat ein bewegtes Jahrzehnt hinter sich. Der Konzern musste nicht nur den Atomausstieg einleiten, 2016 spaltete er zudem die konventionellen Kraftwerke ab. 2019 konzentrierte sich der Energiekonzern in einem Tauschgeschäft mit RWE dann auf die Sparten Vertrieb und Netz – mit mehr als 50 Millionen Kunden und Leitungen mit einer Gesamtlänge von 1,5 Millionen Kilometern. Wir dürfen die Industrie nicht mit hohen Energiepreisen aus dem Land jagen.

Handelsblatt

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