Stromnetztarife soll auch künftig nur moderat steigen

3. Dezember 2021, Wien
Preise werden sich in Grenzen halten
 - Loosdorf, APA/THEMENBILD

Auch in Zukunft werden die Stromnetztarife – trotz der neuen Herausforderungen durch die Energiewende – nur moderat steigen. Das versicherte am Freitag Wiener-Netze-Geschäftsführer Thomas Maderbacher. Mit 1. Jänner 2022 müsse ein Wiener Durchschnittshaushalt zwar mit monatlich circa 2 Euro mehr an Netzentgelt rechnen, längerfristig würden die Netzpreise aber weiterhin real bei nur 60 bis 65 Prozent der Höhe von vor 20 Jahren liegen, so Maderbacher.

Bei einem Standard-Haushalt in Wien mit 2.500 Kilowattstunden (kWh) Jahresverbrauch liege das Netzentgelt nominell auf dem Niveau von 1999, real – also bereinigt um die im Jahresschnitt 2 Prozent Inflation – um 36 Prozent darunter. Für große Senkungen wie anfangs nach der Liberalisierung sehe er momentan keinen Raum: „Es wird in Zukunft nicht billiger.“ Viele Netzbetreiber würden mit Jahresanfang 2022 die Tarife leicht anheben. In Wien gehe es bei Gas um circa einen Euro pro Monat, bei Strom um circa zwei Euro. Das sei sehr moderat und wirklich leistbar. Von der gesamten Stromrechnung entfällt ungefähr je ein Drittel auf die reine Energie, den Netztarif sowie Steuern und Abgaben. Die Wiener Netze versorgen mehr als 600.000 Gaskunden und 1,6 Mio. Stromkunden.

In den ersten Jahren nach der Strommarktliberalisierung vor zwei Jahrzehnten und dem Unbundling, also der Trennung von Stromerzeugung und Netz, hätten die Netzbetreiber sich stark um Effizienzsteigerungen bemüht. Künftig werde primär im Hinblick auf die Energiewende investiert. Die Wiener Netze stecken jährlich rund 300 Mio. Euro in Erneuerung und Ausbau – in den nächsten 10 Jahren insgesamt 3 Mrd. Euro, so Maderbacher in einem Online-Gespräch. Für ganz Österreich könne man für den Netzaus- und -umbau für die nächsten 10 Jahre von fünf Mal so viel Geld ausgehen, das nötig sei.

Auch wenn die neuen Energiegemeinschaften mit Eigenproduktion die Netze entlasten, seien die Energieflüssen künftig komplexer. „Teurer wird es, weil wir für die jederzeitige Versorgung verantwortlich sind, nämlich auch wenn eine Dunkelflaute herrscht, es also wenig Tageslicht und keinen Wind gibt.“ Die neuen Energiegemeinschaften sehe man positiv, obwohl diese eigentlich als Art Rückversicherungsprämie einen höheren Leistungspreis zahlen sollten, „weil wir einspringen, wenn die nichts erzeugen.“

In jedem Haushalt gebe es heute 20, 30 Stromverbraucher, in Österreich eine dreistellige Millionengröße. Hinzu komme, dass künftig mehr neue leistungsstarke Verbraucher am Netz hängen, etwa E-Autos oder Wärmepumpen. Würden etwa E-Autos überwiegend mit 3,6-Kilowatt-Anschlüssen wie bei einer Wallbox für Haushalte geladen, würde ein „normaler“, nicht beschleunigter Netzausbau genügen. An den tausenden E-Ladepunkten im öffentlichen Raum oder an Autobahnen gehe es aber um stärkere Leistungen von 11 kW oder zum Schnellladen über 22 kW. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Haushalt benötigt im Mittel 4 bis 5 kW Leistung.

Das geänderte Kundenverhalten führe zu einer stark unterschiedlichen Beanspruchung der Netze. Derzeit würden Haushaltskunden einen pauschalen Leistungspreis bezahlen. Wer Stromkosten sparen wolle, habe einen Anreiz zu einem niedrigeren Verbrauch, nicht aber zu einer gleichmäßigen Nutzung. Wer sein Auto über Nacht mit 4 kW lade, zahle derzeit gleich viel wie jemand, der binnen einer Stunde mit 11 kW auflädt. „Aber die Netzbelastung durch die hohe Leistung ist ungleich höher“, fordert Maderbacher eine neue Tarifstruktur mit mehr Orientierung an der Leistung, wie es auch der Regulator E-Control schon länger plant.

Das würde mehr Fairness bringen – denn eine gleichmäßige Nutzung senke die Kosten, für alle, so Maderbacher: „Wenn ich als Verbraucher eine sehr hohe Leistung haben will und die Infrastruktur stark in Anspruch nehme, kostet das mehr. Rund ein Viertel sollte der Leistungspreis ausmachen.“ Kommen könnten solche neuen Tarife mit der nächsten fünfjährigen Regulierungsperiode – die jetzige vierte läuft noch bis 2023. Gut für dahin gehendes Energiemanagement wäre eine breite Smart-Meter-Ausrollung, hier sind etliche Netzbetreiber im Zeitplan hinten. „Wir in Wien sind im Mittelfeld“, sagte Maderbacher. Derzeit habe man ein Viertel ausgerollt, etwas mehr als 400.000. Bis Ende 2025 wolle man zu 95 bis 97 Prozent flächendeckend fertig sein. Die Höhe der Netztarife bestimmt die Regulierungsbehörde E-Control, sie gibt auch technische und wirtschaftliche Vorgaben für die Erhöhung der Effizienz.

APA

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