Gaskraft als Puffer

31. Dezember 2021
 

Im deutschen Energiemix gibt es Konstruktionsfehler.

Vor zehn Jahren weihten Eon und Siemens im oberbayerischen Irsching das damals modernste Gas- und Dampfkraftwerk der Welt ein. Der Versorger nannte die Anlage nach seinem früheren Vorstandschef „Kraftwerk Ulrich Hartmann“, Siemens steuerte seine neue, besonders effiziente „Weltrekordturbine“ der H-Klasse bei. Die Euphorie bei der Eröffnung war groß. Der verbesserte Wirkungsgrad sollte die Betriebskosten über die volle Laufzeit von etwa 30 Jahren um einen hohen zweistelligen Millionenbetrag senken.


Doch aus dem Aufbruch in eine neue Ära wurde nichts, Irsching stand meistens still. Während die erneuerbaren Energien gefördert wurden und abgeschriebene Kohle- und Atomkraftwerke billigen Strom lieferten, rechnete sich die Produktion mit Gas nicht. Es war einer der Konstruktionsfehler der Energiewende. Da zudem auch weltweit der Trend vielerorts zu kleineren, dezentralen Lösungen ging, verkauften sich die großen Turbinen von Siemens und anderen Anbietern schlecht. Auch deshalb trennte sich Siemens schließlich von seiner inzwischen margenschwachen Energietechniksparte. Die neue Siemens Energy überlegt nun, ob man überhaupt noch einen Nachfolger für die weiterentwickelte HL-Klasse bauen soll.


Das Beispiel zeigt: In der Energiewende war vieles gut gemeint, doch nicht gut gemacht. Die Zeche zahlten oft die Privatkunden und Mittelständler, die sich keine Ausnahmeregelungen erkämpfen konnten. Die neue Bundesregierung muss nun bei ihren Plänen den richtigen Mittelweg finden. Die Abhängigkeit von russischem Gas darf nicht zu groß werden. Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien auf geplante 80 Prozent am Strommix bis zum Jahr 2030 ist da nicht nur wegen des Kampfs gegen den Klimawandel ein richtiger Schritt.


Allein mit Erneuerbaren wird es aber nicht gehen. Der Strombedarf wird nach Einschätzung aller Experten in den kommenden Jahren auch wegen des Wandels zur Elektromobilität zunehmen. Gleichzeitig steigt Deutschland aus der Atomkraft und der Kohleenergie aus. Für die Zeiten, in denen es dunkel oder windstill ist oder in denen die Nachfrage besonders hoch ist, wären effiziente Gaskraftwerke eigentlich prädestiniert. Sie lassen sich in deutlich weniger als einer halben Stunde von null auf Volllast hochfahren. Zudem ist der CO2 – Ausstoß deutlich niedriger als bei Kohlekraftwerken.


Doch wird sich der Betrieb bei 80 Prozent Erneuerbaren in der Regel nicht rechnen, wenn sie nur als Puffer dienen. Die Bundesregierung muss daher ein schlüssiges Konzept erarbeiten, wie die Bereitstellung der Kapazitäten honoriert werden kann.


Der Autor ist Büroleiter in München. Sie erreichen ihn unter: hoepner@handelsblatt.com

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Für die Zeiten, in denen es dunkel oder windstill ist oder in denen die Nachfrage besonders hoch ist, wären effiziente Gaskraftwerke eigentlich prädestiniert.

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