Chinas grüne Energie-Pläne rauben den Bauern ihr Land

3. Jänner 2022, Peking
PV-Kraftwerk Haian in China
 - Haian, APA/AFP

Sie werden geschlagen, von ihrem Land vertrieben oder inhaftiert: Viele Bauern in China zahlen eigenen Angaben zufolge einen hohen Preis für das Versprechen der Regierung, die Olympischen Spiele vollständig mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Die Winterspiele 2022 in Peking sollen die ersten sein, bei denen ausschließlich Wind- und Solarenergie zum Einsatz kommen. Aber die Anlagen dafür brauchen Platz, laut Aktivisten müssen zahlreiche Bauern dafür ihre Felder räumen.

Zu den betroffenen Landwirten zählt die Familie Long, die in der Nähe der Hauptstadt Peking ihre Felder bestellt. Die Familie berichtet, dass sie mehr als die Hälfte ihres Ackerlandes für den Bau einer Solarfarm abtreten musste. Nun sei ihr Einkommen so gering, dass sie Maishülsen und Plastiksackerln verbrennen müssten, um im Winter nicht zu frieren.

„Uns wurden nur 1.000 Yuan pro mu Land im Jahr versprochen, als das Energieversorgungsunternehmen das Land für 25 Jahre pachtete“, sagt Bauer Long. Er bezieht sich auf das chinesische Flächenmaß mu, das etwa 667 Quadratmetern entspricht – dafür erhält der Bauer im Jahr umgerechnet also rund 139 Euro. „Wir könnten mehr als doppelt so viel verdienen, wenn wir auf der gleichen Fläche Mais anbauen würden“, sagt Long.

China ist der weltweit größte Hersteller von Windturbinen und Solarzellen. Die Olympischen Winterspiele dürften für die Hersteller eine gute Gelegenheit sein, um globale Aufmerksamkeit für ihre Produkte und Technologien zu erlangen.

Um einen reibungslosen Ablauf der Olympischen Spiele zu gewährleisten und die chinesische Hauptstadt vom Smog der Wintermonate zu entlasten, wurde in der an Peking angrenzenden Provinz Hebei ein riesiges Kraftwerk gebaut, das Strom aus erneuerbaren Energiequellen bezieht. Die Anlage erzeugt im Jahr 14 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom, was dem jährlichen Energieverbrauch Sloweniens entspricht.

Doch für Bauern wie Long und seinen Nachbarn Pi macht der Wandel zur grünen Energie das Leben schwieriger und gefährlicher. Die Dorfbewohner von Huangjiao wurden nach Pis Schilderungen gezwungen, Verträge zu unterzeichnen, in denen sie ihr Land für einen von der State Power Investment Group (SPIC) – einem der größten Energieversorger des Landes – errichteten Solarpark verpachten.

Diejenigen, die nicht einwilligten, seien von Polizisten geschlagen worden, sagt er: „Einige wurden ins Krankenhaus eingeliefert, andere wurden festgenommen.“ Pi sagt, er habe 40 Tage lang im Gefängnis gesessen, sein Nachbar Long sei nach der Teilnahme an einem öffentlichen Protest wegen „illegaler Versammlung und Ruhestörung“ für neun Monate inhaftiert worden.

Ob auch der Strom aus dem SPIC-Solarpark in der Nähe von Huangjiao für die Stromversorgung der Olympischen Spiele genutzt wird, ließ sich nicht verifizieren. Die Behörden von Zhangjiakou – einer der Städte, welche die Spiele ausrichten – erklärten jedoch, dass sich die Region Hebei seit ihrer Bewerbung als Olympia-Austragungsstätte in „den größten Standort für erneuerbare Energien ohne Wasserkraft in China verwandelt“ habe.

Nach Angaben von Amnesty International gehen mit diesem rasanten Wandel zum Ökostrom in China zahlreiche Menschenrechtsverletzungen einher. Die Organisation prangert „Zwangsräumungen, illegale Beschlagnahmung von Land und den Verlust von Lebensgrundlagen“ vieler Chinesen an.

Bis 2030 will China 25 Prozent seines Stroms aus nicht-fossilen Brennstoffen gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Land seine derzeitige Wind- und Solar-Kapazität jedoch mehr als verdoppeln. Umweltschützer befürchten, dass zahlreiche weitere Bauern und Landbesitzer ihre Felder dafür hergeben müssen.

Der Experte Jiang Yi von der Chinesischen Akademie für Ingenieurwesen sagte einer staatlichen Nachrichtenseite, China werde 30.000 bis 40.000 Quadratkilometer mehr Land benötigen, um den Bedarf an erneuerbaren Energien zu decken. „Die Frage, woher sie das Land nehmen sollen, ist zum größten Hindernis für die Entwicklung der Branche geworden“, sagte er.

APA/ag

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