Ein Kontinent, (fast) hilflos im Sturm der Preise

14. Jänner 2022, Wien

Teuerung. Europa muss heuer eine Billion Dollar für Energie ausgeben. Das dämpft die Kaufkraft und bringt Haushalte in Bedrängnis.

Wem in diesem Winter angesichts der hohen Energiepreise kalt wird, soll Hampelmänner machen, Ingwer essen oder mit dem Haustier kuscheln. Diese Tipps hatte der britische Stromversorger Ovo Energy für seine fünf Millionen Kunden parat, die sich über um bis zu 50 Prozent höhere Rechnungen beschwert hatten. Der Shitstorm ließ nicht lang auf sich warten, das Unternehmen hat sich mittlerweile in aller Form für den „wenig hilfreichen“ Blog-Eintrag entschuldigt. Aber das eigentliche Problem ist damit nicht aus der Welt geschafft.

Die europäischen Großhandelspreise für Strom und Gas in Europa haben sich in den vergangenen Monaten vervielfacht. Eine echte Entspannung ist nicht in Sicht. Chris O’Shea, Chef des British-Gas-Eigentümers Centrica, erwartet, dass Erdgas noch zwei Jahre lang so teuer bleiben wird. Gas deckt ein Viertel des gesamten europäischen Energiebedarfs. Entsprechend hoch dürfte die Rechnung ausfallen, die der Kontinent heuer begleichen muss, um Wohnungen warm und Unternehmen in Betrieb zu halten. Europa wird 2022 rund eine Billion US-Dollar (880 Milliarden Euro) für Energie ausgeben, schätzen die Analysten der Citigroup. Diesmal ist es nicht der Ölpreis, der die Kosten nach oben treibt. „Gas und Strom werden in Europa unerschwinglich teuer“, schreiben die Autoren. Den Konsumenten stünden „einige harte Entscheidungen bevor“.

Preissorgen belasten Konsum

Für die meisten Menschen ist das keine sonderliche Neuigkeit. Bei einer Umfrage der EU-Kommission über die Bereitschaft, aktuell größere Anschaffungen zu tätigen, standen die Befragten großteils auf der Bremse. Die Sorge vor weiteren Inflationsschüben ist so groß wie noch nie in diesem Jahrhundert. Vor allem in den (meist osteuropäischen) Ländern, in denen die Energiekosten einen größeren Teil des verfügbaren Haushaltseinkommens auffressen, erwarten Ökonomen eine deutliche Schwächung der Kaufkraft — und damit des Wachstums (siehe Grafik). Im schlimmsten Fall könnte die Eurozone bis zu einem Prozentpunkt an Wachstum verlieren, sagen Volkswirte.

Dagegen spricht, dass viele Menschen auch mit höheren Ersparnissen aus der Pandemie kommen und etliche Regierungen quer durch Europa ärmeren Haushalten entschlossen unter die Arme gegriffen haben, um sie vor den schärfsten Auswirkungen der Hyperinflation bei der Energie zu schützen.

CO2-Preis treibt die Teuerung

Länder wie Spanien, Italien, Rumänien und Portugal haben diesen Schritt bereits hinter sich, die deutsche Ampelkoalition hat ein umfassendes Energiepaket versprochen. Auch Österreich hat heuer immerhin den Beitrag zur Ökostrom-Förderung gestrichen.

Erledigt ist das Thema damit aber auch für die österreichischen Strom- und Gaskunden noch lang nicht. Im Vorjahr stieg die Teuerungsrate in Österreich auf 3,9 Prozent — der höchste Wert seit Einführung der Währungsunion. Zwei Drittel des Zuwachses waren auf die teureren Energiepreise zurückzuführen, schreibt die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) in ihrer Publikationsreihe „Inflation aktuell“. Im laufenden Jahr soll die Inflationsrate für Energie trotz vermutlich sinkender Ölpreise noch bei kräftigen 10,5 Prozent liegen, heißt es weiter.

Nur ein Teil dieser Teuerung lässt sich nach der Einschätzung der Nationalbank mit knappem Angebot und weiter steigenden Großhandelspreisen erklären. Ein Teil der Inflation ist politisch gewollt und hausgemacht. Ab Juli 2022 wird der in der Steuerreform eingeführte CO2-Preis die Kosten für Super, Diesel, Heizöl und Gas anheben und in etwa ein Fünftel der Energiepreisinflation in diesem Jahr erklären. Da der CO2-Preis planmäßig mit jedem Jahr steigen soll, wird auch sein preistreibender Effekt mit jedem Jahr größer werden, erklärt die Nationalbank. Die Debatte über die Kosten der Wende hin zu erneuerbaren Energiequellen wird damit in den kommenden Monaten weiter an Fahrt aufnehmen. Es bleibt zu hoffen, dass uns eine bessere Antwort auf mögliche soziale Verwerfungen einfällt, als Hampelmänner zu machen.

Die Presse

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