Früher Atomaufsicht, jetzt Atomkraftgegner

14. Jänner 2022, Wien

Energie. Vier ehemals leitende Vertreter in der Atomaufsicht ihrer Länder (USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland) treten gegen Atomkraftwerke auf: Sie seien „weder sauber noch sicher oder smart“. Und zu langsam.

Mit klaren Worten melden sich vier Männer zu Wort, die früher Chefs von Atomaufsichts- und Energiebehörden in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland gewesen sind. Die früheren Atomkraftbefürworter sprechen sich klar gegen Atomkraft aus.

In einem Communiqué, das mit vorigem Freitag datiert ist, sprechen Greg Jaczko, Wolfgang Renneberg, Bernard Laponche und Paul Dorfman der Atomkraft ab, eine stärkere Rolle in der Energieversorgung im Kontext der Klimakrise spielen zu können.

Jaczko wurde 2009 für drei Jahre Chef der US-Atomaufsicht NRC, Renneberg war elf Jahre lang Leiter der Abteilung „Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Entsorgung“ der deutschen Atomaufsicht. Laponche war unter anderem bei Planung und Bau der ersten französischen Atomkraftwerke dabei; Paul Dorfman im Atomsicherheits-Komitee Großbritanniens.

In ihrem Statement heißt es unter anderem: „Im Zentrum steht die Frage, ob Atomkraft in der Klimakrise behilflich, ob sie wirtschaftlich ist, welche Konsequenzen Unfälle haben, wie man mit dem Atommüll umgehen soll“ — und ob dies angesichts der vorhandenen erneuerbaren Energieträger sinnvoll sei.

„Die zentrale Botschaft, die immer wieder wiederholt wird, die neue Generation der AKW sei sauber, sicher, smart und billig, ist Fiktion“, heißt es im Statement, in dem sich die vier auch als „Schlüsselexperten“ bezeichnen, „die an der Front der Nuklearenergie“ tätig gewesen seien. „Die Realität ist, dass Atomkraft weder sauber noch sicher oder smart ist, sondern eine hochkomplexe Technologie — mit dem Potenzial, erheblichen Schaden anzurichten. Nuklearenergie ist nicht billig, sondern extrem teuer.“ Teurer als Erneuerbare.

Und sie sei daher auch nicht geeignet, irgendein Energieproblem in der Klimakrise zu lösen: „Um einen relevanten Beitrag dazu zu leisten, wären abhängig vom Design Zehntausende von Reaktoren nötig.“ Die Energie sei außerdem „zu teuer und zu riskant für den Finanzmarkt“, nicht nachhaltig (fehlendes Endlager), ein militärisches Risiko (Verbreitung waffenfähigen Materials), in Bezug auf neue Reaktortypen (Small Modular Reactor) unausgegoren und insgesamt zu komplex, um effiziente Anleitungen für Bau und Betrieb zu erstellen.

Jaczko hat in einem öffentlichen Auftritt im Vorjahr an die Zeit nach der AKW-Katastrophe in Fukushima (Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze; 2011) erinnert und gemeint, dass „so ein Unfall auch in den USA“ geschehen könne.
Wolfgang Renneberg erläuterte: „Schöne Geschichten, die uns die Atomindustrie da erzählt; aber eben nur Geschichten. Keine einzige Behauptung hält einer Überprüfung stand.“ Er hofft, dass es zu einem Gespräch mit der EU-Kommission komme. „Wir sind jedenfalls bereit dazu.“

von Michael Lohmeyer

Die Presse

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