Klima-Ökonom Wagner: Atomstrom muss Teil der Antwort sein

24. Jänner 2022, Wien
Auch Atomenergie ist nicht ganz CO2-neutral
 - Emmerthal, APA/dpa

Dass Erdgas und Atomstrom in der EU-Taxonomie als „grüne“ bzw. klimafreundliche Energieträger eingestuft werden sollen, ist nach Ansicht des in den USA lehrenden österreichischen Klimaökonomen Gernot Wagner zwar eine sehr schlechte Wortwahl. „Ist Atomkraft grün? Nein, es gibt Atommüll, es gibt Radioaktivität“, sagt Wagner. Richtig sei aber, dass Atomkraft sehr wenig CO2 verursache und deshalb bei der Reduktion der Treibhausgas-Emissionen „Teil der Antwort sein muss“.

Ganz CO2-neutral sei auch Atomenergie nicht, räumte Wagner im Gespräch mit der APA ein. Sehr viel CO2 werde frei beim Bau der enormen Schutzbehälter und beim Abbau der Brennmaterialien.

Aber das gelte auch für den Abbau von Lithium für Batterien sowie für Wind- und Solarstrom. „Auch beim Bau von Windanlagen entstehen CO2-Emissionen. Für eine große Windanlage braucht man 200 Tonnen Stahl, dieser Stahl wird derzeit noch hauptsächlich mit Kohle hergestellt, und das ist schlecht.“ Zwar wäre es technisch schon möglich, Stahl CO2-neutral herzustellen, „aber wir tun es eben noch nicht“. Und selbst Speicherkraftwerke seien nicht klimaneutral, weil dafür gewaltige Staudämme notwendig seien und durch organisches Material in Stauseen viel Methan entstehe.

Vergleich mit Tschernobyl „unzulässig“

Ein besonders schwerwiegendes Argument gegen Atomenergie ist das Risiko, das von AKW ausgeht. In diesem Zusammenhang werde immer die Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahr 1986 genannt, und „natürlich sollte man die Risiken nicht links liegen lassen“, so Wagner. Noch immer gebe es in Russland neun Reaktoren des Tschernobyl-Typs. „Dass die abgestellt werden müssten, ja, dass sie gar nicht erst hätten gebaut werden sollen, das ist klar.“ In den USA, in Frankreich oder in Deutschland wären solche Reaktoren nie zugelassen worden – daher sei es unzulässig, westliche und modernere Reaktoren mit Tschernobyl zu vergleichen.

Auch werde die zivile Nutzung von Atomenergie gedanklich immer mit Atomwaffen in Verbindung gebracht, „das hilft natürlich auch nicht“. Deutschland habe nach dem Reaktorunfall in Fukushima die Hälfte seiner Reaktoren schon im März 2011 abgeschaltet und die letzten in diesem Jahr. Andere Länder wie Frankreich oder die USA hätten da um einiges rationaler reagiert, denn auch in Fukushima hätten die Sicherheitsvorkehrungen funktioniert. „Die Toten, die es im März 2011 gab, waren alle durch die Naturkatastrophe“, durch das schwere Erdbeben und den Tsunami verursacht worden. Ein Fukushima-Arbeiter sei inzwischen an Krebs verstorben, wobei der Zusammenhang mit dem Reaktorunfall nur vermutet werde.

Auch das nie in Betrieb genommene österreichische AKW Zwentendorf ist vom Fukushima-Typ (Siedewasser-Reaktor) und wurde in den 1970er-Jahren gebaut. 1978 sprachen sich die Österreicher in einer Volksabstimmung mit knapper Mehrheit gegen die Inbetriebnahme von Zwentendorf aus.

Mehr Tote durch Kohle als durch Fukushima

Nach dem Fukushima-Unglück seien durch den stärkeren Fokus auf Kohleenergie in Deutschland und Japan mehr Menschen gestorben als durch das Fukushima-Desaster selbst, sagte Wagner. Zwischen Tschernobyl und Fukushima „würde ich einen großen Strich ziehen“. Der Tschernobyl-Reaktor habe keinen Sicherheitsbehälter. Die enormen Kosten großer Atomkraftwerke, die als weiteres Argument gegen Atomkraft angeführt werden, würden ja vor allem von den Sicherheitsvorkehrungen und den massiven Stahlbetonhälter verursacht, um den Austritt von Strahlung zu verhindern. Fukushima habe so einen Sicherheitsbehälter gehabt, ebenso Three Mile Island oder jedes Atomkraftwerk in Frankreich oder Deutschland. „Es gibt einen guten Grund, warum die existieren, und sie funktionieren.“

Sehr massive Leichtwasserreaktoren wie das britische Hinkley Point würden auch in Frankreich oder in den USA noch gebaut, sagte Wagner. „Die kosten verdammt viel, sind aber nicht der neueste Stand der Technik.“ Aktuell gehe die Forschung in Richtung kleiner, modularer Reaktoren (Small Modular Reactor, SMR), die teilweise auch andere Brennmaterialien verwenden. „China experimentiert derzeit mit einem Thorium-Reaktor, der also nicht Plutonium oder Uran als Brennmaterial verwendet. Das ist ein viel weniger radioaktives Material, das als Nebenprodukt beim Abbau verschiedener Mineralien anfällt.“

Diese Technologie sei derzeit noch teurer als die großen Reaktoren, aber es gehe derzeit um die Erforschung dieser Technologien, und nicht darum, Wind und Solar durch sie zu ersetzen.

Derzeit 50 Reaktoren in Bau

Weltweit würden derzeit 50 Atomreaktoren gebaut, die meisten in China, Indien und im Nahen Osten. Etwa ein Dutzend davon seien Leichtwasser-Reaktoren vom alten Design, es werde aber auch mit verschiedensten neueren Designs experimentiert.

Von vornherein um einiges sicherer seien auch Flüssigsalz-Reaktoren (Molten Salt Reactor), die aber nicht neu seien: Schon in den 1950-er Jahren habe man damit experimentiert, die Idee aber damals nicht weiterverfolgt, weil diese Technik zu teuer gewesen sei.

Fast Breeder Reactors („Schnelle Brüter“) hätten den Vorteil, bereits verbrauchte Brennstäbe wieder zu verwerten und mehr Brennmaterial zu produzieren als sie verbrauchen. Das hätte den Vorteil, dass man wenig Uran oder Plutonium brauche, andererseits würde auch weniger Atommüll anfallen. In den USA seien diese Reaktoren schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlaubt, aber da gehe es politische Gründe, weil das dabei erzeugte Material zum Bau von Atomwaffen verwendet werden könnte.

Endlagerung „politisches Problem“

Auch bei der Lagerung von Atommüll gehe es nicht nur um die unmittelbare Gefahr der Verstrahlung, sondern auch darum, dass der Atommüll zum Bau von Bomben verwendet werden könnte. Die Menge des anfallenden Atommülls sei überschaubar. „In den USA wurden seit den 1950er-Jahren 85.000 Tonnen Atommüll produziert. Das klingt nach viel – aber das ist nur ein Fußballplatz, zehn Meter hoch.“ Natürlich sei das ein Problem, aber man müsse es im Vergleich sehen „mit den Milliarden von Tonnen von CO2, die wir jährlich ausstoßen, die auch Müll sind“.

Die Endlagerung von Atommüll sei „natürlich ein politisches Problem“ und nicht so sehr ein technisches, sagte Wagner. Die sichere Endlagerung sei auch in Europa „natürlich möglich, vielleicht vor allem in Europa, weit weg von Erdbebenzonen“.

Wäre es angesichts des Gesagten eine gute Idee für Österreich, in die Atomkraft einzusteigen? „Nein, wir brauchen das als Land nicht. Wir brauchen kein AKW, wir haben viel Wasserkraft. Und Solar und Wind ist billig genug.“ Allerdings habe die damalige Entscheidung, Zwentendorf nicht in Betrieb zu nehmen, für die Umwelt beträchtliche Folgen gehabt: Um die bereits errichteten Stromleitungen verwenden zu können, habe man ein Kohlekraftwerk gebaut, das Kraftwerk Dürnrohr, das mehr als drei Jahrzehnte lang Kohle verbrannt habe und jetzt immer noch ein Gaskraftwerk sei. „Natürlich sind dadurch Menschen gestorben, weil dieses Kohlekraftwerk westlich von Wien gestanden ist.“

APA

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