Geht Österreich das Gas aus?

2. Feber 2022, Wien

Analyse. Die Gasvorräte schwinden rapide, schon im März könnte es eng werden. Selbst wenn es heuer gut geht, bleibt die Frage: Sind wir sicher genug?

Mitte März könnten Österreichs Gasspeicher komplett leer sein. Natürlich, der Februar kann milder werden als im Vorjahr, Russland kann plötzlich beginnen, Erdgas in rauen Mengen zu liefern. Aber passiert all das nicht, ist die Modellrechnung des Krisenexperten Herbert Saurugg, wonach Österreichs Vorräte lang vor Ende der Heizperiode im April zur Neige gehen könnten, durchaus plausibel, bestätigen Brancheninsider der „Presse“. Es sei gut möglich, dass nicht alle Unternehmen so viel Gas beziehen können, wie sie wollen.

Umso erstaunlicher, mit welcher Überzeugung Regierung und Regulator zwar die „sehr angespannte Situation am Gasmarkt“ einräumen, und gleichzeitig Entwarnung geben: Haushalte hätten nichts zu befürchten, im Notfall müsste eben bei einigen Betrieben der Gashahn abgedreht werden, heißt es.

Markus Mitteregger, der Chef des größten heimischen Gasspeicherbetreibers, RAG, sieht die Lage weniger entspannt. Die Gasspeicher sind mit knapp 23 Prozent nur halb so gut gefüllt wie Anfang Februar 2021. Im Sommer, wenn die Reserven üblicherweise aufgefüllt werden, war Gas schon so teuer, dass viele Unternehmen es lieber gleich verkauft haben statt einen Sicherheitspolster aufzubauen. Jetzt steckt das Land — wie der Rest Europas — in der Klemme. Hauptlieferant Russland schickte im letzten Quartal 2021 ein Viertel weniger Gas als sonst. Der Verbrauch ist hingegen hoch wie immer.

Wem gehört das Gas in den Speichern?

Die Haushalte haben mit einem guten Fünftel des Verbrauchs den geringsten Anteil daran. Für sie wird es mit Sicherheit keine Engpässe geben, ist auch Mitteregger überzeugt. Anders sehe das bei den Großkunden in der Industrie und Stromwirtschaft aus. Fast die Hälfte der Gasmengen in Österreich landet in der Industrie. Für viele Betriebe ist schon die Vervielfachung des Gaspreises in den vergangenen zwölf Monaten kaum zu verdauen. Im Ernstfall wären sie die Ersten, die von der Versorgung abgeschnitten würden, damit genug Gas für den Rest des Landes bleibt.

Der RAG-Chef zweifelt aber daran, dass Österreich überhaupt Zugriff auf die notwendigen Mengen hätte. Ein Drittel der Speicher sei nur mit dem deutschen Netz verbunden. Und auch das Gas in den „österreichischen“ Speichern stehe nicht exklusiv den heimischen Kunden zur Verfügung. „In unseren Speichern gehen wir davon aus, dass 80 Prozent der Mengen ausländische Eigentümer haben“, sagt Mitteregger. Diese könne die Republik wohl nicht ohne Weiteres beschlagnahmen.

Österreich ist mit seiner prekären Lage nicht allein. Ganz Europa hat so wenig Gas eingelagert wie selten zuvor und blickt mit Sorge auf die drohende Eskalation zwischen den USA und dem Hauptlieferanten Russland im Ukraine-Konflikt. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass Europa 2022 trotz sinkenden Verbrauchs zwei Prozent mehr Erdgas wird importieren müssen als heuer. Moskau könnte seine Lieferungen sofort um ein Drittel erhöhen. Um das auszugleichen, müsste jeden Tag ein voller Tanker mit Flüssiggas in der EU andocken. Die Preise würden auch heuer historisch hoch bleiben, so die IEA. Zumindest dagegen will auch die Regierung in Wien mit ihrem milliardenschweren Energiepaket vorsorgen.

Manche Länder haben aber auch damit begonnen, sich grundsätzlichere Gedanken zu machen, wie so eine Krise künftig vermieden werden kann. „Wer keine Reserven mehr hat, ist leicht verwundbar“, sagt Herbert Saurugg. Er fordert eine verpflichtende Mindestreserve, wie sie auch bei Öl üblich ist. In Spanien und Italien gibt es das schon länger, Deutschland will bald nachziehen. Österreich hält sich vorerst zurück: „Wir beobachten die aktuelle Entwicklung sehr genau“, heißt es aus dem Büro von Ministerin Leonore Gewessler (Grüne). Im Vordergrund stünden „kurzfristige Lösungen“. Ob mehr notwendig sei, müsse diskutiert werden.

Die Zurückhaltung ist erklärbar: einerseits taktisch. Denn bringt eine Mindestreserve in der akuten Krise nichts, könnte sie die Preise potenziell weiter anheizen. Andererseits ideologisch. Die Idee, fossile Energie per Gesetz einlagern zu lassen, schlägt sich mit dem Narrativ der Energiewende, wonach nur Sonne, Wind und Wasser Unabhängigkeit bringen können. Die Tatsache, dass Länder wie China die Versorgungssicherheit als Argument nehmen, um Hunderte Kohlekraftwerke zu errichten, lässt viele Grüne zurückschrecken. IEA-Chef Fatih Birol kennt weniger Berührungsängste. Auch er fordert massive Investitionen in Erneuerbare, um die Abhängigkeit zu reduzieren. Gleichzeitig müsse man die Rolle von Erdgas in der Transition anerkennen und entsprechende Reserven anlegen. Der deutsche Wirtschafts- und Klimaminister, Robert Habeck, hat das verstanden. Die Bundesrepublik will raus aus Kohle- und Atomkraft und baut als Ersatz massiv Gaskraftwerke aus. Die gesetzliche Lösung, dass diese auch genug Brennstoff haben, müsse „für den nächsten Winter“ auf dem Tisch liegen, sagt der grüne Politiker. Diese Klarheit würde auch Österreich gut anstehen.

von Matthias Auer

Die Presse

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