Steigende Energiepreise könnten das Klima retten

9. Feber 2022

Die Preise für Strom und Gas steigen. Neukunden zahlen fast um 400 Prozent mehr, dabei produzieren wir ohnehin selbst und erneuerbar.

Marco Riebler Salzburg, Wien. Die Servicecenter-Mitarbeiter der Energieversorger im Land dürfen sich im Moment einiges anhören. Sie führen Dutzende Gespräche mit verärgerten Neukunden, die sich über die enormen Preissteigerungen beklagen, und besorgten Bestandskunden, die sich fragen, wann die Preissteigerungen auch auf sie zukommen. Ein guter Zeitpunkt, um über den Energiemarkt zu sprechen. Der Ökonom Klaus Weyerstraß spricht über globale Krisen, Chancen für das Klima und über Gemeinden, die energieautark werden müssen.

Die Strom- und Gaspreise steigen für Neukunden um bis zu 400 Prozent, ist das noch normal? Klaus Weyerstraß: Normal ist es nicht, aber erklärbar. Wir sehen enorme Preissteigerungen auf dem Energiemarkt. Vor allem, was Strom und Gas betrifft. Das hängt einerseits mit Corona zusammen, verbunden mit der starken Nachfrage in der Wirtschaft, und ist andererseits von Russland geprägt, vom Konflikt in der Ukraine. Der Markt ist geprägt von einer globalen Unsicherheit. Diese zwei Komponenten haben einen wesentlichen Anteil an den aktuellen Preisen. Gäbe es keine Unruhen in der Ukraine, hätten sich die Preise vermutlich im Herbst/Winter 2021 normalisiert.

Die österreichischen Energieerzeuger verzeichnen doch ohnehin hohe Anteile an erneuerbarer Energie, in Salzburg sind es in den Wintermonaten 60 Prozent und im Sommer deckt man fast 100 Prozent durch Eigenproduktion. Warum steigen die Preise trotzdem auf Weltmarktniveau? Die Energieerzeuger müssen sich am Weltmarkt orientieren. Auch technisch bedingt, um Spannungsschwankungen auszugleichen, muss man sich auf dem Weltmarkt bedienen. Als Beispiel: Wenn einmal zu wenig Wind weht, muss Atomstrom aus Frankreich oder Kohlestrom aus Deutschland importiert werden. Die Energiekonzerne müssen sich daran orientieren, welche Preise am Weltmarkt gehandelt werden. Sie könnten ihren Strom ja auch am Weltmarkt verkaufen statt an die lokalen Kunden. Daher gilt der Weltmarktpreis auch für die regionalen Anbieter.

Ist es dann nicht irrsinnig lukrativ für die Energieversorger im Moment? Für die Energieversorger, die weniger auf die internationalen Markt angewiesen sind und im großen Umfang auf erneuerbare Energien setzen, ist es eine lukrative Zeit.

Um Marktanteile zu gewinnen, könnten doch einzelne heimische Energieversorger gezielt auf günstigere Preise setzen? Wenn die Anbieter auch noch in der Lage sind, ihre Kosten zu decken, spricht auch nichts gegen die Marktdurchdringung. In Deutschland locken viele private Anbieter mit günstigen Preisen. Wenn diese dann aber am Weltmarkt einkaufen müssen, zu hohen Preisen, gehen diese Energieanbieter dann aber reihenweise pleite. Die Kunden sind dann gezwungen, zu anderen Anbietern zu wechseln, aktuell zu hohen Einstiegspreisen.
Theoretisch gesprochen, wie funktioniert der Energiehandel und vor allem der Energieeinkauf? Wir müssen unterscheiden, zwischen „Strom-Futures“, die für den langfristigen Handel dienen und weit im Voraus gekauft werden, und dem „Spotmarkt“, der für Tageseinkäufe dient, um Stromspitzen auszugleichen. Spekuliert wird mit den Futures. Wie setzt sich eigentlich der Strompreis zusammen? Ein Drittel betrifft den reinen Energiepreis. Das zweite Drittel bezieht sich auf die Netzdurchschaltgebühren, quasi auf die Kosten des Netzes, und das dritte Drittel beinhaltet die Steuern und Abgaben, die anfallen.

Sind Sie ein Fan der privatisierten Energieversorger und der öffentlichen Hand als Eigentümer im Hintergrund? Aus ökonomischer Sicht ist es positiv, dass die Stromerzeugung privatisiert ist – aber die Netze als Monopol im öffentlichen Eigentum bleiben. Die Erzeugung zu privatisieren und den Wettbewerb zuzulassen ist wichtig für den Markt. Der Staat als Anteilseigner ist auch kein Hindernis, sofern gewährleistet ist, dass alle Unternehmen den gleichen Zugang zu den Netzen haben.

Es wird viele Menschen geben, die sich das Heizen nicht mehr leisten können. Wer ist dann am Zug? Das Problem lässt sich nicht über den Energiepreis lösen. Hier ist die öffentliche Hand gefordert, Zuschüsse und Ausgleiche durch Transferzahlungen zu leisten.

Die Regierung verspricht einen sozialen Ausgleich von 150 Euro für fast alle Haushalte in Österreich, ist das sinnvoll? Der soziale Ausgleich ist wichtig. Die Methode ist jedoch die falsche. Die Ausgleichszahlungen müssen gezielter vorgenommen werden. Ein Ansatz wäre, Menschen, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdienen, einen Zuschuss zwischen 300 Euro und 500 Euro zu geben. Wenn wir mehr für Strom und Gas zahlen, verschwenden wir doch weniger, oder? Das ist in der Tat eine Perspektive, der ich etwas abgewinnen kann. Vor allem bei den fossilen Energieträgern ist in den letzten Jahren zu wenig Anreiz geboten worden, zu sparen. Soziale Härtefälle durch stärkere Transfers auszugleichen ist aber notwendig. Der Klimawandel muss jedoch auch begrenzt werden. Wenn wir weniger Energie verbrauchen, schützen wir die Umwelt. Je höher der Strom- und Gaspreis, desto wettbewerbsfähiger werden erneuerbare Energieträger wie Wind- und Wasserkraft. In puncto Klimaschutz gilt es Bewusstsein zu schaffen.

Dieser Gedankengang ist auf politischer Ebene aber noch nicht angekommen. Viele Regierungen versuchen die Energiepreise durch Steuersenkungen herabzusetzen, das ist ein Weg, der in die andere Richtung geht.
Und zwischenzeitlich stufen wir noch den Atomstrom als grün ein? Davon halte ich naturgemäß überhaupt nichts. Man darf nicht nur die Klimaproblematik sehen, es ist vor allem der Atommüll, der die nächsten Millionen Jahre vor sich hin strahlt. Wenn man die Entsorgungskosten mit in den Preis einbezieht, ist der Preis pro Kilowattstunde alles andere als konkurrenzfähig. Wenn man diese Summen in die Forschung- und Entwicklung der erneuerbaren Energieträger gesteckt hätte, dann hätten wir jetzt schon wirkliche Alternativenergien und ausgereifte Systeme. Ganz zu schweigen von den Risiken und Folgen, die Atomkraft mit sich bringt und die wir gezielt in Kauf nehmen.

Wann, glauben Sie, stabilisieren sich die Preise auf dem Energiemarkt? Ich glaube, dass die Preise wieder sinken werden. Die Unsicherheit im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise wird nicht extrem lange anhalten. Beim Gas sieht man schon jetzt ein leichtes Absinken des Preises. Längerfristig wird es so sein, dass die Preise nicht mehr so stark sinken, da auch die Effekte des Klimawandels dazukommen. Effekte wie die CO2-Bepreisung werden spürbar werden. Das muss dazu führen, dass die Energiepreise und Strompreise mittelfristig eher steigen werden. Robert Holzmann, der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, sieht langfristig eine Inflationsrate über zwei Prozent. Das hängt natürlich auch mit der stärkeren Bepreisung zusammen. Darauf müssen sich alle Verbraucher einstellen.

Und wie können wir auf der Makroebene gegensteuern? Dagegen kann man sich nur wappnen, wenn man weiterhin die erneuerbare Energie im Land ausbaut und für entsprechende Übertragungen sorgt. Das heißt: die Netze ausbaut.
Und auf regionaler Ebene? Die Kommunen müssen bestrebt sein, dass sie energieautark werden. Das heißt mittels erneuerbarer Energie und vor allem mit der Errichtung von Biomassekraftwerken. Diese sind permanent im Betrieb und sorgen daher für eine konstante Grundlast. Wir müssen die Energie dort erzeugen, wo sie benötigt wird.
Zur Person: Der Ökonom Klaus Weyerstraß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Höhere Studien (IHS) in der Gruppe Makroökonomie und Konjunktur.

Salzburger Nachrichten

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