Cheniere Energy: Gas aus den USA

1. März 2022

Erdgas. Sanktionen gegen Russland dürften dem größten LNG-Produzenten der USA in die Karten spielen.

Warum begrüßt US-Präsident Joe Biden den von Deutschland verkündeten Zertifizierungs-Stopp für die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2? Weil er im Russland-Ukraine-Krieg Solidarität mit Deutschland und den von der EU angedrohten Sanktionen zeigt und das Pipeline-Projekt in den USA ohnedies stark kritisiert wird. Das ist die eine Wahrheit. Aber es gibt noch eine andere: Die USA, schon im Vorjahr nach Angaben der US Energy Information Administration der größte Exporteur von Flüssigerdgas nach Europa, würden von der Eskalation der Ukraine-Krise und einem möglichen Stopp der Gaslieferungen aus Russland stark profitieren.

Wie sehr, spiegelt der Aktienkurs von Cheniere Energy wider, der nach der Ankündigung des Pipeline-Stopps bereits am Dienstag in New York vorbörslich um mehr als 20 Prozent in die Höhe schoss. Die Gewinne bröckelten zwar im weiteren Verlauf wieder ab, das Papier hielt sich aber weiter im Plus und legte auch am Mittwoch um 2,66 Prozent zu. Mit einem Preis von knapp 120 Dollar am Donnerstag ist die Aktie vom 52-Wochen-Hoch von 121,31 Dollar nicht mehr so weit entfernt. Im Jahresvergleich steht ein Kursanstieg von rund 70 Prozent.

Cheniere Energy — das US-Unternehmen, das bisher höchstwahrscheinlich nur Insidern der Energiebranche ein Begriff war, rückt nun in den Mittelpunkt des Interesses. Denn das 1996 als Öl- und Gasförderer gegründete Unternehmen ist inzwischen der größte Flüssigerdgas-Produzent und -Exporteur der USA und die Nummer zwei weltweit. Cheniere kauft Erdgas, vor allem per Fracking gewonnenes Schiefergas, in Nordamerika ein und wandelt es in entsprechenden Verflüssigungsanlagen in den zwei eigenen Terminals Sabine Pass (Louisiana) und Corpus Christi (Texas) in Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) um. Für den Transport betreibt Cheniere auch eine eigene Pipeline. Das LNG wird dann, auf Schiffen verladen, in alle Welt exportiert. Derzeit verfügt der Konzern mit rund 1500 Mitarbeitern über eine Produktionskapazität von 45 Millionen Tonnen pro Jahr (mtpa). Erweiterungen sind schon geplant, nach eigenen Angaben flossen und fließen insgesamt 38 Milliarden Dollar in die Infrastruktur.

Obwohl Cheniere stark vom Anstieg des an den Ölpreis gekoppelten Gaspreises profitiert, hat es in den vergangenen Jahren selten Gewinne gegeben. Ein Grund war auch, dass der lang niedrige Ölpreis die Schiefergas- Förderung und damit auch den LNG-Export unrentabel machte. Erst ab einem Ölpreis von rund 50 Dollar je Barrel rentiert sich die Förderung mittels Fracking. Am Donnerstag schoss der Preis für ein Fass Erdöl (Nordseesorte Brent) auf knapp 105 Dollar. Erdgas hat sich binnen eines Jahres um 62 Prozent verteuert.

Auch das Vorjahr hat mit roten Zahlen geendet, wobei viel auf Wertberichtigungen zurückzuführen ist: Der Umsatz stieg um 70 Prozent auf 15,86 Milliarden Dollar, das Ebitda legte um 23 Prozent auf 4,87 Milliarden Dollar zu. Unter dem Strich gab es ein Minus von 2,34 Milliarden Dollar. Die UBS hatte die Aktie zuletzt von Kaufen auf Halten zurückgestuft, die Bank Mizuho behält vorerst die Kaufempfehlung bei.

von Hedi Schneid

Die Presse

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