Russisches Gas: Die erste Warnung

15. März 2022

Erdgas. Die USA unter Ronald Reagan warnten 1981 Westeuropa vor einem „defätistischen Pakt mit dem Beelzebub Moskau“. Es ging um Gaslieferungen und drohende Erpressbarkeit.

Ein amerikanischer Staatssekretär namens Myer Rashish tourte im November 1981 im Auftrag von Präsident Ronald Reagan durch die europäischen Hauptstädte. Im Gepäck hatte er eine Reihe von Befürchtungen und eine Sammlung von Angeboten. Es ging um Europas Energieversorgung. Amerika hatte Bedenken. So wie die Europäer das angingen, begaben sie sich nach Ansicht der Amerikaner in eine zu große Abhängigkeit von sowjetischem Erdgas. Europa sollte sich anderswo auf dem Energiemarkt umschauen. Die Verbündeten sollten ihre Abhängigkeit von sowjetischer Lieferwillkür reduzieren, indem sie strategische Erdgas-Reserven anlegten und sich mehr bemühten, Lieferausfälle zu kompensieren.

Das Ganze hatte eine lange Vorgeschichte. Sie begann bereits mit der Unterzeichnung des ersten deutsch-sowjetischen Handelsvertrags 1958. In Österreich wurde der vielfach als historisch bezeichnete Gasliefervertrag am 1. Juni 1968 in der sowjetischen Handelsvertretung in der Wiener Argentinierstraße unterzeichnet. Seither hatten amerikanische Präsidenten ihre Bedenken angemeldet.

Seit einem Wirtschaftsgipfel vom Juli 1981 war bekannt, dass die Bündnispartner der Nato sich auf eine europäisch-sibirische Gaspipeline konzentrierten. Der deutsche Kanzler Helmut Schmidt reagierte damals wütend auf die Frage, ob die USA dagegen seien: „Nein“, war seine Antwort. Es ging um eine 4198 Kilometer lange Pipeline von der sibirischen Halbinsel Jamal durch Russland, Belarus, Polen bis nach Deutschland bzw. mit einer südlichen Abbiegung ins österreichische Baumgarten. Ein kleiner Vorgriff: Die Leitung kam bis 1999 zustande und erreichte 2006 ihre volle Kapazität von 33 Mrd. Kubikmetern pro Jahr. Da die Erschließung der Erdgasfelder auf Jamal um zehn Jahre verschoben wurde, kam das Gas zunächst aus anderen westsibirischen Vorkommen.

Angebot von Alternativen

Washingtons Vorstoß 1981 war nicht nur gegen das Jamal-Projekt gerichtet, sondern galt prinzipiell der Zukunft. Man bot an, bei der Wiederaufbereitung abgebrannter Kernbrennstoffe zu helfen, Abkommen mit Flüssiggaslieferanten aus der Dritten Welt zu initiieren und die vielen Milliarden Tonnen Steinkohle in den amerikanischen Tiefen abzubauen, genug, um die Allianzpartner auch ohne russisches Gas bis in alle Ewigkeit zu wärmen (dass die Lösung der Transport- und Umweltprobleme immens teuer war, war damals auch klar). Zugleich hatte Rashish einen Katalog neu entdeckter Erdgasvorkommen bei sich, darunter in Kamerun, Katar, Nigeria usw.

Die Europäer erklärten Herrn Rashish, dass all dies bei der Deckung des künftigen Energiebedarfs hilfreich wäre, dass sie aber auf das Pipeline-Projekt setzten, das die Russen vorgeschlagen hatten, um Erdgas aus Sibirien zu Terminals in Westeuropa zu bauen. Man argumentierte, dass die sowjetische Pipeline lediglich die Versorgung diversifiziere und nicht die gefährliche Abhängigkeit schaffe, vor der die Amerikaner ständig warnten. Still und heimlich hatte übrigens das US-Handelsministerium der Caterpillar Tractor Company bereits Ausfuhrgenehmigungen für Rohrverlegungsgeräte erteilt, die die Russen für den Bau der Pipeline benötigten. Eine von General Electric lizenzierte Technologie diente den Turbinen, Texaco und Exxon waren involviert.

Der Kreml habe seine Bevölkerung ohnehin schon „auf Sägemehl-Diät gesetzt“, so Ronald Reagan, jede westliche Zahlung diene nur dazu, dem angeschlagenen System irgendwie weiterzuhelfen. Die USA setzten damals, ausgelöst durch den russischen Einmarsch in Afghanistan Ende 1979, auf eine Embargo-Politik. Man sprach in Washington vom „defätistischen Pakt mit dem hungernden Beelzebub“. Das entsprach ganz der alten Formel, die der deutsche Sachbuchautor Werner Keller 1960 mit dem Buchtitel „Ost minus West gleich Null“ aufgestellt hatte. Salopp formuliert die für den Westen durchaus beruhigende These: Die Russen würden ohnehin nichts auf die Reihe bringen und könnten ausgehungert werden.

Die politischen Argumente gegen das Gas-Geschäft kamen vom „rechten“ Flügel der Reagan-Administration, von Richard Allen, Caspar Weinberger und konservativen Strategen wie Miles Costick, der eine Brandschrift gegen das Jamal-Projekt vorgelegt hatte. „Helmut Schmidt“, so hieß es da, „ist dem Rauschgift der Détente erlegen.“ Dabei sei doch leicht einsehbar, dass Moskau ein Junktim zwischen Rohstofflieferung und politischem Wohlverhalten des Westens im Auge habe. Costicks Argumentation wurde von den „Falken“ rund um den Präsidenten lauthals weitervertreten: Das ganze Projekt diene den Sowjets nur dafür, ihre wenig effiziente, militarisierte Ökonomie über Wasser zu halten und eine Politik der Weltbeherrschung zu betreiben. Westeuropa werde zum Erpressungsopfer Moskaus.

Ende des Jahres 1981 überschlugen sich die Ereignisse in der Volksrepublik Polen, als das bedrängte Regime sich mit dem Kriegsrecht gegen die Demokratiebewegung wehrte und mehrere westliche Länder auf Initiative Ronald Reagans Sanktionen verhängten. Die Sowjetunion begann mit Handelsrepressalien gegen die Westeuropäer zu drohen, falls sie die Sanktionspolitik unterstützten, Moskau hob dabei das Gaspipeline-Projekt hervor. „Die Ereignisse bieten uns die beste Gelegenheit“, so Caspar Weinberger Anfang 1982, „das Projekt einer nationalen Gaspipeline von Westsibirien nach Westeuropa zu Fall zu bringen. Die Europäer, allen voran die Italiener, werden sich endlich der Gefahren, die dieses Projekt für die Energiesicherheit des Westens bringt, und des finanziellen Gewinns, den es für Moskau darstellt, bewusst. Wir müssen schnell handeln, bevor die Lehren aus Polen in Vergessenheit geraten.“
Auch besonnene amerikanische Politiker teilten diese Sorge über die „nicht sehr kluge Energiepolitik“ der europäischen Verbündeten, die das akute Sicherheitsrisiko der Erpressbarkeit verkannten. Das Argument, man könne den Weltfrieden retten, indem man in Russlands investiere, wurde als Irrweg verurteilt. Besänftigung durch Devisen — das funktioniere nicht. Besonders groß wurde der Ärger dann beim Staatsbesuch Leonid Breschnews in Deutschland im Mai 1981.

Deutschland: „Gefangener Russlands“

Die Geschichte der deutsch-russischen Energiebeziehungen ist also gleichzeitig auch eine Geschichte des deutsch-amerikanischen Konflikts. Er wurde teils mit harten Bandagen geführt. „Deutschland ist für mich Gefangener Russlands, weil es so viel Energie aus Russland bezieht. Ich halte das für sehr unangebracht“, sagte Donald Trump auf dem Nato-Gipfel am 23. Juli 2018 in Brüssel und drückte damit sein Missfallen am Pipeline-Projekt Nord Stream 2 aus. Die Inbetriebnahme der 1300 Kilometer langen Doppelstrang-Leitung quer durch die Ostsee wurde 2022 wegen des Ukraine-Kriegs endgültig gestoppt. Mancher wird derzeit vielleicht in den Archiven auch den Wutanfall des amerikanischen Senators Jake Garn vom 12. November 1981 nachlesen. Er sagte vor einem Senatsausschuss: „Die Deutschen sollen endlich ihre Scheuklappen ablegen und Geschichte studieren — andernfalls können sie die Englischstunden aus den Unterrichtsplänen streichen und stattdessen Russisch lernen.“

Morgen auf den Geschichte-Seiten der „Presse am Sonntag“: Truman, der Kalte Krieg und die Ukraine.

Die Presse

Ähnliche Artikel weiterlesen

Alternatives Gas von der kroatischen Insel

29. Juli 2022

Kohle oder Atomkraft statt russisches Gas?

28. Juni 2022

Muss man ohne russisches Gas frieren?

12. April 2022

Kalter Entzug von russischem Gas

6. April 2022