Bei Gas-Öl-Importstopp wäre ganz Österreich in Rezession

25. März 2022, Wien
Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr
 - Wien, APA/TOBIAS STEINMAURER

Bei einem Importstopp für russisches Gas und Öl würde Österreich in eine Rezession mit möglicherweise zwei, drei oder vier Prozent Rückgang der Wirtschaftsleistung fallen. Davor warnte Wifo-Chef Gabriel Felbermayr am Freitag. Der Schaden insbesondere bei einem Gasboykott gegenüber Russland wäre also enorm, stellte er sich hinter die Ablehnung eines solchen Schritts durch die Regierungschefs von Österreich und Deutschland, die Bundeskanzler Karl Nehammer und Olaf Scholz.

Die Gasversorgung von Österreich und Deutschland hängt bekanntlich zu rund 80 bzw. gut 50 Prozent von Erdgas aus Russland ab. Ein Gasboykott könnte die Anti-Putin-Allianz in Europa auseinanderdividieren, indem eine weitere Einigkeit schwierig würde, so der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) vor Journalisten. In der gegenüber Dezember deutlich zurückgenommenen Konjunkturprognose gehe man jedoch nicht von einem Importstopp aus.

Kurzfristig wären die Effekte eines solchen Schrittes sehr groß, wiewohl man keine exakten Zahlen dazu habe. Längerfristig könnte ein Wechsel zu anderen Lieferanten teuer werden. „Kriegen wir kein günstiges russisches Gas mehr, sind ganze Industriezweige infrage gestellt“, verwies Felbermayr etwa auf die in Oberösterreich starke Kunststoffindustrie und andere Sektoren. Das könnte ein halbes BIP-Prozent kosten, deutete er an.

Müsste es im Russland-Ukraine-Krieg zu einer neuen Sanktionsrunde gegen Moskau kommen, „muss Gas das Allerletzte sein“, so der Wifo-Chef. Bei Öl sei die Substitutionsmöglichkeit einfacher. Bei Erdgas wären die Verwerfungen viel größer, weil es hier eigentlich keinen echten Weltmarkt gebe. Die Future-Märkte würden zeigen, dass man noch für einen längeren Zeitraum mit hohen Gaspreisen rechnen müsse. Erst ab 2023 würden sie spürbar sinken, aber mit weiterhin enormen Schwankungsbreiten.

Man sei „zutiefst betroffen von diesem barbarischen Angriffskrieg“, deshalb habe man am Sitz des Wifo im Wiener Arsenal die ukrainischen Flaggen aufgezogen, so Felbermayr: „Ein Krieg in Europa macht uns alle ärmer – das sehen wir bei den Reallöhnen.“ Die wegen der Energie- und Rohstoffverteuerungen gekletterte Inflation lasse in Österreich die Bruttoreallöhne heuer um 2,3 Prozent fallen. Das sei der stärkste bisher gemessene Rückgang der Pro-Kopf-Löhne, seit es dazu Statistiken gebe, sagte der Wifo-Chef im Prognose-Pressegespräch. Dass die Nettolöhne nur um 1,1 Prozent fallen, sei den Entlastungseffekten der Steuerreform zu verdanken.

Das Wifo sieht die Inflationsrate heuer punktuell bis auf 7 Prozent klettern, das Institut für Höhere Studien (IHS) auf 6 1/2 Prozent. Im Gesamtjahr dürfte der Verbraucherpreisindex heuer laut Wifo um 5,8 Prozent steigen, laut IHS um 5,5 Prozent. In den Lohnverhandlungen sollte man aber besser nicht auf den VPI, sondern den BIP-Preisdeflator abstellen, da hierin nicht die – etwa via Energie – importierte Inflation dabei sei, hieß es von beiden Instituten. Das IHS etwa erwartet den Preisindex des BIP heuer bei 3,1 Prozent, deutlich unter dem VPI-Anstieg. Eine Lohn-Preis-Spirale, also „ein Replay der 70er-Jahre“, sieht Felbermayr vorderhand nicht, „wenn die EZB weiter klar kommuniziert“.

Einen Zeitpunkt für ein Ende des Krieges oder der Sanktionen haben weder Wifo noch IHS parat. Deshalb rechne man 2023 noch nicht mit einem Rebound-Effekt in der Konjunktur, so der Prognoseverantwortliche Helmut Hofer.

APA

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