Wo Österreich fördert und speichert

30. März 2022

Die Abhängigkeit von russischem Gas ist in Österreich bekanntlich besonders hoch. Doch auch hierzulande wird Gas gefördert, wenn auch immer weniger. Ein Überblick.

80 Prozent. Diese Zahl ist seit Wochen omnipräsent. Vor allem als numerisches Mahnmal der österreichischen Abhängigkeit von russischem Erdgas. Vier Fünftel des Jahresgasverbrauchs in Österreich – zuletzt waren es 8,5 Milliarden Kubikmeter – kommen damit aus jenem Land, das vom Westen seit Beginn von Putins Angriffskrieg in der Ukraine mit nie da gewesenen Sanktionen überzogen wird. Ein riesiger Anteil, der kurzfristig auch nicht zu ersetzen ist, sollte es tatsächlich zu einem Lieferstopp kommen (siehe rechts).

Viele Leseranfragen der vergangenen Tage beschäftigten sich auch mit dem Thema der Förderung im Inland: Wie viel Erdgas wird eigentlich in Österreich selbst gefördert? Sinkt dieser Anteil oder nimmt er zu? Und welche Potenziale gibt es im Inland? Laut Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung der Regulierungsbehörde E-Control, kommen knapp zehn Prozent des Jahresverbrauchs aus heimischer Förderung. „Der Anteil ist schon seit Jahren rückläufig, es gab Zeiten, in denen es fast 20 Prozent waren.“ 1970 konnte Österreich sogar noch 66 Prozent des Erdgasbedarfs mit heimischer Produktion abdecken. Umgekehrt gab es auch schon Phasen, in denen der russische Anteil bei mehr als 90 Prozent gelegen ist. Die Möglichkeiten, die klassische Erdgas-Förderung in Österreich auszuweiten, seien beschränkt, so Millgramm. Das zeigt sich etwa am Beispiel der RAG Austria AG, die neben der OMV in Besitz von Förderlizenzen des Bundes ist. Die RAG fördert seit 50 Jahren Erdgas aus Lagerstätten in Oberösterreich, Salzburg und Niederösterreich – diese Förderungen sind aber sukzessive weniger geworden, sodass die RAG heute vor allem Speichergeschäft betreibt.

Potenzialgibt beziehungsweise gäbe es rund um Schiefergas in Österreich. In der Gegend von Poysdorf im nördlichen Niederösterreich gibt es Vorkommen, die Österreich 30 Jahre lang zur Gänze mit Gas versorgen könnten. Pläne einer Förderung hat die OMV im Herbst 2012 aber endgültig begraben. Denn für die Gewinnung wäre das sogenannte Fracking-Verfahren zum Einsatz gekommen, das aufgrund massiver Umweltauswirkungen sehr umstritten ist. Zwar hatte die OMV mit der Montanuni Leoben ein Verfahren vorgestellt, das eine viel umweltschonendere Förderung ermöglichen sollte, die Bedenken vor allem seitens der Politik waren aber letztlich zu groß.

Wie groß die Gasreserven in Österreichs Erde noch sind, darüber kann und will die OMV derzeit keine Aussagen treffen. Zwar hatte der Konzern vor drei Jahren große Gebiete im östlichen Niederösterreich – vom nördlichen Wienerwald bis in den Osten des Weinviertels – verkabelt und mithilfe schwerer Rüttel-Lkw ein detailliertes seismisches Bild bis 6000 Meter Tiefe erstellen lassen. Aus diesen Daten wurde bisher aber nichts öffentlich gemacht. Die aktuelle Förderung beträgt 19.200 Fördereinheiten am Tag, insgesamt holt die OMV aber derzeit täglich 486.000 Barrel Öl und Gas aus der Erde.

Schnell lassen sich Österreichs Gashähne nicht aufschrauben. Zwar haben sich die Methoden, um auch aus relativ ausgebeuteten Feldern noch Gas herauszuholen, immer mehr verfeinert. Bis Gas aus etwaigen weiteren Reserven in großen Tiefen – um die geht es in Österreich – aber gefördert werden kann, vergehen Jahre, es müssten Milliarden investiert werden. Österreichs größtes Gasfeld Schönkirchen reicht bereits bis in die Tiefe von 5000 Meter.

EineFrage, die ebenfalls des Öfteren aufgeworfen wird: Warum sinken die Füllstände in den österreichischen Gasspeichern, obwohl das Gas aus Russland ja weiterhin vertragsgemäß fließt? Zum Vergleich: Am 24. Februar – also zu Beginn des Ukraine-Kriegs – lag die Menge bei nur 18 Prozent, der EU-weit niedrigste Stand. Mittlerweile, so zeigen es die Daten des europäischen Branchenverbandes „GIE“, sind es nur noch knapp 12,8 Prozent (siehe Grafik). Expertin Millgramm verweist darauf, dass sich die Speicherstände bei OMV und RAG zuletzt wieder leicht nach oben bewegten. Beim Gazprom-Speicher (GSA) in Haidach werde indes massiv „ausgespeichert“. Grundsätzlich sei der derzeitige Füllstand „durchaus der Jahreszeit entsprechend“. Zwischen April und Oktober werden die Speicher in der Regel aufgefüllt.

Kleine Zeitung

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