Verzweifeltes Ringen um den Ölpreis

1. April 2022, Moskau

Analyse. Die Welt keucht unter dem Öl-preis. Doch die Opec+ bleibt untätig. Nun werden die USA aktiv.

Man weiß derzeit auf dem Ölmarkt kaum noch, in welche Himmelsrichtung man zuerst blicken sollte. Von allen Seiten her erhoffen sich Marktteilnehmer und vor allem Verbraucher Maßnahmen, die einen Rückgang beim Preis bringen könnten. Vom Ukraine-Krieg, der einen wesentlichen Teil der Preisrallye verursacht hat, ist vorerst noch keine nachhaltige Entspannung zu erwarten. Umso bedeutender erweisen sich nun die Ölpolitik der USA und der Ölallianz Opec+.

Letztere, ein Verbund aus rund 20 Staaten mit Saudiarabien und Russland an der Spitze, hielt ja am gestrigen Donnerstag ihre mit Spannung erwartete Online-Ministerkonferenz ab. Das Ergebnis war für den Markt ernüchternd, obwohl im Rahmen der Erwartungen: die Ölallianz dreht den Ölhahn nur moderat auf. Konkret werde die Produktion im Mai um weitere 432.000 Barrel (je 159 Liter) täglich ausgeweitet, teilte der Verbund mit.

Das Kartell hält damit trotz des Kriegs in der Ukraine an dem Förderplus auf dem Niveau der vergangenen Monate fest. Es seien vor allem geopolitische Gründe und keine gestiegene Nachfrage für den zuletzt hohen Ölpreis verantwortlich, wiederholten die Länder ihre schon bekannte Begründung für das eher vorsichtige Vorgehen. Entsprechend blieb die lindernde Wirkung auf den Preis aus. Die Notierung für Rohöl der in Europa maßgeblichen Nordseesorte Brent legte sogar leicht von knapp 106 Dollar je Barrel auf gut 108 Dollar zu.

Joe Biden’s Hebel

Der Preis für Brent — wie auch der für die in den US-Sorte WTI — war zuvor am Donnerstag im frühen Handel von hohem Niveau (über 112 Dollar für Brent) aus deutlich gefallen. Am Markt wurde auf Spekulationen verwiesen, wonach die USA und andere Industrienationen erneut Erdöl aus ihren strategischen Reserven freigeben könnten, um die Versorgungsengpässe zu bekämpfen.

Die Berichte stellten sich als wahr heraus. Am Donnerstag Nachmittag mitteleuropäischer Zeit kam die Meldung, dass US-Präsident Joe Biden das Anzapfen der strategischen Reserven anordnen werde. Täglich solle nun eine Million Barrel aus den US-Ölreserven über einen Zeitraum von sechs Monaten entnommen werden. Die Maßnahme sei „beispiellos“ verlautete aus dem Weißen Haus. Die rekordhohe Entnahme werde als Überbrückung bis zu einer höheren Produktion zum Jahresende dienen.

Die USA werde außerdem die Internationale Energieagentur (IEA) dazu drängen, die Freigabe von Reserven durch andere Öl verbrauchende Länder zu koordinieren. Die IEA werden in den kommenden Tagen ein Treffen einberufen, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen zur Nachrichtenagentur Bloomberg.

Midterms stehen ins Haus

Keucht die Welt unter den hohen Ölpreisen, so stehen in den USA zudem am 8. November dieses Jahres die Midterms-Wahlen ins Haus, wo es für Biden darum geht, die dünne Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus zu retten und jedenfalls nicht zu viel zu verlieren.

Nun hat im Land aber unter anderem aufgrund des Krieges bereits eine massive Teuerung eingesetzt, die Inflation in den USA lag zuletzt bei sieben Prozent. Und was Amerikaner auf den Tod nicht ausstehen können, sind hohe Preise für Treibstoffe.

Das weiß auch Biden, der selbst daran mitgewirkt hatte, dass die Ölpreise in die Höhe gingen: Anfang des Monats nämlich hatte er wegen des Ukraine-Kriegs ein Embargo gegen den Import russischen Öls in die USA erlassen. Die Volumina, die Russland zuvor in die USA geliefert hatte, waren zwar nicht mit den Mengen vergleichbar, die Moskau nach Europa exportiert. Aber Russland war in den vergangenen zwei Jahren doch zum zweitgrößten Rohöllieferanten der weitgehend ölautarken USA aufgestiegen. Dies kurioserweise auch deshalb, da die USA aufgrund von Sanktionen seit Jahren kein Öl aus Venezuela mehr importieren.

Der China-Faktor

Inzwischen sucht Biden überall nach zusätzlichen Ölreserven, selbst die Aufhebung der Sanktionen gegen Venezuela wurde bereits zum Thema.
Nicht nur die Nachricht, dass die USA strategische Reserven freigeben, sorgte am Donnerstag für eine gewisse Erleichterung auf dem Markt. Auch China trug dazu bei: Bedenken auf dem Markt hinsichtlich der Nachfrage in China aufgrund des Coronalockdowns in der Metropole Shanghai sorgten nämlich für einen Abwärtsdruck.

Opec+ und der Iran-Faktor

Doch zurück zur Opec+. Bisher zeigt sich der Ölverbund trotz des russischen Kriegs gegen die Ukraine geschlossen. Die im Sommer 2021 beschlossene Strategie einer monatlichen Anpassung der Kapazitäten hätte nach Darstellung der Energie-Experten der Commerzbank im Mai eine deutlichere Ausweitung der Produktion erlaubt. Damals habe man sich darauf verständigt, den fünf größten Produzenten der Gruppe — Saudiarabien, Russland, Vereinigte Arabische Emirate, Irak und Kuwait — ab Mai 2022 zusätzlich insgesamt 1,6 Millionen Barrel pro Tag an Förderplus zu erlauben. Allein auf Saudiarabien würden davon 500.000 Barrel entfallen. Diese Option wurde allerdings nicht gezogen.

Die Freigabe zusätzlicher strategischer Ölreserven nährt übrigens den Verdacht, dass die Atomgespräche mit dem Iran noch nicht vor einem Abschluss stehen. Denn die mit einer Einigung verbundene Aufhebung der Sanktionen gegen die Islamische Republik würde Teheran eine Steigerung seines Ölexports erlauben. Das nächste Treffen der Opec+ wurde für 5. Mai vereinbart.

Die Presse

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