Flaute beim Ausbau von Windenergie im Westen

11. April 2022, Innsbruck
Nichts bewegt sich im Westen
 - Parndorf, APA/ROBERT JAEGER

Die Bundesregierung will bis 2030 den österreichischen Strom vollständig aus Erneuerbaren Energien decken. Dafür müsste laut Koalitionspakt Strom aus Windkraft fast verdreifacht werden. Wie Daten der IG Windkraft zeigen, teilen sich Niederösterreich und das Burgenland mit rund 85 Prozent aktuell den Löwenanteil der Stromerzeugung aus Wind. Das westlichste Windrad steht am Plöckenpass in Kärnten. In Salzburg, Tirol und Vorarlberg steht hingegen überhaupt kein Großwindrad.

Das könnte sich in Salzburg bald ändern: Ende 2021 hat das Land Salzburg im neuen Landesentwicklungsprogramm – der Entwurf befindet sich gerade in Begutachtung – elf Vorrangzonen definiert, wo Windparks entstehen sollen. In den Zonen sollen schnellere Verfahren möglich sein, etwa weil in einer Strategischen Umweltprüfung (SUP) auf Umweltverträglichkeit vorgeprüft wurde. Kritik übt hier aber die Landesumweltanwaltschaft.

Man sei ebenso wie Naturschutz-NGOs bei der Auswahl der Zonen nicht eingebunden worden, sagte Landesumweltanwältin Gishild Schaufler zur APA. Zudem würden die Anforderungen an eine SUP nicht erfüllt. „Man hätte für jede der Vorrangzonen eine artenschutzfachliche Untersuchung machen müssen. Doch die Daten fehlen oder sind öffentlich nicht zugänglich.“ Es sei ein Problem, wenn man Projektwerbern die grundsätzliche Genehmigungsfähigkeit in Aussicht stelle. Damit verlagere man Konflikte nur in nachgelagerte Verfahren wie die UVP.

Obwohl sich das Land Salzburg zum Ziel gesetzt hat, bis 2030 zumindest 25 Windräder zu errichten, dreht sich trotz mehrerer Anläufe noch immer kein kommerziell genutztes Windrad. 2018 scheiterte ein Windpark am Fanningberg im Lungau am heftigen Gegenwind von Touristikern, einer Bürgerinitiative und einer Medienkampagne – trotz der positiven Zustimmung in der Standort-Gemeinde selbst. Ein Jahr später sprachen sich die Bürgermeister des an Windpotenzial reichen Bezirks mit großer Mehrheit für ein zehnjähriges Windkraft-Moratorium aus.

Das derzeit einzige konkrete Projekt in Salzburg ist jenes – nomen est omen – am Windsfeld in rund 2.000 Metern Seehöhe nahe dem Nordportal des Tauerntunnels der A10. Die Gemeinde Flachau steht hinter dem Projekt, die Flächenwidmung läuft. Die Betreibergesellschaft peilt in der zweiten Jahreshälfte 2022 den Start der UVP an. Die Anlage – mindestens acht Windräder – könnte bis zur Hälfte der Salzburger Windenergieziele bis 2030 (250 GWh) abdecken, sagte Geschäftsführer Marcus Scherer. Ein unabhängiger Gutachter habe keine erheblichen Umweltauswirkungen durch die Nutzung der Windkraft festgestellt. Der Umweltbericht im Landesentwicklungsprogramm weist hingegen für Biotope, Fauna und Landschaftsraum am Windsfeld „deutlich negative Auswirkungen“ aus. Als vehementer Gegner tritt auch der Alpenverein auf. Der Bau einer Zufahrtsstraße und die notwendigen Manipulationsflächen für den Bau der Windräder seien ein schwerer Eingriff in die Natur.

In Vorarlberg liegt derzeit hingegen kein konkretes Windkraft-Projekt auf dem Tisch. Dies erklärte der zuständige Vorarlberger Landesrat Daniel Zadra (Grüne) auf APA-Anfrage. Man stehe dem Thema aber natürlich offen gegenüber, so Zadra. Grundsätzlich gebe es in Vorarlberg nicht sehr viele geeignete Stellen. 2012 hat das Land die Windenergie in seine „101 enkeltauglichen Maßnahmen“ für die zukunftsfähige Energieversorgung aufgenommen. Getan hat sich in dem Bereich seither nicht viel. Das bisher realistischste Projekt, das vor neun Jahren auf dem Pfänderrücken für die Versorgung von Haushalten im Leiblachtal angedacht war, wurde damals – in einer anderen Zeit, lange vor der Ukraine-Krise, wie Zadra zu bedenken gibt – insbesondere von Bürgermeistern und Bevölkerung kritisch gesehen, so der Landesrat. Vom potenziellen Betreiber, der Arbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie Vorarlberg (AEEV), wurde es zwischenzeitlich nicht mehr weiterverfolgt.

Dass Windkraftwerke und Tourismus sich gegenseitig im Wege stehen könnten, sieht Zadra nicht. Er sei überzeugt, dass „die Energiewende sichtbar werden wird, ob nun durch Windkraft, Wasserkraft oder Photovoltaikanlagen“: Gerade bei letzteren habe es in Vorarlberg jüngst einen „enormen Zug“ gegeben – auch aufgrund von Förderungen, aber ganz besonders seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine, durch den die Abhängigkeit, die durch die Nutzung von Erdgas entsteht, schmerzlich spürbar geworden sei.

Zur Deckung des Energiebedarfs „unter dem Strich zu 100 Prozent aus heimischen erneuerbaren Energiequellen“ bis 2050 müssten „alle zur Verfügung stehenden Ressourcen bestmöglich genutzt“ werden, hielt indes der Tiroler Energielandesrat LHStv. Josef Geisler (ÖVP) auf APA-Anfrage fest: „Ob Wasser, Sonne, Holz, Umweltwärme oder Abwärme – wir brauchen sie alle in vollem Umfang“. Tirol setzt vor allem auf Wasserkraft. Diese spiele „eine Schlüsselrolle für Energieunabhängigkeit und Versorgungssicherheit“ im Bundesland. „Die Windkraft kann hier – wenn überhaupt – nur einen sehr geringen Beitrag leisten“ erläuterte Geisler. Das tatsächlich nutzbare Windenergiepotenzial in Tirol ist mit 250 Gigawattstunden veranschlagt.

Die topografischen Verhältnisse seien „ungünstig“, hieß es aus Geislers Büro. Geeignete Standorte für Windkraftanlagen fänden sich ab einer Seehöhe von 1.800 Meter. Erst ab dieser Höhenlage seien „ausreichende Windverhältnisse für den Betrieb von Windkraftanlagen vorhanden“. Diese Höhenlage hätte jedoch zur Folge, dass die Erschließung und der Betrieb von Windkraftanlagen im Hochgebirge mit „deutlich höheren technischen und finanziellen Anforderungen im Vergleich zu Anlagen im Flachland“ verbunden seien. Auch das Landschaftsbild sei „sicher ein Faktor, den es bei Windkraftanlagen zu berücksichtigen gilt“, gab Geisler zu bedenken.

„Natürlich sind Windräder am Berg auch optisch kein besonders schöner Anblick, weder für Einheimische noch für Touristen“, schlug der Spartenobmann Tourismus in der Wirtschaftskammer Tirol und Innsbrucker Tourismusobmann LAbg. Mario Gerber (ÖVP) auf APA-Anfrage in eine ähnliche Kerbe. Gerber gab zu bedenken, dass der alpine Raum einerseits schwer zugänglich sei, und andererseits „Anlagen am Berg“ einen „erheblichen Eingriff in die Natur“ bedeuten. Wie auch der Energielandesrat verwies Gerber auf die Wasserkraft: „Tirol ist gottlob ein wasserreiches Land.“ Aus „touristischer Sicht“ solle die Wasserkraft – „als eine der nachhaltigsten Energiegewinnungsformen“ noch wesentlich stärker ausgebaut werden. „Gerade mit Stauseen entsteht auch neuer Lebensraum für Flora und Fauna, zudem können diese auch als Naherholungsgebiete für Einheimische und Touristen attraktiv gestaltet werden“, fand der ÖVP-Landtagsabgeordnete, seines Zeichens selbst Hotelier.

APA

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