Luftfahrt und Energiehandel pochen auf eFuel-Strategie

20. April 2022, Wien

Der heimische Energiehandel und die Luftfahrtbranche wollen von der Regierung und der EU rasch eine klare Strategie für die Produktion und Nutzung von per Elektrolyse hergestellten Treibstoffen, sogenannter eFuels. Sind diese aus Erneuerbarem Strom erzeugt, senken sie den CO2-Ausstoß. Um preislich mithalten zu können, wäre eine MÖSt-Befreiung für eFuels sowie eine Verwendung der Erlöse aus Ticketabgabe und Zertifikatehandel für F&E nötig, wurde am Mittwoch gefordert.

Obwohl erste Pilotanlagen schon entstehen, wird Österreich – und wohl auch Europa – seinen eFuel-Bedarf nicht selbst decken können, daher sollte die EU zum Motor von Energiepartnerschaften und Wirtschaftsräumen weltweit werden. Geeignete Regionen für eine eFuel-Produktion aus Solar- und Windstrom wären neben Nord- und Südeuropa auch der Nahe und Mittlere Osten, Afrika, Australien und Südamerika. Der Ökostrom könne an Ort und Stelle als Wasserstoff als Zwischenstufe oder als eFuels gespeichert werden, so WKÖ-Energiehandels-Obmann Jürgen Roth und Flughafen-Wien-Vorstand Günther Ofner, Obmann der Berufsgruppe Luftfahrt in der WKÖ. Dabei gehe es von der Größe her „um eine heutige Raffinerie“, so Ofner, „aber mit Stromkosten von einem Bruchteil“.

Bei passenden Rahmenbedingungen gebe es Investoren für solche Projekte, meinte Ofner. Groß investiert werde aber erst, wenn sich Politik und Wirtschaft für eine ganz konkrete nationale eFuel-Strategie zusammensetzen. Die Politik dürfe nicht bestimmte Technologien vorschreiben oder ausschließen, denn sonst bremse und verteuere sie die Energiewende. „Wir müssen über die E-Mobilität hinaus einen bunten Blumenstrauß anbieten“, so Roth.

Für eFuels in der Luftfahrt sollten für den beabsichtigten Lenkungseffekt freie CO2-Zertifikate eingeführt werden. Die von der EU geplanten Beimischungsquoten – 2 Prozent ab 2025, 5 Prozent 2030, dann weiter steigend bis auf 63 Prozent – begrüßte Flughafen-Vorstandsdirektor Ofner grundsätzlich, es dürfe dann aber kein Ausweichen auf Nicht-EU-Airports wie beispielsweise London, Zürich, Istanbul oder Belgrad geben. Ofner: „Die Luftfahrt muss CO2-neutral werden, das ist durch den Einsatz nicht erdölbasierter Kraftstoffe möglich, auch in der Schifffahrt.“

Die EU-Vorgaben für nachhaltige Flugzeugtreibstoffe (SAF, Sustainable Aviation Fuels) bedeuten laut Ofner für Österreich, dass in drei Jahren allein für die Luftfahrt bereits 40.000 Tonnen jährlich an SAF benötigt werden, 2030 schon 100.000 t. Bedenke man die lange Vorlaufzeit für die Errichtung von Produktionsanlagen, so sei es „bereits 5 nach 12“ und allerhöchste Zeit, mit einer nationalen eFuel-Strategie „ins Tun zu kommen“.

In Österreich wird bis zum Jahr 2023 in Graz in der Steiermark beim Technologiekonzern AVL die effizienteste Power-to-Liquid-Anlage Europas gebaut, hieß es im Herbst bei der Präsentation. Mit ihr sollen rund 100.000 Liter eFuel pro Jahr CO2-neutral erzeugt werden. Der synthetische Kraftstoff kann statt fossiler Energieträger in Verbrennungsmotoren aller Art verwendet werden. Roth sprach vor Journalisten von einer Anlage mit 250 Kilowatt (KW) Eingangsleistung für 150.000 Liter im Jahr. Laut AVL werden in der Testanlage zur Produktion von einem Liter eFuel 18 Kilowattstunden (kWh) eingesetzt. Dabei handle es sich um bisher ungenutzt gebliebene Sonnen- und Windenergie.

Eine „gute Anlage“ weise laut AVL 50 Megawatt (MW) Leistung auf und habe einen Output im zweistelligen Millionen-Liter-Bereich, sagte Roth in einem Pressegespräch. In einer dritten Stufe bei AVL seien 500 Mio. Liter Volumen im Jahr angedacht. Den Gesamtwirkungsgrad bezifferte der Energiehandelsobmann im „best case“ mit 64 bis 66 Prozent, nämlich über 80 Prozent bei der Herstellung von Wasserstoff und danach nochmals über 80 Prozent bei der eFuel-Erzeugung. Einsetzen ließen sich wohl mehrere 100 Mio. Liter jährlich bis 2030. Über alle Bereiche hinweg liege der österreichische Bedarf bis hin zur Industrie aber bei einer Milliarde Liter pro Monat.

Am aktuell auch in Österreich recht hohen Strompreis will sich Roth bei der wirtschaftlichen Beurteilung einer eFuel-Produktion nicht orientieren. Er verwies darauf, dass man in Nahost von weniger als einem Euro-Cent pro kWh sprechen könne. Bei unter zwei Cent Stromkosten pro kWh komme der Liter eFuel auf weniger als einen Euro, bei unter vier Cent je kWh seien es unter zwei Euro. Mittelfristig sei bei 6.000, 7.000 oder 8.000 Volllaststunden einer Anlage im Jahr mit Liter-Preisen von 60 bis 70 Cent zu rechnen, so Roth. Unter den gegebenen Umständen würde das Produkt an den Zapfsäulen dann aber bis zu zwei Euro je Liter kosten, kritisierte er.

APA

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