Abschied von Öl und Gas ohne Panik

27. April 2022

Immer mehr Chefs und Chefinnen stimmen in den Chor derer ein, die einen möglichst raschen Ausstieg aus fossilen Energieträgern fordern. In manchem Bundesland scheinen Wähler und Wählerinnen schon weiter zu sein als die Politik.

Wo ein Wille, da ein Weg. Mitunter hat man den Eindruck, dass es bei der massiv getrommelten Energiewende nicht an Wegen fehlt, sondern am Willen. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine kommt hinzu, dass der Umbau des Energiesystems von fossil auf erneuerbar noch rascher gehen muss als aus Klimagründen ohnehin nötig. Europa will schnell unabhängig werden von russischem Gas.

Sämtliche repräsentativen Umfragen der letzten Zeit zeigen, dass die Bevölkerung mehrheitlich Maßnahmen zum Schutz des Klimas unterstützt. Auch in den Führungsetagen der Unternehmen sickert die Erkenntnis, dass mit fossiler Wirtschaft kein Staat mehr zu machen ist. Öl, Kohle und Gas nutzen, das ja, aber nicht, um daraus Energie zu gewinnen. Dafür seien Kohlenwasserstoffe zu schade und letztlich auch gefährlich für den Fortbestand des Lebens auf der Erde, weil beim Verbrennen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) entweicht.

In Anbetracht der starken Abhängigkeit Österreichs von Gaslieferungen aus Russland, die bei 80 Prozent liegt, plädieren mehr und mehr Firmenchefs und -chefinnen für einen geordneten Rückzug. Knapp 50 haben sich mittlerweile in dem gemeinnützigen Verein CEOs for Future zusammengefunden, der sich die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit auf die Fahnen geheftet hat. Mit dabei sind Unternehmen wie Asfinag, Greiner und Lafarge, auch ÖBB, Salzburg AG, Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und Wiener Stadtwerke.
Peter Weinelt, stellvertretender Stadtwerke-Generaldirektor und bis vor kurzem starker Befürworter von Erdgas, hat sich vom Saulus zum Paulus gewandelt. „Meine persönliche Welt hat sich mit dem 24. 2. 2022 geändert“, räumte er in einer Pressekonferenz der CEOs for Future am Freitag ein.

Der 24. Februar, das war der Tag, an dem Wladimir Putin seine Truppen in die Ukraine geschickt und der Krieg seinen Lauf genommen hat – mit Zerstörung, Tod, galoppierenden Preisen und der unausgesprochenen Drohung, den Gashahn zuzudrehen.

Kurzfristig könne Österreich auf russisches Gas nicht verzichten, andernfalls stehe ein Großteil der Wirtschaft still, sagte Weinelt. Deshalb gehe es jetzt darum, die Speicher zu füllen und alternative Gasquellen anzuzapfen. Mittel- bis längerfristig sei der Ausstieg möglich, nicht nur aus russischem Gas, sondern aus Erdgas generell – gute Planung und konsequentes Handeln vorausgesetzt.

Weinelt und Christiane Brunner, frühere grüne Umweltsprecherin, nun hauptberuflich bei Verbund und ehrenamtlich als Vorständin bei CEOs for Future tätig, plädieren für einen sparsameren Umgang mit Energie. Auch das helfe, die Abhängigkeit von russischem Gas zu senken. An der geplanten Bepreisung von CO2, die mit 30 Euro je Tonne am 1. Juli starten wird, sollte trotz lauter Rufe nach Aussetzung festgehalten werden. Dadurch werden sich etwa Treibstoffe um knapp zehn Cent je Liter verteuern.

„Die Industrie braucht Planbarkeit, sonst rechnen sich Investitionen in die Dekarbonisierung nicht“, sagte Brunner. Die Mineralölsteuer, die kräftig sprudelt, sollte zur Unterstützung von Industrie und Haushalten beim Umbau der Energiesysteme herangezogen werden. Wo im Produktionsprozess Gas auch nicht durch grünen Wasserstoff ersetzt werden kann, sollte Biogas eingesetzt werden.

Spezialfall Niederösterreich

An einem raschen Ausbau von Windkraft, Solarenergie oder Geothermie führe jedenfalls kein Weg vorbei, sagte Brunner. Das aber scheitert oft an fehlenden Flächen. Für Raumordnung sind Länder und Gemeinden zuständig. Dort orten viele bremsende Kräfte, auch Helga Krismer. Die Grünen-Chefin von Niederösterreich bemängelt seit langem den Stillstand im Land, was die Zuweisung von Flächen für neue Wind- und Solarparks betrifft.

Das von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und ihrem Stellvertreter, dem für Energie zuständigen Landesrat Stephan Pernkopf (beide ÖVP) kürzlich vorgestellte „Energiewende-Beschleunigungspaket“ sei eine „Augenauswischerei“, sagte Krismer dem STANDARD. „Da wurden alte Zahlen neu verpackt. Beschleunigung? Davon merke ich nichts.“ Politiker müssten Überzeugungsarbeit leisten. Bürger und Bürgerinnen seien häufig ohnehin schon viel weiter.

Der Standard

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