Der weite Weg bis zur Steckdose

11. Mai 2022

Wenn viele Anbieter Strom ins Netz liefern und viele Kunden Strom aus dem Netz beziehen, wird’s schwierig. In Mürzzuschlag will man Angebot und Nachfrage intelligent steuern.

Als vor hundert Jahren die elektrischen Leitungsnetze errichtet wurden, war dies leicht: Es gab einige Kraftwerke, die den Strom erzeugten, und von denen kam er über die Stromleitungen zu den Steckdosen. Das funktionierte bis vor einigen Jahren, aber immer mehr kleine Stromerzeuger liefern Energie ins Netz, vor allem durch Windkraft und Fotovoltaik.

Elektrische Energie muss im selben Moment verbraucht werden, in dem sie erzeugt wird. Fotovoltaik liefert aber vor allem um die Mittagszeit, Windkraft ist ebenfalls eine wankelmütige Sache. Was tun, wenn viel Strom erzeugt wird, wenn er gerade nicht gefragt ist? Oder wenn gerade große Nachfrage im Netz herrscht, aber die Erzeuger nicht liefern können?

Diese Fragen beschäftigen die Elektrotechniker schon lange. Die Stadtwerke Mürzzuschlag haben mit mehreren Partnern vor einem halben Jahr ein Forschungsprojekt gestartet, das diese Probleme lösen soll. Unter dem Titel „Speicher Kaskade MZ“ wirken der Stromspeicher-Hersteller „Blue Sky Energy“, die Software-Schmiede „Venios“ und der Mürzverband zusammen, die Projektleitung liegt in den Händen der „4ward Energy Research“.
Das Projekt ist österreichweit einzigartig und auf drei Jahre angelegt, kräftig gefördert vom Umweltministerium.
Das Ziel: Der Strom soll in Zeiten, in denen zu viel erzeugt wird, anderweitig genutzt werden, etwa für das Aufladen von Elektroautos, das Heizen von Wärmespeichern oder das Betreiben von Wärmepumpen. Ist die Nachfrage aber größer als das Angebot, kann man diese großen Verbraucher wegschalten und findet mit der vorhandenen Energie das Auslangen.

Dieser Ausgleich zwischen Zeiten mit hohem und mit niedrigem Verbrauch hat auch den Vorteil, dass die Stromleitungen nicht ständig ausgebaut werden müssen, weil deren Belastung gleichmäßiger ist.
Klingt einfach, erfordert aber enorme Rechenleistung und viel Abstimmung – bei den Stromverbrauchern ebenso wie bei den Erzeugern. Laut Stadtwerke-Geschäftsführer Hubert Neureuter wird das Versorgungsgebiet analysiert und in „Trafobezirke“ geteilt. Auf der nächsten Ebene wird wieder der Ausgleich zwischen den einzelnen Trafogebieten gesucht. Der Mürzverband ist dabei, weil er in seinen vier Kläranlagen sehr viel Strom verbraucht und bereits 60 Prozent dieser Energie selbst herstellt.

In drei Jahren sammelt man eine Menge Know-how, wie ein Netz mit vielen Produzenten und Konsumenten gesteuert werden kann. Dieses Wissen soll auch anderen zugutekommen, um ein flächendeckendes, stabiles Stromnetz zu schaffen.

Kleine Zeitung

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