„GeoTief Wien“ ortet heißes Wasser in 3.000 Metern

20. Mai 2022, Wien
Forschungsprojekt erstellte erstes genaues 3D-Modell
 - Wien, Wien Energie/APA-Auftragsgrafik

Geothermie ist nicht erst seit dem Ukraine-Krieg und der Debatte über einen möglichen Gasboykott Russlands einer der Hoffnungsträger der Energiewende. Auch in Wien vermutete man große Energiereserven in Form von heißem Wasser unter dem Stadtgebiet. 2012 wurde eine Bohrung jedoch ein teurer Fehlschlag. Vor einem neuen Versuch hat man 2016 ein umfangreiches Sondierungsprojekt gestartet, das seit kurzem Grünes Licht geben kann. Das geortete Reservoir liegt in 3.000 Meter Tiefe.

Das Aufspüren derartiger Energiereserven sei „ebenso eine technische wie eine wissenschaftliche Herausforderung“, sagt die Geophysikerin Maria-Theresia Apoloner. „Man hat mittlerweile mehr Möglichkeiten als 2011. Das Forschungsteam hat an über 16.000 Messpunkten gemessen und dabei etliche Terabyte Daten gesammelt. Damit konnten wir nun erstmals ein detailliertes 3D-Modell des Wiener Untergrunds erstellen.“ Fündig wurde man in einer „Aderklaaer Konglomerat“ genannten porösen Gesteinsschichte unterhalb eines Gebiets, das von Donaustadt bis Simmering reicht. „Unser Zielhorizont lag eigentlich in vier Kilometern Tiefe.“ Nun wird man deutlich weniger tief bohren müssen, um an die heißes Wasser führenden Schichten zu kommen, die dank einer ersten Schätzung von Wien Energie bis 2030 bis zu 125.000 Haushalte mit Wärme versorgen könnten.

Im Gegensatz zu „oberflächennaher Geothermie“, die etwa für Wärmepumpen genutzt wird, ist „Tiefe Geothermie“ die Gewinnung von Wärmeenergie aus einer Tiefe von ab 300 Metern. „Tiefe Geothermie macht dort Sinn, wo viele Menschen leben und ein Fernwärmenetz vorhanden ist“, erklärt die an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) beschäftigte Seismologin, die das Energie-Forschungsprojekt „GeoTief Wien“ am Dienstag (24.5., 18 Uhr, auch als Livestream) zum Auftakt der Hauptversammlung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in einem öffentlichen Vortrag im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorstellen wird. An dem Projekt sind unter der Leitung von Wien Energie neben der ZAMG u.a. auch das AIT, die Geologische Bundesanstalt, die Montanuni Leoben sowie OMV und die RAG Austria AG beteiligt. Die zur Erschließung nötigen Investitionen sind nicht unbeträchtlich. Der Druck auf die Wissenschafter wie auf die Techniker, die mit ihrer Bohrung genau im Zielgebiet landen sollten, ist daher groß.

Doch neben dem geologischen Risiko kann es bei Geothermieprojekten auch ein seismologisches geben: Gerät man mit der Bohrung in eine Störungszone, so besteht die Gefahr, beim Einpressen des Wassers Erschütterungen auszulösen. Die Wissenschaft spricht dann von „induzierter Seismizität“. Dabei handelte es sich bei hydrothermaler Nutzung meist um nicht spürbare Mikro-Beben, versichert Apoloner im APA-Gespräch, es gebe freilich auch Extrem-Beispiele bei petrothermaler Nutzung (die nicht natürlich vorhandenen Wasserdampf oder Thermalwasser, sondern die im Gestein gespeicherte Wärme nutzt), etwa 2017 in Pohang in Südkorea mit einer Magnitude von 5,5 und über 2.000 beschädigten Gebäuden oder 2006 in Basel mit einer Magnitude von 3,4.

Vor allem der letzte Fall sei „exzellent beforscht“ und gebe Handlungsanleitungen für zukünftige Geothermie-Projekte. Vor allem gelte es, die betreffenden Verwerfungen schon im Vorfeld unter genauer seismologischer Beobachtung zu halten, um später zu wissen, ob sich kleinere Erdbewegungen im Rahmen des bisher Gewohnten hielten oder tatsächlich durch die geothermische Nutzung hervorgerufen wurden. Weiters müsse man versuchen, mit der Bohrung nicht direkt auf eine Verwerfung zu treffen und den Wasserdruck zu kontrollieren.

Insgesamt sei Tiefe Geothermie jedoch sicher und werde auch in Österreich ein wichtiger Baustein für den künftigen Energiemix werden, sagt die Wissenschafterin. Der Verein Geothermie Österreich schätzt, dass hierzulande dadurch der Anteil erneuerbarer Energie in der Fernwärmeerzeugung von 46 (im Jahr 2016) auf bis zu 86 Prozent im Jahr 2050 erhöht werden könnte. Laut dem Verein werden erst fünf Prozent des Potenzials der Tiefen Geothermie in Österreich genutzt, der mögliche Anteil dieser Energiequelle an den notwendigen CO2-Einsparungen sei enorm.

Service: Link zum Vortrag an der ÖAW: https://www.oeaw.ac.at/detail/veranstaltung/energie-aus-der-tiefe ; Projekthomepages: www.geotiefwien.at ; https://www.geothermie-oesterreich.at

APA

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