Kinderpsychiatrie – Wien sucht Personal in Deutschland

23. Mai 2022, Wien/Magdeburg
Niedergelassene Ärzte sollen Dienste auf Stationen übernehmen
 - Wien, APA

In den Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien herrscht massiver Personalmangel. Die Situation erreichte jüngst einen neuen Höhepunkt, als gewarnt davor wurde, dass die Klinik Hietzing deswegen ab Juli übers Wochenende zusperren muss. Nun wird auch über unkonventionelle Wege und Ideen versucht, eine Verbesserung herbeizuführen – etwa mit einem Appell an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte und mit der Personalsuche in Deutschland.

Dies tat der städtische Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogen, Ewald Lochner. Er nutzte die Teilnahme beim größten europäischen Kongress der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Magdeburg in den vergangenen Tagen, um Wien als attraktiven Arbeitsort und -geber für Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater zu präsentieren und Interessentinnen und Interessenten zu gewinnen.

„Aktuell herrscht im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein besorgniserregender Mangel. Wir müssen alles dafür tun, die psychosoziale Versorgung für unsere Kinder- und Jugendlichen nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern weiterhin zu verbessern. Deshalb gehen wir über Stadt- und Landesgrenzen hinaus“, sagte Lochner gegenüber der APA.

Der Druck in der Kinder- und Jugendpsychiatrie habe sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie weiter verschärft. Alle Studien kommen laut Lochner zu dem Schluss, dass junge Menschen besonders gelitten haben und leiden. Angsterkrankungen und depressive Symptomatik seien deutlich angestiegen. Um dem Druck zu begegnen und zum Wohle der Kinder und Jugendlichen seien nun auch unkonventionelle Maßnahmen notwendig, die zu einer raschen Abfederung der fehlenden Personalressourcen führen, unterstrich er. „Ich appelliere an die Solidarität der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, Dienste im stationären Setting zu übernehmen, um die Diensträder zu sichern. Wer den hippokratischen Eid ernst nimmt, sollte dem Appell folgen. Schon ein bis zwei Dienste pro Monat würden die Situation deutlich entlasten.“

Die Ärztekammer selbst habe kürzlich vor der Gefahr einer Mangelversorgung gewarnt, hier könnte sie unterstützen, rasch und einfach den Herausforderungen zu begegnen. „Gleichzeitig darf ich mich bei all jenen bedanken, die diese Aufgabe bereits übernommen haben und so die Aufrechterhaltung der Versorgung sicherstellen“, so Lochner.

Um die aktuelle Lage zu verbessern, wurden vom Wiener Gesundheitsverbund, von der Medizinischen Universität Wien (MedUni) und den Psychosozialen Diensten (PSD) in den vergangenen Monaten mehrere Maßnahmen gesetzt. Unter anderem besteht seit dem Jänner ein Dienstpool mit übergreifenden Fachärztinnen und -ärzten, die aus dem PSD, dem niedergelassenen Bereich/Wahlärzten und von der MedUni gespeist werden. Dank dieses Pools fällt vorerst auch die drohende Sperre der Station in Hietzing vom Tisch. Die Dienstpläne für den Sommer seien fixiert, um den Betrieb in den Sommermonaten aufrechterhalten zu können, hieß es.

In einem weiteren Schritt wird das Projekt Home-Treatment, bei dem die Betreuung im gewohnten Wohnumfeld ausgebaut wird, um so den stationären Bereich zu entlasten. Die Personalsuche wurde ebenfalls – auch in Magdeburg – verstärkt.

Dabei handelte es sich aber nur um erste Maßnahmen. Denn Lochner stellte auch klar, dass sich gewisse Herausforderungen nicht von einem Tag auf den anderen lösen ließen. Denn die Wurzeln dafür seien sehr unterschiedlich. „Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich ist ein sehr junges Fach, was dazu führt, dass es nur eine geringe Anzahl an Fachärzten und Fachärztinnen gibt, die wiederum nur wenige Ärzte und Ärztinnen ausbilden können. Die kürzlich vom Gesundheitsminister veranlassten und davor lange geforderten Verbesserungen im Ausbildungsschlüssel sind gut, entfalten aber natürlich erst in Zukunft ihre Wirkung.“

Zurück nach Magdeburg, wo der Kongress am gestrigen Samstag zu Ende ging. Lochner resümierte positiv: „Wir haben hier einige sehr interessante Gespräche geführt und spannende Inputs erhalten, sowohl was die fachliche Ebene betrifft, als auch die Gespräche über neues Personal. So konnten in den vergangenen Tagen Gespräche mit vier potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten geführt werden. Natürlich funktioniert so etwas nicht von einem Moment auf den anderen, aber wir können mit einem positiven Gefühl die Heimreise antreten. Auch weil man erkennt, dass Wien als Arbeitsort im gesamten deutschsprachigen Raum auf großes Interesse stößt.“

APA

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