Ein Viertel von Österreichs Gasverbrauch kann grün werden

24. Mai 2022, Wien

Energie. Biomethan ist billig, kurbelt die heimische Wirtschaft an und bringt dem Staat hohe Einnahmen, so eine Studie.

Mitten in der größten Energiekrise seit Jahrzehnten schlägt die Stunde der Grüngas-Lobby. Die längste Zeit musste klimaneutrales Biomethan, das aus Feldfrüchten, Abfall oder Pflanzenresten gewonnen werden kann, auf der Ersatzbank des Energiesystems Platz nehmen. Die ersten Generationen waren politisch umstritten (Stichwort: Teller oder Tank) und konnten preislich nicht mit fossilem Erdgas mithalten, das 2019 noch um fünf Euro je Megawattstunde zu haben war.

Doch die Klimaziele der EU und der Krieg in der Ukraine haben das grundlegend geändert: Fossiles Erdgas kostet heute zwanzig Mal mehr als noch vor wenigen Jahren, zudem sucht ganz Europa nach Wegen, um vom russischen Gaslieferanten loszukommen. Und die Vertreter der Biogasbranche wollen endlich auf das Spielfeld.

Billiger als gedacht

„Wir könnten problemlos zwanzig bis dreißig Prozent des fossilen Erdgases, das Österreich heute verbraucht, im eigenen Land erzeugen“, sagt Biogas-Lobbyist Norbert Hummel zur „Presse“. Österreich aber plant derzeit nur mit einem vergleichsweise mickrigen Ausbau von fünf Terawattstunden Biomethan bis 2030. Damit lasse das Land nicht nur eine Chance liegen, die Versorgungssicherheit zu erhöhen, auch Wirtschaft und Finanzminister würden um satte Gewinne gebracht.

Um diese Behauptung auch wissenschaftlich zu untermauern, hat der Fachverband Gas Wärme das Potenzial von grünem Gas von Economica-Chef Christian Helmenstein und Anna Kleissner von Econmove untersuchen lassen.

Um eine Terawattstunde Energie aus Biogas zu gewinnen, sind demnach Investitionen von 222 Mio. Euro notwendig. Das ist nur ein Sechstel dessen, was benötigt wird, um dieselbe Menge mit Solaranlagen zu erzeugen. Auch im laufenden Betrieb könne grünes Gas mit Wasser- und Solarkraft mithalten. Aber nicht nur das, auch für die Volkswirtschaft mache es einen großen Unterschied, welche Erneuerbaren ausgebaut würden. Während bei Wind und Solar zumindest die Hälfte der Wertschöpfung im Ausland bleibt, sieht das bei Biomethan anders aus. Österreichs Kesselproduzenten haben weltweit eine große Marktmacht. 94 Prozent der gesamten Biogas-Wertschöpfung bleiben im Land.

Freuen kann sich nach den Berechnungen der beiden Ökonomen auch der Finanzminister. 43 Prozent der Investitionen kämen als Steuern und Abgaben wieder an den Staat retour. Eine Mio. Euro an Förderung löst 3,3 Mio. an Investitionen aus — womit letztlich 1,45 Mio. wieder bei der öffentlichen Hand landeten. „Besser kann man Steuergeld nicht einsetzen“, ist Anna Kleissner überzeugt.

Was fehlt, um den vermeintlichen Wunderwuzzi von der Leine zu lassen, sind die politischen Rahmenbedingungen. Das versprochene Grün-Gas-Gesetz müsse endlich kommen, fordern Branchenvertreter. Aktuell sind Biogasanlagen mit Produktionskosten von 20 bis knapp 60 Euro je Megawattstunde zwar allesamt profitabel, doch die Preise sind hoch volatil, und da neue Anlagen 25 Jahre Jahre laufen sollen, brauche es gewisse Sicherheiten für Investoren.

Fördermodell ist zweitrangig

Ob das nun wie bei Ökostrom über Marktprämien, über Investitionsförderungen oder über verpflichtende Einspeisequoten passiere, sei zweitrangig. „Uns ist egal, welches Fördermodell kommt“, sagt Michael Mock vom Fachverband. „Hauptsache, die Unsicherheit ist endlich weg.“

von Matthias Auer

Die Presse

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