Warten auf den Anschluss ans Stromnetz

30. Mai 2022, Wien
Windkraft ist jetzt die Nummer eins - Sieversdorf, APA/dpa

Österreich braucht in Zukunft sechs Mal so viel Sonnenstrom wie bisher. Warum manche Netzbetreiber beim Ausbau bremsen.

Der Ausbau von Ökostrom senkt die Abhängigkeit von russischem Gas und saudischem Öl und hilft, die Strompreise zu senken. Das haben viele Österreicherinnen und Österreicher in den vergangenen Monaten gelernt. Und versuchen, diese Erkenntnis praktisch umzusetzen. Wer kann, erzeugt Strom bzw. Warmwasser auf dem eigenen Dach und stellt sich um Förderungen von Bund und Ländern an. „So einen Boom gab es noch nie“, sagt Vera Immitzer vom Branchenverband Photovoltaic Austria. Bei der ersten Förderrunde Ende April wurden binnen 45 Minuten fast 30.000 sogenannte Tickets für Anträge bei der Abwicklungsstelle OeMAG gezogen.

Der Trend ist politisch erwünscht: 2030 sollen Hunderttausende Photovoltaikanlagen auf Dächern und Wiesen 12,4 Terawattstunden oder 15 Prozent des Strombedarfs liefern, der bis dahin zu 100 Prozent ökologisch erzeugt sein soll. Derzeit sind es 2,6 Terawattstunden bzw. 5 Prozent.

In der Praxis stoßen umstiegswillige Unternehmen und Haushalte aber an hohe Hürden: Nicht nur fehlen Komponenten und haben Installationsbetriebe nicht genug Fachpersonal. Die Netzbetreiber gehen in Anträgen unter. Es fehlen die Mitarbeiter, um zu prüfen, ob die Leitungen die kleinen Kraftwerke auch tragen können. Daher dauert es oder es werden Anlagen nicht mit der vollen Leistung angeschlossen.

Beim Netzbetreiber Tinetz in Tirol warten Antragsteller mittlerweile wochenlang auf einen sogenannten Einspeiszählpunkt. Der ist notwendig, um einen Förderantrag zu stellen. „Nicht jeder, der 2022 eine Anlage haben möchte, wird auch garantiert eine erhalten“, dämpfte das Unternehmen die Erwartungen.

Die Netz Oberösterreich vergibt angesichts das Ansturms auf Sonnenstrom seit April zwar automatisch Zählpunkte. Die wichtige Frage, wie viel Strom eingespeist werden kann, lässt der Netzbetreiber aber offen. „Es ist eine offizielle Bestätigung, dass er zurückspeisen darf, aber vorübergehend mit null Prozent“, sagt Netz-Sprecher Wolfgang Denk. Sein Rat: so viel Strom wie möglich selbst verbrauchen bzw. speichern und kleinere Anlagen mit maximal 6 Kilowatt-Peak bauen statt wie üblich 10 kW-Peak. 16.000 Anträge sind heuer bereits beim oberösterreichischen Netzbetreiber eingelangt. Im Gesamtjahr 2019 waren es 3600 Anträge, 2021 gerade mal 8600. Jede Woche kämen 1000 Anträge dazu, sagt Denk, mittlerweile auch von Energiegemeinschaften. Obwohl bereits Personal aufgestockt wurde, dauere es immer länger, bis die Netzkapazitätsprüfung erledigt sei. Es werde wohl nicht wie zuletzt bei zehn Wochen bleiben.

Die Netz Niederösterreich ist da weiter. Dort zeigt ein Online-Plan, in welchen Netzgebieten es eng ist und wo nicht. Für maximal 10 kW-Peak sei fast überall Platz, heißt es bei dem Netzbetreiber. Die Antragszahlen haben sich hier binnen drei Jahren auf 9100 verdreifacht. Bis Mai sind sie dann auf mehr als 20.000 in die Höhe geschossen. Wegen der starken Nachfrage hat die EVN mittlerweile die Werbung für neue PV-Anlagen gestoppt. Es gebe einfach nicht genug Elektroinstallateure, um sie zu montieren.

Klassische Hausanlagen dürften in 98 Prozent der Fälle mit voller Leistung einspeisen, heißt es. Nur in Randgebieten gebe es Beschränkungen. Sie werden binnen drei Tagen freigegeben und spätestens in sechs Monaten angeschlossen.

Auch in Salzburg erfolgt die Freigabe der PV-Anlagen zügig. Netzberechnungen laufen hier schon seit fünf Jahren automatisiert. Die Zahl der Einspeisanträge hat sich in zwei Jahren auf 3646 mehr als verdoppelt. Seit Jahresbeginn steigt sie rasant. Im April gab es 1000 Anträge. Auch hier dauert es ein bis zwei Wochen statt wie früher Tage. Zur Sicherheit stelle man die Kunden auf bis zu vier Wochen ein, sagt Salzburg-AG-Sprecherin Karin Strobl.

In der E-Control sind die regionalen Unterschiede und Geschwindigkeiten bekannt. „Einige Netzbetreiber suchen aktiv Lösungen, einige nicht“, sagt Alfons Haber, Vorstand der Regulierungsbehörde. Kunden, die mit der Begründung des Netzbetreibers bei Verzögerungen unzufrieden sind, könnten sich an die Streitschlichtungsstelle der E-Control wenden. Und sie tun das. Mittlerweile gebe es 30 Anfragen pro Woche wegen PV-Netzanschlüssen, drei Mal so viele wie im Vorjahr.

Das Leitungsnetz einfach schneller zu verstärken ist laut den Versorgern nicht so einfach. Früher habe man 15 bis 20 Wochen auf einen Ortstrafo gewartet, jetzt seien es 70 Wochen, erzählt der Oberösterreich-Sprecher. Die Netzbetreiber warnen zudem vor unnötig hohen Kosten, wenn die Leitungen auf die Spitzen von Zehntausenden Mini-Kraftwerken ausgelegt werden statt auf effizientere Groß-PV-Anlagen. Die Tiroler Tiwag forderte zuletzt, zuerst Gebäude zu sanieren und Energie zu sparen und erst dann Ökostrom auszubauen.

Die PV-Branche hofft nun auf die geplante Reform des Elektrizitätswirtschaftsorganisationsgesetzes (ElWOG). Sie soll – mit Übersichtskarten wie in Niederösterreich – mehr Transparenz in die Netz- und Kostensituation bringen. Außerdem werden klare Fristen für Genehmigungen und Anschlüsse gefordert. Derzeit sei die Situation „suboptimal“, sagt Immitzer.

von Monika Graf

Salzburger Nachrichten

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