Deutscher Regierungsberater: Putin will Gaspreis hochtreiben

1. Juni 2022, Berlin
Putin sucht nach Druckmittel
 - Moscow, APA/SPUTNIK

Der russische Präsident Wladimir Putin treibt nach den Worten eines deutschen Regierungsberaters mit Drohgebärden gezielt den Gaspreise nach oben. „Einigen Ländern hat Putin den Gashahn bereits zugedreht – angeblich weil sie sich geweigert haben, in Rubel zu zahlen“, sagte das Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des deutschen Wirtschaftsministeriums, Jens Südekum, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

In Wirklichkeit gehe es Putin um etwas anderes: Er wolle Verunsicherung in den Märkten stiften und dadurch die Gaspreise hochtreiben, so Südekum.

„Von diesem perfiden Mechanismus ist auch Deutschland betroffen“, sagte der Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Bisher sei die Gasversorgung noch gesichert. Denn ein Ausfall der Einnahmen aus dem großen deutschen Markt wäre auch für Putin schmerzhaft. „Aber jedes Mal, wenn er gegenüber anderen Ländern mit einem Lieferstopp droht oder ihn tatsächlich verhängt, schießt der Spotpreis für Gas, der die Grundlage vieler Verträge bildet, in die Höhe“, sagte Südekum. „So verdient er auch in Deutschland mit derselben Liefermenge mehr Geld.“

Der Experte geht davon aus, dass es in den nächsten Wochen auch Drohgebärden von Putin in Richtung Deutschland geben dürfte. „Letztlich mit demselben Ziel: Panik erzeugen und die Preise nach oben treiben.“ Die große Frage sei, ob Russland irgendwann tatsächlich ernst mache und auch Deutschland den Hahn zudrehe. „Hierfür muss man wissen, dass er dies nur einmal tun kann“, sagte Südekum. „Denn wenn die Gaspipelines einmal leer laufen, wird ein Teil der Infrastruktur beschädigt und kann nicht wieder verwendet werden.“

Die deutsche Regierung will Deutschland bis Mitte 2024 unabhängig vom russischen Gas machen. „Aber wird Putin so lange warten und Deutschland diesen selbst bestimmten Abschied gönnen? Wahrscheinlicher ist, dass er vorher handelt und uns den Hahn zudreht“, sagte der Experte. „So kann er noch einmal Chaos in der deutschen Industrie stiften, bevor er das Geschäft abschreibt.“

APA/ag

Ähnliche Artikel weiterlesen

Kreml: Gekürzte Gaslieferungen nicht politisch motiviert

23. Juni 2022, Moskau

Deutschland ruft Gas-Alarmstufe aus – Österreich nicht

23. Juni 2022, Berlin
Habeck sieht "ökonomischen Angriff"
 - Berlin, APA/AFP

Mellach soll im Notfall wieder Kohle verbrennen

20. Juni 2022, Wien/Kiew (Kyjiw)/Moskau
In der Not setzt die Klimaschutz-Ministerin auf Kohle
 - Jakarta, APA/AFP

Uniper erhält weiter weniger russisches Gas

20. Juni 2022, Essen