Jedes neu gebaute Atomkraftwerk ist teurer als das davor

1. Juni 2022, Wien
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Im Unterschied zu anderen Technologien hat die Kernkraft eine negative Lernkurve: Während alternative Formen der Stromerzeugung, wie Wind- oder Solaranlagen, mit steigender Nutzung und technologischem Fortschritt immer günstiger werden, kostet jedes neue Atomkraftwerk mehr als das davor gebaute. Das liege unter anderem daran, dass jeder Atomunfall zu höheren Anforderungen an die Sicherheit führe, erklärte Günter Pauritsch in einem Webinar der Energieagentur am Mittwoch.

Im Jahr 2021 waren weltweit 415 Kernreaktoren in Betrieb, ihr Anteil an der weltweiten Stromproduktion betrug rund 10 Prozent. Kohle und Erdgas hielten mit jeweils rund 37 bzw. 24 Prozent die größten Anteile, dahinter folgte die Wasserkraft mit 16 Prozent. Aus PV-, Wind- und Geothermieanlagen sowie Gezeitenkraftwerken stammten rund 8 Prozent, der Rest entfiel auf Öl und andere Energieträger. Das geht aus dem World Nuclear Industry Status Report 2021 (übersetzt etwa Statusreport über die weltweite Nuklear-Industrie) hervor.

Kernkraft wird weltweit von relativ wenigen Nationen genutzt, die meisten Reaktoren finden sich in nur 6 Ländern. Die USA betreiben 93 Reaktoren, in Europa gewinnt vor allem Frankreich mit 56 Reaktoren Strom aus der Kernspaltung. Dahinter folgt mit 53 Reaktoren China, das als einziges Land seine Atomkraftwerksflotte momentan signifikant ausbaut. In Japan stehen 33 Reaktoren, Südkorea hat 24 Stück. Diese 6 Länder sind es auch, die die Technologie hinter der Atomkraft beherrschen und sie an andere Länder verkaufen.

Die weltweite Kernkraft-Ausbauphase hat bereits in den 1980er-Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 hat zu einem Rückgang beim Ausbau geführt, seit den 1990er-Jahren stagniert die Zahl der neugebauten Kernkraftwerke. Die Katastrophe von Fukushima 2011 hat in den 2010er-Jahren ebenfalls dazu geführt, dass weniger Atomkraftwerke gebaut wurden, sagte Pauritsch.

Dass immer weniger Kraftwerke gebaut werden, habe auch die Technologieanbieter in Schwierigkeiten gebracht: Weniger Aufträge bedeuten auch weniger Erfahrung im Bau, was es schwieriger macht, Bauzeiten und -kosten richtig abzuschätzen. Der Bau eines Kraftwerks in Europa „braucht in der Regel mindestens doppelt so lange, wie ursprünglich geplant und kostet mindestens doppelt so viel“, so Pauritsch.

Grund dafür sei unter anderem, dass die Sicherheitsanforderungen immer strenger werden. Das Investitionsrisiko für ein Kernkraftwerk sei außerdem sehr hoch, deshalb seien staatliche Garantien notwendig. Auch das Risiko für einen Unfall übernimmt der Staat, weil Folgeschäden so massiv sind, dass sie nicht von Betreibern alleine abgedeckt werden können. Gleichzeitig sei die Akzeptanz in der Bevölkerung für Atomkraft oft gering. Auch die Diskussion rund um die EU-Taxonomie, die festlegt, welche Technologien als „grün“ gelten, hatte einen Rückgang der staatlichen Förderungen für die Atomkraft zur Folge. „Es gibt keinen Markt für Reaktortechnologie – das ist keine privatwirtschaftliche Entscheidung, sondern eine energiepolitische, die ohne staatliche Förderung nicht umsetzbar wäre“, erklärte Pauritsch.

Ein Faktor bei den Bauzeiten sei auch die politische Struktur eines Landes: In Ländern mit demokratischen Strukturen seien die Bauzeiten auch deshalb so lange, weil Projekte auf Umweltverträglichkeit geprüft und Bürgerinnen und Bürger in den Prozess einbezogen werden müssen. „Deshalb tut sich China auch leichter“ beim Ausbau, sagte Pauritsch.

Die hohen Kosten und langen Bauzeiten neuer Atomkraftwerke haben dazu geführt, dass man versucht, bestehende Kraftwerke immer länger in Betrieb zu halten. Das weltweite Durchschnittsalter eines Kernkraftwerks liegt derzeit bei rund 31 Jahren, die breite Masse der Kraftwerke hat aber zwischen 31 und 40 Jahre auf dem Buckel. Ziel ist es derzeit, Reaktoren bis zu 60 Jahre lang zu betreiben. Das Problem dabei: „Die Kraftwerke werden ja nicht jünger“, so Pauritsch. Mit einer Verlängerung der Lebensdauer gehen massive Kosten für Wartung und Instandhaltung einher.

Frankreich hat in diesem Kontext auch ein Problem mit der Nichtverfügbarkeit von Atomenergie: Störfälle und notwendige Reparaturen führen dazu, dass während der Hälfte des Jahres mindestens 20 Reaktoren nicht in Betrieb sind. In Frankreich ist ein Reaktor durchschnittlich mehr als 35 Jahre alt. Die Reaktoren müssen irgendwann ersetzt werden, „Frankreich steht mit seiner überalterten Kernkraftflotte massiv unter Druck“, sagte Pauritsch.

All diese Kosten machen bereits die Aufrechterhaltung des Status quo der Atomenergie extrem kostspielig und nicht wettbewerbsfähig mit Alternativen Energieformen, so Pauritsch. Um einen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise zu leisten, müsste die Atomkraft nicht nur erhalten, sondern massiv ausgebaut werden. Das sei zu teuer, dauere zu lange und das Sicherheitsrisiko sei zu groß.

APA

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