Tage der Abrechnung

8. Juni 2022

Noch vor kurzem waren die Energiepreise vielen schlicht egal. Heute führen diese zu enorm hohen Vorschreibungenund Nachzahlungen. Was den Menschen in Österreich droht – und wie sie damit umgehen können.

Es wirkt schon lange her, dabei ist noch nicht einmal ein Jahr um, als man Stromrechnungen noch häufig schlicht übersah. Zwar verstand man sie niemals so richtig, wenn sie ins Haus flatterten. Aber sich darum zu kümmern, wäre kaum der Mühe wert gewesen. Besonders hoch waren die Beträge ohnehin nicht.

Das hat sich radikal geändert.

Bei vielen Menschen in Österreich grassiert gerade die Angst vor der nächsten Energierechnung. Der Russland-Ukraine-Krieg, die Angst vor einem Gasboykott, das Embargo russischen Öls – all das hat die Preise für Strom, Gas und Öl in historische Höhen getrieben. Und das macht sich auf der Energierechnung bemerkbar.

Immer öfter hört man von Menschen, die schockiert sind über Rechnungen mit enorm gestiegenen Vorauszahlungen; die bei Energieunternehmen um Ratenzahlung ansuchen. Oder überhaupt nicht wissen, wie sie mit der plötzlichen finanziellen Zusatzbelastung umgehen sollen. „Höhere Energiepreise spielen in unseren Beratungsgesprächen mit Klientinnen und Klienten definitiv eine Rolle“, sagt Clemens Mitterlehner, Chef der Dachorganisation der Schuldnerberatungen.

136 Euro zusätzlich für Energie

Ähnliches berichtet Doris Anzengruber von der Sozialberatung der Caritas. Laufend melden sich Klienten, die ihre Rechnung nicht mehr bezahlen können. Zum Beispiel Erika Mayrhuber*, die allein wohnt und schon bisher kaum über die Runden kam. Sie bezieht etwas mehr als die Mindestpension, jetzt muss sie monatlich 136 Euro zusätzlich für Energie bezahlen. Für die Jahresabrechnung, die erst kürzlich fällig wurde, hat Mayrhuber ihr Erspartes aufgebraucht. Für die erhöhten Vorschreibungen fehlt ihr nun die Reserve.

Auch Ferdinand Lederer* erschrak, als er Anfang Mai die jüngste Energierechnung von der Verbund AG kam. Mayer bewohnt ein Einfamilienhaus in Niederösterreich nahe der Donau, modern und energiesparend, zwei Bewohner, ein großer Garten. Bisher betrug seine Stromrechnung bei rund 140 Quadratmeter Wohnfläche 286 Euro im Quartal. Neuer Betrag seit 1. Mai: 415 Euro. Ein Anstieg um 45,10 Prozent. Beim Gas fällt die Erhöhung noch drastischer aus: Statt 303 Euro im Quartal werden künftig 707 Euro fällig.

Mayrhuber und Lederer sind keine Ausnahme. Die Regulierungsbehörde E-Control hat ausgerechnet, wie viel Stromkonsumenten mit durchschnittlichem Jahresverbrauch heute mehr zahlen müssen als noch vor wenigen Monaten. Beim Tarif Gewerbe OK der Salzburg AG etwa haben sich die Jahresstromkosten (inklusive aller Abgaben und Netzentgelte) mit 1. April um 438,72 Euro erhöht. Beim Tarif Comfort + Business der Tiroler Tiwag sind es 102,7 Euro. Beim Business Classic der Energie Graz sind es 326,40 Euro.

Pro Jahr muss ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt eine Erhöhung von 150 bis 250 Euro stemmen – und das ist nur der Strom. Dazu kommen Preiserhöhungen bei Gas, die durchschnittlich 200 bis 350 Euro betragen. Die Erfahrungen der Caritas zeigen: Vor allem für Menschen mit niedrigem Einkommen werden die Preiserhöhungen zusehends zur Belastung.

Was sich dagegen tun lässt? Wenig. Manche der Energielieferanten müssen derzeit selbst Strom und Gas zu horrend hohen Großhandelspreisen einkaufen und reichen die Erhöhungen lediglich an die Kunden weiter. Andere, wie der Verbund und die niederösterreichische EVN, fahren derzeit satte Gewinne ein. Dies befeuert zwar die politische Debatte über die Notwendigkeit einer sogenannten Gewinnabschöpfung bei Energiekonzernen. Dennoch gilt in rechtlicher Hinsicht: Energielieferanten dürfen ihre Preise erhöhen.

Den gesetzlichen Rahmen bei Energieverträgen hat die türkis-grüne Regierung erst vergangenen Herbst neu geregelt. Im Fall einer Preiserhöhung haben Kundinnen und Kunden zwar das Recht, ihren Vertrag zu kündigen – er läuft dann noch drei Monate mit dem alten Preis weiter.

Doch was die Kunden prinzipiell stärken soll, hat derzeit kaum Sinn: Praktisch alle Versorger verlangen aufgrund höherer Marktpreise mehr als zuvor. Experten sind daher skeptisch, was Anbieterwechsel betrifft. Bevor Kunden einen alten Vertrag wegen gestiegener Kosten kündigen, sollten sie sich erkundigen, ob andere Anbieter überhaupt billiger sind, rät Dorothea Herzele, Energieexpertin bei der Arbeiterkammer (AK), im Standard-Gespräch. „Die Tarife sind vor allem bei neuen Verträgen extrem stark gestiegen. Zum Teil sind die Preise sechsmal höher als in bestehenden Verträgen.“

Letzter Ausweg staatliche Hilfen

Der letzte Ausweg für viele zusehends verzweifelte Energiekonsumenten sind staatliche Hilfen. Hier stehen beispielsweise Einmalzahlungen wie der Energiekostenausgleich zur Verfügung oder Unterstützungen der Wiener MA 40. Doch das Problem daran ist, dass „das Geld schlicht nicht ausreicht oder zum falschen Zeitpunkt kommt“, sagt Doris Anzengruber von der Caritas. Zudem bekommen Menschen, denen die MA 40 bereits einmal unter die Arme gegriffen hat, häufig keine weiteren Leistungen.

Auch Familie Gruber, die mit drei Kindern in einem Wiener Gemeindebau wohnt, bangt derzeit um Unterstützung für die Jahresabrechnung. „Wenn sie diese nicht bekommen, können sie schlicht nicht bezahlen“, sagt Anzengruber.

Immerhin steht Betroffenen gesetzlich das Recht zu, mit ihrem Energieversorger eine Ratenzahlung zu vereinbaren. Laut Wien Energie machen bisher aber nur wenige Kunden davon Gebrauch. Das dürfte auch daran liegen, dass die Ratenzahlung das Problem nicht löst, sondern nur aufschiebt, sagt Anzengruber. Stattdessen schlägt die Sozialexpertin vor, dass Menschen am Existenzminimum höhere Sozialleistungen bekommen, die laufend an die Inflation angepasst werden. Denn derzeit scheint sicher: Das Problem der hohen Energiekosten werden wir so schnell nicht wieder los sein. Wirtschaft & Recht Seite 11

Der Standard

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