Russland dreht taktisch am Gashahn

22. Juni 2022, Wien

Seit Mittwoch kommt dramatisch weniger Gas durch die wichtigste Pipeline nach Europa. Gazprom gibt technische Gründe an, Experten bezweifeln das. Die Folgen werden die Verbraucher im Winter spüren.

So gut war es zuletzt gelaufen. Die hohen Temperaturen ließen den Gasbedarf vor allem der Haushalte sinken ebenso wie die Großhandelspreise für Erdgas. Und Versorger und Unternehmen haben – gestützt durch staatliche Garantien – fleißig Gas eingespeichert. Seit Wochenmitte herrscht wieder Alarmstimmung: Der russische Staatskonzern Gazprom hat angekündigt, die Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1, die wichtigste Leitung Richtung Europa, wegen Reparaturarbeiten drastisch zu drosseln.

Nach Deutschland fließen demnach 60 Prozent weniger Gas, Italien und die Slowakei bekommen um 50 Prozent weniger. Österreich, das auch über Pipelines durch die Ukraine versorgt wird, bekommt um ein Drittel weniger. Frankreich, das kaum ein Viertel seines Bedarfs mit russischem Gas deckt, erhält gar keines mehr über Pipelines.

Die Versorgung der Gaskunden sei nicht gefährdet, hieß es vonseiten des größten heimischen Gashändlers OMV und der Energieregulierungsbehörde E-Control am Freitag umgehend. Der Verbrauch sei um diese Jahreszeit ohnehin geringer und in den heimischen Speichern lagerten mittlerweile 40 Prozent des Jahresverbrauchs, anders als zu Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine Ende Februar. Die OMV würde gegebenenfalls auch Gas am Spotmarkt zukaufen, der Markt sei liquide, hieß es.

Der Effekt der Lieferreduktion zeigt sich aber an der Preisfront. Am österreichischen Handelsplatz CEGH kostete die Megawattstunde am Freitag 130 Euro, gut 50 Prozent mehr als vor einigen Tagen. Bei diesem Preis sei Einspeichern für Gashändler unattraktiv und genau darauf könnte der Kreml abzielen, vermutet Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung in der E-Control. Mit einem Lieferstopp rechnet sie nicht. „Wir stellen uns darauf ein, dass die Gasmenge so reduziert wird, dass die Versorgung gesichert ist, aber nicht eingespeichert wird.“ Die Folgen wären im Winter zu spüren in Form weiterer Preiserhöhungen. Nach EU-Vorgaben sollen die Speicher bis Oktober zu 80 Prozent gefüllt sein, was mit diesen Preisen extrem teuer wird.

Experten und Politik bezweifeln, dass über Nord Stream 1 tatsächlich wegen verzögerter Reparaturarbeiten weniger Gas fließen kann. „Das sind die offiziellen Informationen, die wir aus Russland bekommen. Was wir klar sehen, ist, dass durch die verringerten Gasmengen die Preise massiv in die Höhe getrieben und die Verunsicherung in ganz Europa geschürt wird“, so Klimaministerin Leonore Gewessler. Russland nutze die Gaslieferungen als Werkzeug in der aktuellen Auseinandersetzung. „Da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben. Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet, bis hin zu einem vollständigen Lieferstopp aus Russland“, betont sie.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte in einer ersten Reaktion erklärt, dass die Lieferdrosselung „eine politische Entscheidung ist, keine technisch begründbare Entscheidung“. Einen Zusammenhang mit dem Besuch der Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich und Italien in Kiew sieht er nicht.

„Jetzt ist der Punkt, wo alles politisch motiviert wirkt“, sagt auch Millgramm. Diese Woche haben Österreich und Deutschland weitere gesetzliche Schritte gesetzt, die direkt oder indirekt Gazprom-Aktivitäten betreffen. Hierzulande tritt Ende Juni eine Klausel in Kraft, wonach ungenutzte Speicher binnen vier Wochen verstaatlicht werden. Das zielt auf den modernsten Erdgasspeicher im salzburgischen Haidach, der von der Gazprom-Tochter GSA betreiben wird und leer steht (siehe Grafik). Er hängt derzeit am deutschen Netz, an der Anbindung in Österreich wird gearbeitet.

Die besonders gasabhängige chemische Industrie hat indes die Politik aufgerufen, die „Vorbereitungen für einen drohenden Gasengpass auszuweiten“, und Ministerin Gewessler (ohne Namensnennung) erneut vorgeworfen, keine konkreten Pläne zu haben, wie die Risiken eines Gasstopps abgemildert werden könnten oder wie das Gas im Ernstfall aufgeteilt werden solle. „Das bisher verfolgte Prinzip Hoffnung ist zu wenig“, so Fachverbands-Obmann Hubert Culik.

Dem Vernehmen nach wird im Hintergrund über einen Aufruf und Tipps für Haushalte zum – im Sommer leichter umsetzbaren – Einsparen diskutiert, aber nicht über Einschränkungen für die Industrie.

von Monika Graf

Salzburger Nachrichten

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