Österreich im Wasserstoff-Hype

22. Juli 2022, Wien

Analyse. Im Burgenland entsteht um 400 Millionen Euro der größte Wasserstoff- Elektrolyseur Europas. Das lindert die Abhängigkeit, ist aber kein Allheilmittel.

Der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) hat große Ziele: Bis in acht Jahren soll das östlichste Bundesland „energieautark“ sein. Am notwendigen grünen Strom wird es nicht mangeln. Schon heute liefern die Windkraftwerke auf der Parndorfer Platte übers Jahr gesehen eineinhalb Mal so viele Kilowattstunden, wie das ganze Burgenland verbraucht. Nur kommt der Strom nicht immer zur richtigen Zeit — und in großem Stil zur Seite legen lässt sich Elektrizität nun einmal nicht sonderlich gut.

Das soll sich nun ändern: Um 400 Millionen Euro wollen Burgenland Energie und der Verbund im Nordburgenland den mit Abstand größten Wasserstoff-Elektrolyseur Europas bauen. Bis 2030 soll in der 300-Megawatt-Anlage der lokal produzierte Wind- und Solarstrom in grünen Wasserstoff umgewandelt und damit speicherbar gemacht werden. Jedes Jahr würden dann rund 40.000 Tonnen Wasserstoff produziert und 400.000 Tonnen an CO2-Emissionen eingespart werden.

„Wir haben alle Technologien, die wir dafür brauchen, an der Hand“, sagt Stephan Sharma, Chef von Burgenland Energie. In einer ersten Ausbaustufe soll in Nickelsdorf eine 60 Megawatt (MW) starke Anlage gebaut werden, die immerhin 9000 Tonnen grünen Wasserstoff im Jahr produzieren könnte, die über bestehende Gasleitungen nach Schwechat und Wien transportiert würden.

Allein könnten die beiden Unternehmen das Projekt nicht stemmen, betonte Sharma, weshalb auch Bund und Land Förderungen zuschießen werden. Das Projekt sei ein „zentrales Element auf dem Weg in die Energieunabhängigkeit“, sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne). Stahl- und Chemiewerke würden auch in Zukunft gasförmige Energieträger benötigen — und da gebe es keine bessere Alternative als grünen Wasserstoff aus dem eigenen Land.

Plötzliche Liebe

So viel Euphorie für das Thema ist hierzulande neu. Vergessen scheinen die jahrelangen Grabenkämpfe darum, ob der Energieträger exklusiv für die Industrie eingesetzt oder etwa auch für Mobilität verwendet werden soll. Österreich zierte sich lang, eine eigenständige Wasserstoff-Strategie auf den Weg zu bringen. Erst vor wenigen Wochen — und unter dem Druck des drohenden Gasnotstands in Europa — legte die Koalition doch einen Plan vor.
Bis 2030 sollen demnach in Österreich Elektrolyseure mit einer Kapazität von einem Gigawatt gebaut werden, wofür der Bund jährlich 40 Millionen Euro an Förderungen zuschießen will. Ein knappes Drittel dieses Ziels wäre mit dem Großprojekt im Burgenland bereits erreicht.

Im Rest Europas herrscht ähnlich hektische Aktivität in Sachen Wasserstoff. Auch die EU hat ihre Wasserstoff-Ziele nachgeschärft und will nun bis 2030 zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst erzeugen und weitere zehn Millionen Tonnen importieren, um die Dekarbonisierung der Industrie voranzutreiben und gleichzeitig die Abhängigkeit von Erdgas zu verringern. Schon heute ist Wasserstoff etwa in der Düngemittelproduktion ein unverzichtbarer Rohstoff, der bisher aber nicht aus Ökostrom, sondern aus Erdgas gewonnen wird. Erst dieser Tage hat die Europäische Union die ersten Wasserstoff-Großprojekte mit einem Milliardenvolumen auf den Weg gebracht.
Um die künftige Wasserstoffwirtschaft zu ermöglichen, fehlt es aber nicht nur an neuen Elektrolyseuren und Pipelines, sondern vor allem an den notwendigen Erneuerbaren-Kraftwerken, um überhaupt erst ausreichend grünen Strom für die Elektrolyse zu erzeugen. Wie groß die Aufgabe ist, illustriert ein Beispiel aus Deutschland: Allein die Umstellung der deutschen Stahlwerke auf Wasserstoff würde den Zubau weiterer 12.000 Windkraftwerke erfordern.

Ohne Importe geht es nicht

In Österreich sieht die Lage nur wenig besser aus. 40.000 Tonnen soll die Anlage im Burgenland Ende des Jahrzehnts liefern. Nur zehn Jahre später werde der tatsächliche Bedarf im Land aber bei einer Million Tonnen Wasserstoff liegen, warnt Verbund-Chef Michael Strugl. „Wir werden auch bei Wasserstoff nicht den gesamten Bedarf aus Österreich decken können“, sagt er. „Es werden große Importkorridore notwendig sein, um das Land mit Wasserstoff zu versorgen.“

von Matthias Auer

Die Presse

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