„Gas sparen, wo immer es geht, ist die Devise“

27. Juli 2022, Wien

Konjunktur. Im Fall eines Gaslieferstopps müsste Österreich seinen Verbrauch um 27 Prozent reduzieren, die Wirtschaft würde deutlich schrumpfen, so das IHS. Die Politik solle sich „auf ein Worst-Case-Szenario vorbereiten“.

Zuerst die gute Nachricht: Österreichs Wirtschaft dürfte in den kommenden Jahren stärker wachsen als in den zurückliegenden. Das Institut für Höhere Studien (IHS) erwartet für den Zeitraum 2022 bis 2026 ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,8 Prozent im Jahr. Das ist deutlich mehr als die je 0,8 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Ein guter Teil davon ist aber durch statistische Effekte zu begründen. Denn das vergleichsweise starke durchschnittliche Wirtschaftswachstum sei hauptsächlich auf das Jahr 2022 zurückzuführen, das mit einem Wachstum von 3,8 Prozent glänzte. „Und das wird getrieben durch den Aufholprozess nach der Coronakrise“, sagte der IHS-Ökonom Helmut Hofer am Donnerstag.

Besonderes Augenmerk richteten die Ökonomen für ihre mittelfristige Prognose auf die Auswirkungen eines möglichen Gaslieferstopps auf die österreichische Wirtschaft. Vom Ukraine-Krieg und einem möglichen Ausfall der russischen Gaslieferungen gehe derzeit das größte Risiko für die österreichische Wirtschaft aus.
Die Ökonomen erwarten in ihrer Modellrechnung, dass nach Einsetzen eines Embargos ein Rückgang von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erwarten wäre. Gesetzt die Annahme, dass im Zeitraum vom Herbst 2022 bis Sommer 2023 in Österreich 27 Prozent des Erdgasverbrauchs eingespart werden müssten.

Inflation sinkt, bleibt aber hoch

Einsparungen der Haushalte und in der Stromerzeugung würden die für die Industrie verfügbare Gasmenge erhöhen und damit die Wirtschaft stützen. Dazu sei es notwendig, dass die — aktuell hohen — Marktpreise an die Endnutzer weitergegeben werden, um Anreize zum Energiesparen zu setzen, so die Ökonomen. „Gas sparen, wo immer es geht, ist, glaube ich, die Devise“, sagte der IHS-Ökonom Michael Reiter. Entsprechend kritisch sehen die Ökonomen politische Maßnahmen wie den von der niederösterreichischen Landesregierung angekündigten Strompreisrabatt. „Ich wohne in Niederösterreich und freue mich, dass auch ich in den Genuss dieses Deckels komme. Sie sehen schon, wie sozial treffsicher die Maßnahme ist“, sagte IHS-Chef Klaus Neusser.

Die Politik sollte sich „auf ein Worst-Case-Szenario vorbereiten“ und froh sein, wenn es nicht eintritt, empfahl Reiter. Im Falle eines Lieferstopps seitens Russlands müssten einige Betriebe ihre Produktion stilllegen oder zumindest einschränken.

„Beträchtlicher Revisionsbedarf“ besteht laut den Ökonomen bei der Inflationsprognose. Getrieben von den Energiepreisen sei die Inflation zu Mitte des laufenden Jahres bereits auf 8,75 Prozent gestiegen. Seit Jahresbeginn habe der starke Preisauftrieb auch auf Lebensmittel und Industriegüter übergegriffen. In den kommenden Monaten dürfte „der Preisdruck nur geringfügig nachlassen“, so die Ökonomen, sodass für den Jahresdurchschnitt knapp 7,5 Prozent Teuerung erwartet werden. Im weiteren Prognosezeitraum dürfte der Inflationsdruck stetig nachlassen. Für den Zeitraum 2022 bis 2026 wird aber immer noch eine durchschnittliche Inflation von vier Prozent im Jahr erwartet. Und auch für diese Prognose gebe es „deutliche Risken“, so Hofer.

IHS-Chef: „Vollbeschäftigung“

Für den Arbeitsmarkt stellten die Ökonomen — vorausgesetzt, es kommt nicht zum Gaslieferstopp — recht gute Aussichten vor: Die Arbeitslosenquote dürfte bei 6,2 bleiben. Der österreichische Arbeitsmarkt hat sich von der Pandemie deutlich schneller erholt als erwartet. „Ich würde sogar das Wort Vollbeschäftigung in den Mund nehmen“, sagte Neusser.

Kurier

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